Ernst & Young Den Kunden nach Osten folgen

Herbert Müller, Chef von Ernst & Young Deutschland, warnt vor den Folgen einer strikten Trennung von Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung für ihn und seine Branche.

Stuttgart - Müller kündigte am Donnerstag im Rahmen der Jahrespressekonferenz an, den Mandanten nach Osteuropa folgen zu wollen. Er sprach von einer dramatischen Verlagerung deutscher Betriebe dorthin.

Müller äußerte sich aber hauptsächlich kritisch zu den geplanten Gesetzesänderungen für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. "Ein Verbot der Steuerberatung würde gegen das Übermaßverbot verstoßen und ohne Not über die bekanntermaßen scharfen Bedingungen des Sarbanes Oxley Act hinausgehen", sagte der Vorstandsvorsitzende. Müller plädierte dafür, dass sich die deutsche Regierung den US-Bedingungen anpasse, wo eine gleichzeitige Beratungstätigkeit des Wirtschaftsprüfers dann zulässig ist, wenn das Board des zu prüfenden Unternehmens diese Doppeltätigkeit genehmigt. "Eine europaweite Lösung wäre auch eine Alternative", sagte Müller.

Gleichwohl befürchtet Ernst & Young keine Umsatzverluste durch die womöglich bald eintretenden Veränderungen: "Jeder Wirtschaftsprüfer verliert zwar dann bei den Prüfungsaufträgen die bisherigen Beratungsumsätze", sagte COO Christoph Groß. Diese würden dann wiederum auf die anderen Gesellschaften verteilt. Ernst & Young werde auf Grund der gegenüber den anderen großen Prüfern geringeren Prüfungstätigkeit mehr Beratungsaufträge gewinnen als verlieren, zeigte sich Groß zuversichtlich. In Deutschland sei Ernst & Young dafür gut positioniert, zwei Drittel der Dax-30- und die Hälfte der Dax-100-Unternehmen zählten bereits zu den beratenen Kunden.

Umsatz in der Gruppe leicht rückläufig

Die Ernst & Young AG konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2002/2003 im Vergleich zum Vorjahr den Umsatz um 47 Prozent auf 743 Millionen Euro steigern. Dabei ist der Bereich Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Beratung um 53 Prozent, der Bereich Steuerberatung um 49 Prozent gewachsen. Die hohen Wachstumsraten kommen auf Grund des Zusammenschlusses mit Arthur Andersen zum 1. September 2002 zu Stande.

Die Ernst & Young-Gruppe, zu der die Ernst & Young Real Estate, die Ernst & Young Corporate Finance und die Luther Menold Rechtsanwaltsgesellschaft gehören, hat einen Umsatz von 840 Millionen Euro erzielt. Da die Fusion mit Arthur Andersen erst zum 1. September 2002, also im Verlauf des Geschäftsjahres 2002/2003 wirksam wurde, sind in diesen Zahlen zwei Monate der ehemaligen Andersen-Geschäftstätigkeit nicht berücksichtigt.

Nach Schätzungen von Ernst & Young lag damit der Umsatz der deutschen Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr bei rund 900 Millionen Euro. "Der Vergleich mit den Umsätzen der beiden Vorgängergesellschaften ergibt, dass wir eine Stagnation des Umsatzes beziehungsweise einen leichten Rückgang zu verzeichnen haben", stellte COO Groß fest. Im Jahresdurchschnitt beschäftigte Ernst & Young in Deutschland 6600 Mitarbeiter. Damit ist die Mitarbeiterzahl im laufenden Geschäftsjahr um 600 Beschäftigte gesunken.

"Schwarzes Nullwachstum"

Auch wenn sich die Rahmenbedingungen verbesserten, werde Ernst & Young wie bei Prüfunternehmen üblich einer guten Entwicklung erst mit Verspätung von mindestens einem halben Jahr folgen, so Vorstandschef Müller. Deshalb rechne er für den Umsatz im kommenden Geschäftsjahr nur mit einem "schwarzen Nullwachstum".

Die deutsche Ernst & Young ist Mitgliedsunternehmen der weltweit agierenden Ernst & Young International mit rund 13 Milliarden Dollar Umsatz und 100.000 Beschäftigten.