Pleiten "Lage nie elender als heute"

2003 wird wieder ein Jahr der Rekorde - der Pleitenrekorde, meint die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Im EU-Vergleich sei Deutschland führend bei großen Unternehmenspleiten. Ein Hoffnungsschimmer sei auch 2004 nicht in Sicht.

Frankfurt/Main - Die Pleitewelle in Deutschland nimmt auch in diesem Jahr kein Ende. Die Zahl der Insolvenzen erreicht sogar eine neue Rekordmarke, wie der Verband der Vereine Creditreform am Donnerstag bekannt gab.

Nach Angaben von Creditreform werden dieses Jahr 39.700 Betriebe und damit 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr bei Gericht einen Insolvenzantrag stellen. Die Zahl der Insolvenzanmeldungen von Privatpersonen werde um 28,7 Prozent auf 60.100 zunehmen, teilte die Neusser Wirtschaftsauskunftei unter Verweis auf bis Ende November vorliegender Daten mit.

Für 2004 sei keine Trendwende zu erwarten. Die Schadenssumme für die deutsche Volkswirtschaft schätzt Creditreform auf 40,5 Milliarden Euro nach 38,4 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Mehr als 600.000 Arbeitsplätze, davon bis zu 30.000 Ausbildungsplätze, drohten in diesem Jahr wegzufallen.

2004: Bis zu 43.000 Unternehmen insolvent?

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei Insolvenzen laut Creditreform im Mittelfeld, führt die Statistik aber auf Grund der Größe der Volkswirtschaft in absoluten Zahlen an. "Auch in den übrigen europäischen Volkswirtschaften ist ein Anstieg der Zahlungsunfähigkeit erkennbar", sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Rödl. Mit dem Zusammenbruch von Traditionsunternehmen wie Wienerwald, Grundig und Aero Lloyd habe Deutschland in diesem Jahr die meisten Firmenpleiten bei Großunternehmen verzeichnet.

Ähnliche Zahlen wie Creditreform hatte bereits der weltgrößte Kreditversicherer Euler Hermes veröffentlicht. Trotz der sich abzeichnenden leichten Konjunkturerholung mit einem von Wirtschaftsexperten prognostizierten Wachstum von etwa 1,5 bis 2,0 Prozent erwarten die Experten von Euler Hermes und Creditreform 2004 einen weiteren Anstieg der Pleitefälle bei Firmen und Privatpersonen. Danach dürften im kommenden Jahr bis zu 43.000 Unternehmen und bis zu 70.000 Privatpersonen Insolvenz anmelden.

"Den Unternehmen geht das Geld aus", begründete Rödl den seit zehn Jahren ungebrochenen Anstieg der betrieblichen Pleiten in Deutschland. "Nie war die Lage der kleinen und mittleren Betriebe elender als heute", sagte Rödl. Die Zahlungsunfähigkeit treffe vor allem Kleinbetriebe mit bis zu fünf Mitarbeitern. "Latent insolvenzgefährdet" seien bis zu 30 Prozent der rund 2,5 Millionen Mittelständler. Die anfälligste Branche sei weiter die Bauwirtschaft. Hauptgrund der Firmenpleiten seien die ungenügende Eigenkapitalausstattung und eine restriktivere Kreditvergabe der Banken, auf die kleine und mittlere Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung maßgeblich angewiesen seien.

"Treppenphänomen" macht Deutschland zu schaffen

Rund ein Drittel der privaten Insolvenzen betreffe ehemals selbstständige Unternehmer. Ansonsten seien Arbeitslosigkeit, Scheidungen und schlechte Haushaltsführung maßgebliche Gründe für die Überschuldung von Privatpersonen, urteilte Creditreform.

Auch in den kommenden Jahren rechnet die seit 124 Jahren tätige Wirtschaftsauskunftei nicht mit einer Trendwende. Die Experten sprechen vom "Treppenphänomen". Danach steigt die Zahl der Insolvenzen in konjunkturell schwachen Zeiten stark an und verharrt in Boomphasen auf hohem Niveau. Binnen einer Dekade stieg der Zahl der Firmenzusammenbrüche so um mehr als das zweieinhalbfache.

Den Firmenpleiten steht nach Angaben von Creditreform trotz des schwachen Konjunkturverlaufs aber auch eine beträchtliche Zahl von Gründungen gegenüber, so dass in diesem Jahr unter dem Strich ein Plus von 105.000 neuen Unternehmen stand. Nur in Sachsen-Anhalt seien 2003 mehr Unternehmen von der Bildfläche verschwunden als gegründet wurden. Durch Neugründungen von Firmen seien in Deutschland insgesamt 324.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden.

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