Standortdebatte Der Große Preis für Deutschland

Überraschendes Ergebnis: Laut einer Studie war 2002 kein europäisches Land für Investoren so interessant wie Deutschland. Doch Wirtschaftswissenschaftler beurteilen die Untersuchung kritisch.
Von Martin Scheele

Hamburg - Ein Land im Reformstau. Wie Mehltau legt sich der immerfortwährende Parteienstreit über Deutschland. Eine durchschlagende Gesundheitsreform: Fehlanzeige. Eine umfassende Steuerreform? Ungewiss. Eine Rentenreform? Steht in den Sternen. Im Bildungsstandard weit abgeschlagen - Deutschland ist unattraktiv für ausländische Investoren, so die landläufige Meinung.

Genau dies bestätigte zuletzt auch eine Analyse des Bundesfinanzministeriums, nach der die Investitionsquote - der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) - seit 1991 um 3,2 Prozentpunkte gefallen ist. Schlechter schnitten im Vergleich mit europäischen und großen Industriestaaten nur Finnland und Japan ab. Die Investitionsquote gilt unter Ökonomen als ein Maß dafür, wie attraktiv ein Standort ist.

Und nun das: Laut einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney konnte Deutschland im vergangenen Jahr seine Investitionen aus dem Ausland von 33,9 Milliarden um zwölf Prozent auf 38,1 Milliarden US-Dollar steigern und liegt jetzt im globalen Vergleich auf Rang fünf, in Europa sogar auf Platz 1. Dies ist vor allem deshalb beachtlich, weil der Trend insgesamt rückläufig war.

Weltweit 21 Prozent weniger Investitionen

Die Einzelheiten: Weltweit sanken grenzüberschreitende Investitionen im vergangenen Jahr um 21 Prozent von 824 Milliarden auf 651 Milliarden US-Dollar - bereits im Vorjahr wurde ein Rückgang um 41 Prozent verzeichnet. Dies errechneten die Berater von A.T. Kearney mittels des so genannten Foreign Direct Investment (FDI) Confidence Index. Dieser basiert auf der Befragung von Vorständen und Führungskräften der weltweit 1000 größten Unternehmen. Außerdem fließen in den Index Zahlen internationaler Organisationen wie der Weltbank und des internationalen Währungsfonds ein.

Wie erklärt die Unternehmensberatung, dass Deutschland in der Gunst der Anleger so gestiegen ist? "Die Steuerreform des Jahres 2000 und die Liberalisierung der Telekommunikations- und Energiemärkte zählen zu den Hauptgründen" sagt Paul A. Laudicina, Vice President bei A.T. Kearney und Leiter der Studie gegenüber manager-magazin.de.

M&A-Deals verfälschen die Statistik

Laudicina nennt im Weiteren die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone . Genau an diesem Punkt - an großen M & D Deals - setzt die Kritik einiger Wirtschaftswissenschaftler an. "Sonderfaktoren wie M&A-Deals verfälschen die Zahlen enorm", wettert Peter Nonnenkamp vom Kieler Institut für Weltwirtschaft im Gespräch mit manager-magazin.de. "Die Schwankungen durch dererlei Firmenübernahme sind eklatant." Als Beispiel für das Jahr 2003 sei dann die Wella-Übernahme durch Procter & Gamble  zu nennen.

Mit der Kollegin Heike Belitz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin) ist er sich aber einig, dass Deutschland in der Gunst der ausländischen Anleger gestiegen ist. Als Kriterium nennt Belitz den gestiegenen Anteil von Beschäftigten in Unternehmen, die zu mindestens 20 Prozent Ausländern gehören. "Die Öffnung der Kapitalmärkte für ausländische Investoren darf bei der Aufzählung auch nicht vergessen werden", sagt Belitz.

Welchen Anteil hat Hilmar Kopper?

"Die Zeiten, in denen Deutschland als wenig attraktiv galt, sind vorbei", pflichtet Hans Dietrich von Loeffelholz, vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung bei. Nonnenkamp geht sogar noch einen Schritt weiter. "Ausländer sehen Deutschland positiver als diese ihr eigenes Land selbst."

Zu der Frage, ob ein zunehmender Anstieg von Auslandsinvestitionen mit handelnden Personen in direkten Zusammenhang gebracht werden kann, äußern sich die Wissenschaftler eindeutig. "Ob ein Herr Kopper als Beauftragter für Auslandsinvestitionen viel Erfolg gehabt hat, ist schwer zu messen", sagt Belitz. Die A.T.Kearney-Studie hat diese Frage nicht behandelt.

Zurück zu den Ergebnissen der Studie: Laut A.T.Kearney ist auch in 2002 China eindeutiger Sieger - gefolgt von USA, Mexiko, Polen, Deutschland, Indien, Großbritannien und Russland. China verdrängte den traditionellen Favoriten USA bereits im vergangenen Jahr auf Platz zwei. Nahezu ein Drittel der befragten Manager beurteilten Chinas Aussichten auf internationale Investments positiver als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg China zum größten Empfänger ausländischer Investitionen auf und bestätigte damit die Voraussage des FDI Confidence Index vom Vorjahr.

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