Lkw-Maut "Wir brauchen höchstens sechs Monate"

Der Bundesregierung liegt ein Angebot vor, das der Maut-Misere eine entscheidende Wendung geben könnte. Der österreichische Mautbetreiber Europpass bietet seine Technologie an. Die Installation in Rekordzeit will die Europpass-Mutter Autostrade finanzieren, dürfte aber eine bedeutende Rolle im Betreiberkonsortium verlangen.
Von Christian Buchholz

Berlin/Wien - Die italienische Autostrade  macht der Bundesregierung ein konkretes Angebot: Binnen sechs Monaten will der größte Privat-Investor Italiens ein funktionierendes Maut-System in Deutschland aufbauen.

"Wir garantieren, dass die ersten Maut-Einnahmen fünf bis sechs Monate nachdem wir den Auftrag bekommen, fließen", sagte Peter Newole, Mitglied im Vorstand Autostrade International, gegenüber manager-magazin.de.

Newole, der als Geschäftsführer der österreichischen Europpass für den Aufbau des Maut-Systems in Österreich verantwortlich ist, kündigt außerdem an, dass die angebotene Variante keinen Cent mehr Steuerlast verursache. "Die Installationskosten übernimmt Autostrade in voller Höhe", sagte Newole auf Nachfrage.

Garantien im Falle von Einnahmeausfällen

Sollte das österreichische System nicht wie angekündigt sechs Monate nach Auftragserteilung bundesweit funktionieren, will Autostrade die damit verbundenen Einnahmeausfälle für den Bund in voller Höhe übernehmen. Felix Stenschke, Sprecher im Bundesverkehrsministerium bestätigt, dass es "auf Beamten-Ebene" ein Gespräch mit Autostrade gegeben habe. Ein Urteil über das Angebot gebe es aber nicht.

Doch der italienische Konzern dürfte allein schon aufgrund seiner Finanzkraft der einzige ernstzunehmende Kandidat für eine mögliche Erweiterung des Toll-Collect-Gremiums sein. Den bestehenden Vertrag mit Toll Collect könnte die Bundesregierung nach einer "Abmahnung" zum 15. Dezember zwei Monate später kündigen. Darauf folgen müsste eine neue Ausschreibung, die mindestens ein halbes Jahr kosten würde - ein Zeit-Killer. Eine Veränderung im Leitstand von Toll-Collect ist dagegen kurzfristig möglich.

Im Rekordtempo müssten hierzulande anschließend zumindest einige hundert zusätzliche Brücken über die Autobahnen für die Einführung des Maut-Systems nach österreichischem Muster errichtet werden. Weil buchstäblich nicht so schwere Technik an den Europpass-Brücken hängt wie an den Toll-Collect-Portalen fallen sie allerdings graziler und damit preiswerter aus.

Familie Benetton spielt mit

Die Finanzierung übernimmt Autostrade, an der auch die Familie Benetton beteiligt ist, wenn die Regierung in Berlin dieselben finanziellen Konditionen gewährt, wie sie dem jetzigen, gestrauchelten Betreiberkonsortium Toll Collect vertraglich zugesichert wurden. Auf eine kurze Formel gebracht: Aufbau der Technik gegen Beteiligung an den Einnahmen, wenn das System in Betrieb geht.

Für die schnelle Umrüstaktion, die schätzungsweise dreistellige Millionenbeträge verschlingt, dürfte Autostrade vermutlich eine führende Rolle im Betreiber-Konsortium verlangen. Aber: "Wir können uns vorstellen, mit den Unternehmen, die derzeit der Toll-Collect-Gruppe angehören, zusammenzuarbeiten", sagt Newole.

Der kurze Zeit-Horizont des Angebots wird nach seiner Aussage durch die startbereite österreichische Maut möglich: "Die IT-Prozesse sind längst abgeschlossen, die Soft- und Hardware Spezifikationen fertig, Prototypen nicht mehr nötig und die Massenproduktion der einzelnen Komponenten bereits im Endstadium."

Drei Beweggründe für Stolpe

Drei Beweggründe für Stolpe

Alle Tests seien erfolgreich abgelaufen, die baulichen Infrastrukturarbeiten für das Projekt Deutschland-Maut blieben "als einzig wichtiger Teil". Durch zeitlich parallele Aufträge an verschiedene regionale Bau-Unternehmen seien die Aufbauarbeiten aber zügig durchzuführen.

Für Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe, dem nach monatelangem, stoischem Vertrauen in Toll Collect schließlich auch öffentlich der Kragen platzte, könnte das österreichische Angebot aus drei Gründen gelegen kommen: Zum einen übersteht die Technik, die in Österreich zum 1. Januar 2004 eingeführt werden soll, die derzeitige Testphase soweit bekannt zuverlässig. Vielleicht auch, weil das System technologisch weniger ambitioniert aufgebaut wurde als Toll Collects satellitengestütztes und mit Eingabeterminals gespicktes Konzept. Die Inbetriebnahme-Verordnung für Europpass wurde Ende November durch Österreichs Verkehrsminister Hubert Gorbach erteilt.

Zweitens könnte Stolpe mit einer neuen Spitze im Betreiberkonsortium wasserdichte Verträge schließen, bei denen Fehler der Vergangenheit berücksichtigt werden. Da die jetzige Toll Collect weiterhin Mitbetreiber wäre, kämen die deutschen Konzerne DaimlerChrysler  und Deutsche Telekom  und die französische Cofiroute zwar mit einem blauen Auge aus dem möglichen Maut-Mobbing. Die Schande, erneut einen versprochenen Starttermin verschieben zu müssen, bliebe ihnen aber erspart.

Dritter Punkt: Die derzeit verbauten On-Board-Units (Obus) verfügen bereits über eine Mikrowellen-Schnittstelle, so dass ihr Einsatz laut Europpass auch im neuen System reibungslos funktioniert. Lkw-Fahrer, die noch kein Obu an Bord haben, kommen aber noch wesentlich günstiger weg: Die Sende- und Empfangsbox (GoBox) von Europpass wird weniger als zehn Euro kosten.

Zum Einbau zieht man auf der Rückseite des zigarettenschachtelgroßen Geräts einen Schutzstreifen ab und klebt die kleine Box von innen an die Windschutzscheibe. Im selben Moment ist das Gerät einsatzbereit. Für den Einbau von Toll-Collect-Obus in der Werkstatt müssen die Lkw-Besitzer derzeit noch etwa 400 Euro berappen.