Mittwoch, 22. Mai 2019

Yukos "Ein Staat ist stärker als ein Unternehmen"

Otto Graf Lambsdorff ist Mitglied im Advisory Board der russischen Bank Menatep, Großaktionärin des Ölkonzerns Yukos. Gegenüber manager-magazin.de verurteilt Lambsdorff die Verhaftung des Yukos-Chefs Chodorkowski und warnt vor der negativen Signalwirkung für ausländische Investoren.

mm.de:

Graf Lambsdorff, Sie sind Mitglied im International Advisory Boards des Finanzinstituts Group Menatep, zu dessen Mitgründern und Anteilseignern Michail Chodorkowski zählt. Menatep wiederum ist Mehrheitseigner des Ölkonzerns Yukos Börsen-Chart zeigen. Wie kamen Sie zu dem Posten bei Menatep?

 Sorge um die Entwicklung der Wirtschaftspolitik in Russland: Otto Graf Lambsdorff (76), deutscher Wirtschaftsminister von 1977 bis 1984
DPA
Sorge um die Entwicklung der Wirtschaftspolitik in Russland: Otto Graf Lambsdorff (76), deutscher Wirtschaftsminister von 1977 bis 1984
Graf Lambsdorff: Anfang dieses Jahres hat mich Stuart Eizenstat, früher stellvertretender Finanzminister der USA und mein Verhandlungspartner bei der Frage der Entschädigungsverhandlungen für Sklaven- und Zwangsarbeiter in der Nazizeit gefragt, ob ich bereit sei, in dem beratenden Gremium bei Menatep mitzuwirken.

Ich hatte keinen Grund, dieses Angebot auszuschlagen. In persönlichen Begegnungen mit Michail Chodorkowski und aus der Unternehmensphilosophie von Menatep und Yukos hatte ich den Eindruck gewonnen, dass hier ein Unternehmer wirkt, der demokratischer Transparenz einen hohen Stellenwert beimisst.

Als eine Konsequenz dieser Grundhaltung sitzen im Top-Management von Yukos eine Reihe ausländischer Experten. Diese internationale Besetzung auf den Spitzenposten sichert Yukos jetzt die operative Handlungsfähigkeit.

mm.de: Wie steht es um Menatep, eines der größten Finanzinstitute Russlands? Die durch die Regierung beschlagnahmten Aktien stammen ja aus dem Portfolio der Bank, deren wichtigste Beteiligung Yukos heißt.

Graf Lambsdorff: Die staatlichen Schritte gehen an Menatep sicher nicht spurlos vorbei, schließlich ist auch der Vorstandschef, Platon Lebedev, schon vor Monaten inhaftiert worden. Nach meinen Informationen ist die Bank im operativen Geschäft aber dennoch handlungsfähig geblieben. Mit der Beschlagnahmung der Aktien ist im Übrigen nicht auch das Stimmrecht an den Staat gefallen - dies kann weiterhin von den rechtmäßigen Eigentümern wahrgenommen werden.

mm.de: Der russische Innenminister Boris Gryslow sagte zu den Vorgängen um Yukos, die Rohstoffe Russlands gehörten weder bestimmten Firmen noch Personen, sondern dem russischen Volk. Wenn sich eine Firma mit der Ausbeutung von Rohstoffen befasse, so hieße dies nicht, dass sie die dem Volk zustehenden Profite daraus privatisieren dürfe.

Graf Lambsdorff: Es wundert mich nicht, dass Herr Gryslow so etwas gesagt hat. Er ist dem Lager der Privatisierungsgegner zuzurechnen, steht aber mit dieser Aussage klar im Widerspruch zur wiederholt erklärten Absicht der russischen Regierung, die Liberalisierung der Wirtschaft voranzutreiben. Es lässt sich nicht verhehlen, dass in Russland einflussreiche Kräfte eine Rückführung der Privatisierungsphase fordern.

mm.de: Werden sich diese Kräfte durchsetzen? Die Entlassung von Putins Stabschef Alexander Woloschin, der gegen die Ermittlungen bei Yukos protestiert hatte, deutet in diese Richtung.

Graf Lambsdorff: Ich will hier keine Prognose abgeben. Aber die Erfahrung lehrt, dass ein Staat grundsätzlich stärker ist als ein Unternehmen.

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