General Motors "Heute baut keiner mehr schlechte Autos"

Autokonzerne können auf Designer nicht mehr verzichten. Bob Lutz, zweiter Mann bei General Motors hinter Rick Wagoner, erklärt im Interview mit manager magazin die Gründe dafür und beschreibt, was einen guten Formgestalter ausmacht.

mm.de:

Herr Lutz, was sind die Gründe dafür, dass Design als Unterscheidungskriterium beim Autobau immer wichtiger wird? Und woran zeigt sich die zunehmende Designorientierung?

Lutz: Kaum ein anderes technisches Produkt inspiriert die Leidenschaft so sehr wie das Automobil. Diese Leidenschaft kann von vielen Aspekten erzeugt werden, wie zum Beispiel einem hervorragenden Motor, guten dynamischen Fahreigenschaften oder einem betont sportlichen oder komfortablen Fahrwerk.

Was allerdings in erster Linie die Leidenschaft am Automobil verkörpert ist das Außendesign eines Fahrzeuges, dass beim ersten Kontakt die emotionale Beziehung mit dem potentiellen Kunden schafft. Innendesign ist selbstverständlich auch ein extrem wichtiger Faktor, aber wenn das Äußere nicht stimmt, kriegen Sie die Leute erst gar nicht in das Auto. Heutzutage baut keiner der bedeutenden Hersteller mehr schlechte Autos. In der Vergangenheit haben Luxusausstattungen und unterschiedliche Qualitätsstandards für Differenzierungen im Markt gesorgt. Allerdings trifft das heute so gut wie nicht mehr zu. Der automobile Weltmarkt ist überfüllt, und mehr Hersteller als jemals zuvor verkaufen Fahrzeuge.

Diese Tatsache macht gutes Design wichtiger den je. Das Bewusstsein für Design und dessen Bedeutung ist bei GM zu neuen Dimension aufgestiegen. Schauen Sie sich nur unsere aktuellen Konzeptfahrzeuge an wie den Pontiac Solstice und den Cadillac Sixteen. Oder nehmen Sie unsere neusten Modelle, wie den Hummer H2, den Pontiac GTO, den Chvrolet SSR und Cadillac SRX und SSR. Es macht ausgesprochenen Spaß in diesen Zeiten bei GM  zu arbeiten.

mm.de: Wer sind aus Ihrer Sicht die besten Designer der Branche?

Lutz: Gute Designer werden geboren und anschließend ausgebildet. Dabei erlernen sie Zeichentechniken und sie entwickeln ein Gespür für Geschmack und Ästhetik, das sie vorher nicht hatten. Richtig gute Designer müssen wesentlich mehr können, als nur hübsche Bildchen von Autos zu malen.

In erster Linie müssen sie eine angeborene Vorstellungskraft besitzen, wie bei potentiellen zukünftigen Kunden ein emotionales Verlangen zu erzeugen ist. Zusätzlich müssen sie über gute Führungseigenschaften und Verkaufsgeschick verfügen sowie kommunikative und diplomatische Fähigkeiten besitzen. Kein einfacher Job.

mm.de: Wer macht derzeit aus Ihrer Sicht in Sachen Design einen guten Job, wer weniger - und warum?

Lutz: Die jüngsten Produkte von japanischen und deutschen Herstellern weisen eine exzellente Ausführung von Außendesign und Innenausstattung auf. Die Aufmerksamkeit zum Detail ist hervorragend und das spricht die Kunden an. Fugen, Spalte und Flächen müssen absolute Weltklasse sein damit das Design funktioniert. In diesem Bereich sind weiterhin Audi und Volkswagen tonangebend, aber die Konkurrenz hat das erkannt und holt auf. Hier geht es ganz klar um den Führungsanspruch bei der Qualitätsanmutung. Ich glaube, alle Tore stehen demjenigen offen der es schafft, dieses "gotta have" Gefühl beim ersten Anblick eines Fahrzeuges zu erzeugen. Wir bei GM beabsichtigen einer der führenden Hersteller auf diesem Gebiet zu sein.

Design - die Unterschiede zwischen den Nationen

mm.de: Wie entsteht gutes Design?

Lutz: In erster Linie entsteht gutes Design in der richtigen Umgebung. Eine meiner Prioritäten als ich zu GM kam, war verkrustete Strukturen aufzubrechen und das kreative Potential und Talent der Designer freizusetzen. GM verfügt über einen Reichtum an Talenten und unsere weltweiten Designteams sind bestens positioniert um emotional überzeugendes Design für alle GM Divisionen und Marken zu liefern.

Lutz: Um unsere Ziele in den Vereinigten Staaten zu erreichen, haben wir den gesamten Entwicklungsprozess rationalisiert, Bürokratie und Hirachien abgebaut und Gleichberechtigung bei der Entscheidungsfindung zwischen den verschiedenen Abteilungen eingeführt. Zu diesem Prozess gehören gegeneinander konkurrierende Designteams, die alternative Designvorschläge für ein bestimmtes Produkt erarbeiten.

mm.de: Was unterscheidet amerikanisches von deutschem oder französischem Design?

Lutz: Amerikanisches Design hat sich unterschiedlich gegenüber dem europäischen Design entwickelt - denken Sie mal an die wilden '50er und '60er und die riesigen Schlitten der '70er Jahre. Allerdings schließt sich die Lücke zwischen amerikanischem und europäischem Geschmack immer weiter. Und das auf beiden Seiten des Atlantiks.

Die Franzosen haben in jüngster Vergangenheit interessante neue Designs präsentiert und in einigen Segmenten Trends gesetzt, wie übrigens auch die Italiener bei Alfa Romeo. Im Vergleich zu den Franzosen ist deutsches Design mehr technisch orientiert mit Betonung auf praktischen Gesichtspunkten wie Flexibilität. Als gute Beispiele mochte ich hier Opel Meriva, Zafira und Signum erwähnen.

mm.de: Haben die deutschen Hersteller in den 90er Jahren zu sehr auf das Thema Technik geschaut und Design vernachlässigt?

Lutz: Ich würde das so nicht generell sagen. Allerdings gab es schon gewisse deutsche Hersteller, die zeitweise fast zu viel Technik in ihre Produkte steckten und das Design etwas vernachlässigten. Moderne Technologie hielt in den '80ern Einzug in massenproduzierte Fahrzeuge. Elektronische Benzineinspritzung, Katalysatoren, ABS, Airbags, seien hier nur als einige Beispiele genannt. In den '90er Jahren wurde dieser Trend einfach fortgesetzt mit direkteinspritzenden Benzinern und Dieseln, elektronischen Stabilitätsprogrammen und so weiter.

Zum Beispiel machte ein kompakter Wagen aus deutscher Produktion Schlagzeilen nicht so sehr wegen seines neuartigen Designs, sondern wegen eines missglückten Ausweichmanövers und dem daraus bedingten serienmässigen Einbau neuer Technologie in Form eines elektronischen Stabilitätsprogrammes, das bis zu diesem Zeitpunkt nur hochpreisigen Fahrzeugen vorbehalten war. Generell müssen sich Technik und gutes Design nicht gegenseitig ausschließen. Ganz im Gegenteil.

mm.de: Wie wichtig ist bei den einzelnen Modellen eine Familienähnlichkeit im Design?

Lutz: Etwas das alle herausragenden Automobildesigns gemeinsam haben ist die Fähigkeit zu begeistern, Leidenschaft zu erzeugen und eine spontane, emotionale Beziehung mit dem Betrachter hervorzurufen. Bildlich gesprochen sind wir im Modegeschäft und deshalb ist es unumgänglich, ständig neue Ideen zu entwickeln und den Mut zu haben, diese auch konsequent umzusetzen. Familienähnlichkeit ist wichtig, denn sie verleiht einer Marke einen gewissen Wiedererkennungswert.

Wie weit darf Familienähnlichkeit gehen?

mm.de: Nehmen wir das Beispiel Mercedes, wo sich C- E-, und S-Klasse inzwischen sehr ähnlich sehen, wie weit darf diese Familienähnlichkeit gehen?

Lutz: Übertriebene Familienähnlichkeit über die gesamte Palette birgt Gefahren. Diese Gefahr sehe ich speziell für die sogenannten Premiumhersteller. Wenn das Top-Of-The-Line Modell eines Herstellers mit dem Einstiegsmodell im Design starke Ähnlichkeiten aufweist und auch noch über vergleichbare Sicherheits- und Komfortausstattungen verfügt, mag das für den Kaufer des Einstiegsmodells funktionieren. Funktioniert es auch für den Top-Of-The-Line Kunden, der wesentlich mehr für seinen Wagen bezahlen muss und nun auch noch mit dem Einstiegskunden in der gleichen Reihe im Autohaus anstehen muss? Ich denke nicht.

mm.de: Welche Rolle spielen Car-Kliniken?

Lutz: Diese sind zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Entstehungsphase eines neuen Produktes schon wichtig, allerdings sollte man sie nicht überbewerten.

mm.de: Gibt es derzeit zwischen den Herstellern einen regelrechten Kampf um die kreativsten Köpfe? Und woran läßt sich dieser festmachen?

Lutz: Es herrscht ein reger Wettbewerb beim Rekrutieren der kreativsten Koepfe. Die Besten können zwischen Angeboten aus verschiedenen Industriezweigen auswählen. Hierzu gehören selbstverständlich die Automobilhersteller, aber auch Zulieferer, die Unterhaltungsindustrie sowie Firmen die sich mit Produkt- beziehungsweise Industriedesign beschäftigen.

Seit ungefähr fünf Jahren rekrutiert GM junge Talente auch von den besten internationalen Schulen und Universitäten sowie erfahrene Top-Designer von der Konkurrenz und führenden Produktdesign Firmen. Wir suchen nicht nur gute Designer, sondern vor allem solche, die eine starke Beziehung zum Automobil haben. Es kann sonst zu den skurrilen Formen führen, die wir ab und zu auf Automobilausstellungen sehen.

Um junge Leute rechtzeitig an das Thema Design heranzuführen, haben wir in den Vereinigten Staaten umfangreiche Praktikantenstellen füer Studenten aus den Fachbereichen Design, Ingenieurwesen und feine Künste geschaffen. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat GM mehr als 180 Designer und Modellbauer eingestellt.

mm.de: Warum spielte in den '50er, '60er und '70er Jahren Design eine große Rolle, in den '80er und Anfang der '90er aber nicht?

Lutz: Die '50er und '60er Jahre waren das goldene Zeitalter des automobilen Designs. Die Menschen betrachteten ihr Automobil als eines der schönsten und wichtigsten Dinge im Leben. Die Bevölkerung ganzer Städte und Regionen wurden von der Automobilindustrie beschäftigt.

Die '70er Jahre wahren schlecht, die '80er sogar schlechter und die '90er hatten ebenfalls einen schwachen Start. Allerdings gehen jedem goldenen Zeitalter schwächere Zeiten voran, in denen die Industrie sich an neuen Themen versucht. Die Automobilindustrie macht da keine Ausnahme. Heute gibt es einen Neuausrichtung innerhalb der Automobilhersteller, die die gesamte Branche in ein neues goldenes Zeitalter führen wird: Produkt, Produkt, Produkt.

Dies bedeutet eine konzentrierte Ausrichtung auf hervorragendes Design in Verbindung mit konventionellen und alternativen Antriebsformen. Es besteht durchaus die Chance für ein neues, goldenes Zeitalter in der Autobilindustrie, dass den '50ern und '60ern in nichts nachstehen wird.

mm.de: Welche Auswirkungen hat die zunehmende Designorientierung auf Produktion, Entscheidungsabläufe und Strukturen im Unternehmen?

Lutz: Die große und globale Präsenz von GM erlaubt es uns, Resourcen und Talente weltweit zu nutzen. Der Schlüssel hierzu sind standardisierte, elektronische Datenverarbeitungssysteme. Die Daten können nicht nur zwischen unseren weltweiten Design Centern zeitgleich ausgetauscht und bearbeitet werden, auch nachgeschaltete Abteilungen wie zum Beispiel Engineering und Produktionsvorbereitung profitieren davon.

Lassen Sie mich mit einem kurzen, aber sehr trefflichen amerikanischem Ausdruck abschließen. Wir bei GM arbeiten alle an einem gemeinsamen Ziel. Dieses Ziel heißt "gotta-have" Produkte weltweit für unsere Kunden zu bauen. Produkte, die emotional ansprechen und die man einfach haben muss. Letztendlich sind wir ja im Modegeschäft...

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