Parmalat 15 Jahre Bilanz gefälscht

Der italienische Lebensmittelkonzern Parmalat hat Gläubigerschutz beantragt. Medienberichten zufolge soll das Unternehmen seit mehr als 15 Jahren seine Bilanzen gefälscht haben. Die italienische Regierung will den Konzern dennoch retten.

New York - Der in einen Milliarden-Bilanzskandal verwickelte italienische Lebensmittelkonzern Parmalat soll nach Informationen des "Wall Street Journal" mindestens seit 15 Jahren seine Bücher systematisch gefälscht haben. Wie die Zeitung in ihrer Online-Ausgabe unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Kreise berichtet, haben die Ermittler eine Reihe weiterer gefälschter Dokumente entdeckt, die Details zu den weltweiten Geschäftsbeziehungen von Parmalat bestätigten.

Bereits vergangene Woche waren Belege aufgetaucht, nach denen ein angebliches Konto über 3,9 Milliarden Euro bei der Bank of America schlicht nicht existierte. Zusammen mit den neu aufgetauchten Dokumenten ergäben sich Zweifel an dem Prüfgebaren des italienischen Partners des internationalen Wirtschaftsprüfers Grant Thornton, schreibt die Zeitung.

Grant Thornton war demnach bis 1999 der langjährige Prüfer der Parmalat-Bilanzen und hat auch über diesen Zeitpunkt hinaus die Bücher von Töchtern des italienischen Konzerns unter die Lupe genommen. Dazu gehöre die Tochter, um die sich der Bilanzskandal in erster Linie drehe. Die Ermittler versuchten weiter herauszufinden, wer die Verantwortung für die gefälschten Dokumente trage.

Gläubigerschutz beantragt

Die vom Zusammenruch bedrohte Parmalat Finanziaria hat unterdessen Gläubigerschutz beantragt und gleichzeitig Rückendeckung in Rom erhalten. Italienische Medien beziffern das Finanzloch nach neuesten Hinweisen auf 7 bis 13 Milliarden Euro. Parmalat-Büros sowie die Wohnung des Firmengründers und Ex-Vorstandschefs Calisto Tanzi in Parma wurden durchsucht.

Das staatliche italienische Fernsehen berichtete, Tanzi halte sich vermutlich im Ausland auf. Experten sprechen von einem der größten Finanzskandale in der europäischen Unternehmensgeschichte. Insgesamt beschäftigt Parmalat weltweit rund 36.000 Menschen in 30 Ländern.

Regierung will Konzern retten

Bisherigen Erkenntnissen der Justiz zufolge hatte Parmalat wichtige Finanzdokumente gefälscht, um Bilanzwerte in Milliardenhöhe vorzutäuschen. Ein ehemaliger Top-Manager räumte laut Zeitungsberichten ein, dass es bereits seit 1988 Finanzmanipulationen gegeben habe. Diese seien von der obersten Unternehmensspitze angeordnet worden.

Die italienische Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi sprach sich inzwischen dafür aus, den Lebensmittelkonzern retten zu wollen. Die Regierung berief den neuen Vorstandschef Enrico Bondi zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Bondi soll schnellstens Vorschläge zur Rettung des Betriebs und der Arbeitsplätze vorlegen. Zugleich rief die Regierung die EU auf, Notmaßnahmen für die italienische Milchwirtschaft zu bewilligen.

Landwirtschaftsminister Gianni Alemanno sagte, auf "Bondi kommt eine schwierige Aufgabe zu". Die Regierung werde ihn unterstützen, "um die Kontinuität der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion zu garantieren." Milchbauern drohten unterdessen an, ihre Lieferungen einzustellen. Sie haben nach eigenen Angaben teilweise seit Monaten kein Geld mehr erhalten.

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