DaimlerChrysler "Ein schlichter, klassischer Betrug"

Eine Milliarde Dollar - diese Summe fordert Kirk Kerkorians Anwalt. Am heutigen zweiten Verhandlungstag des Prozesses soll der ehemalige Chrysler-Großaktionär selbst aussagen. Er will beweisen, dass DaimlerChrysler-Chef Schrempp vor fünf Jahren geschwindelt hat.

Wilmington/Stuttgart - Der US-Investor Kirk Kerkorian verlangt von dem Autokonzern DaimlerChrysler  mehr als eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Das erklärte Kerkorians Anwalt Terry Christensen zum Auftakt des mit Spannung erwarteten Prozesses um die Umstände der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler 1998 vor einem US-Bundesgericht (siehe: Eröffnungsplädoyer des DaimlerChrysler-Anwalts Jonathan Lerner, pdf). Bei der Einreichung der Klage vor drei Jahren war noch ein Betrag von acht Milliarden Dollar genannt worden.

Der Milliarden-Prozess begann in Wilmington (Bundesstaat Delaware) mit scharfzüngigen Plädoyers der Anwälte. Der frühere Chrysler-Großaktionär Kerkorian (86) und seine Investmentgesellschaft Tracinda werfen dem Management unter Führung von Vorstandschef Jürgen Schrempp (59) vor, den Zusammenschluss zwischen Daimler-Benz und Chrysler 1998 fälschlicherweise als "Fusion unter Gleichen" ausgegeben zu haben.

Tatsächlich aber, so die Argumentation, sei es eine Übernahme gewesen. Kerkorian will der Führungsriege von Daimler-Benz "schlichten, altmodischen Betrug" nachweisen.

DaimlerChrysler: Struktur "keineswegs festgemeißelt"

Der Konzern dagegen argumentiert, in den vor fünf Jahren unterzeichneten Merger-Verträgen mit Chrysler, insbesondere im "Business Combination Agreement" sei die Struktur des neu entstehenden Konzerns "keineswegs festgemeißelt" worden.

Die nach dem Merger erfolgten Änderungen der Corporate Governance von DaimlerChrysler gingen mit den ursprünglichen Verträgen konform. Auf die sich nach dem Merger verschlechternde Situation von Chrysler habe man flexibel reagieren müssen und dabei nicht gegen bestehende Verträge verstoßen.

Tracinda-Anwalt unterstellt einen heimlichen Plan

Nach der Schilderung von Tracinda-Anwalt Terry Christensen hatten jedoch clevere Daimler-Benz-Manager einen heimlichen Plan geschmiedet, um die Macht bei dem amerikanischen Autokonzern zu übernehmen. "Es war schlicht und einfach klassischer Betrug. Sie übernahmen die Kontrolle und haben nicht dafür gezahlt."

Im Falle eines Takeovers hätte Kerkorian, der fast 14 Prozent der Chrysler-Anteile hielt, einen höheren Aufschlag beim Tausch seiner Aktien erhalten als bei der gleichberechtigten Fusion, die offiziell umgesetzt wurde.

"Tracinda wollte Zusammenschluss um jeden Preis"

DaimlerChrysler-Anwalt Jonathan Lerner attackierte die Darstellung der Gegenseite, Kerkorian sei als unschuldiger Investor hinters Licht geführt worden. "Tracinda wollte diesen Zusammenschluss um jeden Preis", sagte Lerner.

Der Investor habe gewusst, dass auf Grund der anfälligen Autokonjunktur die Aussichten für Chrysler als einzelnes Unternehmen ungünstig gewesen seien.

Auf Medienberichte, dass die deutsche Seite in dem neuen Konzern ein stärkeres Gewicht erlangen werde, habe man gar nicht erst reagiert. "Tracinda war eine Fusion unter Gleichen immer gleichgültig." Erst als der Aktienkurs tiefer und tiefer sank, seien Kerkorians Helfer auf die Idee gekommen zu klagen.

Kerkorians Aktienpaket legte um 650 Millionen Dollar zu

Nachdem Einzelheiten des Zusammenschlusses zwischen Daimler-Benz und Chrysler im Mai 1998 vom "Wall Street Journal" veröffentlicht worden waren, hätten die Chrysler-Aktien von Tracinda an einem Tag um 650 Millionen Dollar zugelegt, schilderte Lerner die umstrittenen Vorgänge weiter.

Kerkorian dagegen beruft sich auf ein Interview von DaimlerChrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp mit der "Financial Times" im Herbst 2000.

Der "psychologische Umweg"

Schrempps Zitat vom "psychologischen Umweg"

Die Zeitung hatte ihn dort mit den Worten zitiert, er habe es von vornherein auf eine Übernahme des US-Autobauers abgesehen, der inzwischen nur noch eine von mehreren Sparten von DaimlerChrysler ist.

Wörtlich heißt es in dem Artikel der Redakteure Tim Burt and Richard Lambert: "... he admitted that Chrysler had been relegated to a standalone division. Far from being 'a merger of equals', as originally conceived, the deal has emerged as just one deal among several from the 'executive war-room' of Daimler's Stuttgart headquarters."

Weiter ist zu lesen: "Now that most of Chrysler's old management board has resigned or retired, Mr Schrempp sees no reason to maintain the fiction. 'Me being a chess player, I don't normally talk about the second or third move. The structure we have now with Chrysler (as a standalone division) was always the structure I wanted,' he says. 'We had to go a roundabout way but it had to be done for psychological reasons.'"

Videoausschnitte und Tonbandaufzeichnungen

Die Darstellung als "Fusion unter Gleichen" (Merger of Equals) wurde also demnach nur aus "psychologischen" Gründen genutzt, um die Aktionäre zu überzeugen. Einen Monat später reichte Kerkorian seine Klage ein, die er ursprünglich auf mehr als acht Milliarden Dollar beziffert hatte.

Paragrafen und andere juristische Finessen kamen in den Erklärungen der Anwälte kaum vor. Sie konfrontierten den Richter stattdessen mit Videoausschnitten aus einem Interview Kerkorians und einer Tonbandaufzeichnung von Schrempp.

Tracinda wollte keine Geschworenen

Um zu demonstrieren, dass sich die Zahl der Amerikaner im DaimlerChrysler-Vorstand seit der Fusion von acht auf einen verringert hat, ließ Christensen ein Schaubild mit Symbolen deutscher und amerikanischer Fahnen aufstellen. Am Morgen hatten Helfer Dutzende Kartons mit Unterlagen in den Gerichtssaal getragen.

Richter Joseph Farnan, Jr. (58), hörte sich die Vorträge der Juristen mit gelassener Miene an. Er entscheidet den Fall allein, nachdem Tracinda in einer früheren Vereinbarung auf die sonst in den USA üblichen Geschworenen verzichtet hatte. Nach Einschätzung von Rechtsexperten wäre eine Jury anfälliger für emotionale Argumente.

Elf Verhandlungstage angesetzt

Kerkorian, der seine Geschäfte überwiegend in der Entertainment-Metropole Las Vegas gemacht hat, wird nach Angaben eines Tracinda-Vertreters am heutigen Dienstag aussagen, Schrempp erst in der zweiten Prozesswoche.

Finanzvorstand Manfred Gentz, gegen den sich die Klage ebenfalls richtet, und der letzte Chrysler-Chef Bob Eaton werden ebenfalls in den Zeugenstand gerufen. Bis 17. Dezember sind elf Verhandlungstage angesetzt.

Vergleich nicht ausgeschlossen

Ein Vergleich wurde unterdessen nicht ausgeschlossen: "Es wäre dumm, wenn wir nicht reden würden, wenn jemand mit uns reden will", sagt DaimlerChrysler-Anwalt Schell vor dem Prozess. Nach Medienberichten gibt es von Tracinda bereits ein Vergleichsangebot.

In einer Auseinandersetzung mit früheren Chrysler-Kleinaktionären, die aus dem gleichen Grund wie Kerkorian klagten, hatte sich DaimlerChrysler im Sommer auf einen solchen Kompromiss geeinigt und 300 Millionen Dollar (252 Millionen Euro) gezahlt.

Das Verfahren ist bis zum 17. Dezember angesetzt, ein Urteil wird im Frühjahr 2004 erwartet. Im Anschluss wären eine Berufung in zweiter Instanz, die mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde, und theoretisch auch der Gang zum Supreme Court möglich.

DaimlerChrysler: Chronik einer schwierigen Fusion

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