Saddam Hussein gefasst "Eine dunkle Ära ist vorüber"

US-Truppen haben den ehemaligen irakischen Dikator Hussein gefasst. Er hatte sich in einem Erdloch versteckt. Eine "dunkle, schmerzhafte Ära" gehe für den Irak zu Ende, sagte US-Präsident Bush. Bei neuen Anschlägen im Irak starben am Sonntag mindestens 19 Menschen.

Bagdad/Washington - "Dies ist ein großer Tag in der Geschichte Iraks", sagte der US-Verwalter im Irak, Paul Bremer, am Sonntagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Bagdad. Hussein sei am Sonnabend um 20.30 Uhr Ortszeit in Adwar aufgegriffen worden, 20 Kilometer südlich seiner Geburtsstadt Tikrit. Saddam habe sich auf dem Gelände eines Bauernhofes in einem Schmutzloch versteckt.

Der US-Oberbefehlshaber General Ricardo Sanchez sagte bei derselben Pressekonferenz, Saddam Hussein habe keinen Widerstand geleistet. Er sei "redselig und kooperativ". Hussein werde jetzt an einem geheimen Ort festgehalten. Bei der Pressekonferenz brach unter den anwesenden irakischen Journalisten immer wieder Jubel aus.

Wie US-Generalmajor Raymond Odierno am Sonntag mitteilte, sei der Hinweis über den Aufenthaltsort des früheren Diktators aus einer ihm nahestehenden Familie gekommen. Der Kommandeur sagte, in den vergangenen zehn Tagen seien fünf bis zehn Mitglieder dieser Familie vernommen worden: "Schließlich haben wir von einer dieser Personen die entscheidende Information bekommen."

DNA-Analyse bestätigt: Er ist es

Auf Videobildern war Saddam Hussein mit einem grau-schwarzen Vollbart zu sehen. Ein US-Soldat mit Gummihandschuhen betastete Saddams Haare und leuchtete mit einer Lampe seinen Mund aus. Nach seiner Verhaftung sei der Ex-Machthaber rasiert worden, so Sanchez weiter. Danach sei er erneut fotografiert worden, ehe Experten mit der DNA-Untersuchung begonnen hätten. Dabei sei er zweifelsfrei identifiziert worden.

Mit Schaufeln aus dem Schmutzloch gegraben

600 Soldaten seien an der Operation "Rote Dämmerung" beteiligt gewesen. Kurdische Kämpfer, so genannte Peschmerga, hätten ebenfalls teilgenommen. Auf den Videobildern war auch das Erdloch zu sehen, in dem Saddam Hussein sich versteckt hatte. US-Truppen hätten den Ex-Diktator mit Schaufeln ausgraben müssen.

Saddam Hussein sei in einer Höhle gefunden worden, die unter anderem mit einem Teppich abgedeckt gewesen sei. Er habe zwar eine Pistole gehabt, bei der Festnahme aber keinen Widerstand geleistet. "Er wurde wie eine Ratte gefangen", sagte Generalmajor Odierno. Die Soldaten, die an dem Einsatz beteiligt waren, hätten bis zuletzt nicht gewusst, gegen wen sich die Razzia gerichtet habe.

Die Soldaten hätten auch kein Telefon, ein Funkgerät oder andere Kommunikationsmittel bei ihm gefunden. Dies bestärke den Verdacht, dass Hussein nicht in größerem Ausmaß an der Koordinierung der Angriffe auf die US-Truppen beteiligt war. "Ich denke, er war da mehr als moralische Unterstützung", sagte Odierno. "Ich glaube auch nicht, dass es eine nationale Koordination gibt."

Bush sieht so schnell kein Ende der Gewalt

"Keine Rückkehr zur korrupten Macht"

US-Präsident George W. Bush sagte am Sonntag, das irakische Volk brauche nun nie mehr Angst vor Saddam zu haben: "Eine dunkle und schmerzhafte Ära ist vorüber." Saddam werde jetzt mit der Gerechtigkeit konfrontiert, die er Millionen Menschen verweigert habe. Für die Anhänger des alten Baath-Regimes, die hauptsächlich für die anhaltende Gewalt im Irak verantwortlich seien, werde es keine Rückkehr zur "korrupten Macht" geben. Zugleich warnte Bush, die Festnahme bedeute keine Garantie für ein Ende der Gewalt im Irak. Aber die "terroristischen Kräfte" würden am Ende besiegt werden.

Der britische Premier Tony Blair feierte die Festnahme als großen Erfolg für die Alliierten und den Irak. Saddam hat die Macht verloren, er wird nicht zurückkommen, sagte Blair am frühen Nachmittag in einer TV-Ansprache. "Der Albtraum einer Rückkehr Saddams ist gebannt." Mit der Festnahme sei auch die Behauptung, "dass wir Krieg gegen die Muslime führen" als Lüge entlarvt. US-Präsident George W. Bush ist am Sonntag im Weißen Haus in Kenntnis gesetzt worden. Noch ist unklar, wann er Stellung nehmen wird.

"Saddam wird der Prozess gemacht"

Ahmad Chalabi, führendes Mitglied des Rates, sagte in einem TV-Interview, man wolle Saddam Hussein im Irak vor Gericht stellen. "Wir werden ihn öffentlich anklagen, damit die Menschen von seinen Verbrechen wissen", sagte er im TV-Sender al-Iraqiya, der vom Pentagon finanziert wird. Chalabi hat gute Kontakte zu US-Präsident Bush. Auch nach dem Willen Tony Blairs soll sich Saddam Hussein vor einem irakischen Gericht verantworten.

Die irakische Interimsregierung hatte bereits am vergangenen Mittwoch ein Tribunal eingerichtet, um Mitglieder der Hussein-Regierung wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen. Ursprünglich hieß es, über Saddam Hussein könne auch in seiner Abwesenheit verhandelt werden.

Saddam Hussein, 66, regierte den Irak bis zu seinem Sturz am 9. April 23 Jahre lang, seither war er untergetaucht. Die USA haben ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf seine Ergreifung ausgesetzt. In der 55-köpfigen Liste der von den USA meist gesuchten Personen stand er auf Platz eins.

Tote und Verletzte bei weiteren Anschlägen

Saddam Hussein war den US-Truppen bisher immer entkommen. Immer wieder wurde berichtet, er wechsele alle paar Stunden seinen Aufenthaltsort, verkleide sich und werde von seinem Familienclan unterstützt. Die Verhaftung Saddams dürfte ein wichtiger Moralschub für die US-Truppen im Irak sein, die unter fast täglichen Guerilla-Angriffen leiden. Auch könnte der Erfolg die Chancen Bushs für eine Wiederwahl im November 2004 erhöhen.

Zahlreiche Tote bei einem Autobombenanschlag

Am Sonntagmorgen kamen bei einem Autobombenanschlag auf eine Polizeiwache in der westirakischen Stadt El Chalidija mindestens 19 Iraker ums Leben. Rund 30 weitere Menschen wurden verletzt. Die meisten Opfer des Anschlags waren Polizisten, aber auch zwei Kinder, wie der arabische Fernsehsender El Dschasira unter Berufung auf Krankenhausärzte in der Nachbarstadt Ramadi berichtete.

Am Abend explodierte laut El Dschasira ein mit großen Mengen Benzin beladenes Fahrzeug vor dem "Palestine"-Hotel in Bagdad. Der Sender sprach von drei Explosionen an verschiedenen Orten in Bagdad.

Unbekannte haben zudem am Sonntag im irakischen Nachbarstaat Kuwait nach Angaben der US-Armee US-Militärkonvois beschossen und vier Soldaten leicht verletzt. Es habe am späten Nachmittag außerhalb von Kuwait-Stadt zwei Angriffe von Unbekannten auf US-Konvois gegeben. Bei einem der Angriffe seien vier Soldaten durch Glassplitter verletzt worden.