Markenstrategie Audis Muskelspiele

Gas geben: Während die neuen BMW-Modelle größer und behäbiger daherkommen, soll Audis Markenauftritt in Zukunft sportlicher werden. Im Interview mit manager-magazin.de spricht Marketingleiter Michael Trautmann über PS-Orgien, die Zukunft des A2 und automobile Befreiungsschläge.

mm.de:

Seit der Internationalen Automobilausstellung (IAA) im September ist die Autobranche auffallend optimistisch. Woher kommt plötzlich die gute Laune?

Trautmann: Wir und viele Kollegen haben den Eindruck, dass die Talsohle bald erreicht ist. Sowohl die Absatzzahlen als auch einige Konjunktursignale geben dazu Anlass. Wir sind zwar vorsichtig geworden bei der Frage, wann genau es aufwärts gehen könnte. Aber die positive Atmosphäre auf der IAA reflektiert einen echten Stimmungswandel.

mm.de: Über welches Konjunktursignal freuen Sie sich besonders?

Trautmann: Das durchschnittliche Alter der Autos in Deutschland beträgt zwischen sieben und acht Jahre. Damit ist bei vielen Haltern der Zeitpunkt erreicht, wo ein Neukauf ansteht. Wir bringen zum passenden Zeitpunkt neue Modelle auf den Markt. Daher sind wir überzeugt, dass unser Optimismus berechtigt ist.

mm.de: Eine Studie des Instituts für Automobilmarktforschung (IFA) prognostiziert, dass sich in den kommenden eineinhalb Jahren nur jeder zehnte Deutsche ein neues Auto kaufen will. Als die gleiche Frage vor vier Jahren gestellt wurde, war es noch jeder fünfte. Bereitet Ihnen das nicht Sorge?

Der Motorsport lässt grüßen: "In punkto Sportlichkeit von der Konkurrenz absetzen"

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Rennmaschinen-Design: "Den Geist der Zeit treffen"

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Mit dem Nischenmodell beeindrucken: "Showcars are dreamcars"

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Der Le Mans quattro kündigt Audis Designlinie der Zukunft an:
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Trautmann: In der gegenwärtigen Situation wäre es leichtfertig, sich auf Prognosen zu sehr zu verlassen. Unsere eigene Marktforschung rechnet mit einem leichten Verkaufsanstieg für Deutschland und Europa noch in diesem Jahr. Dabei ist das Durchschnittsalter der Autos eine wichtige Kennzahl. Wir werden uns aber nicht mit dieser Hoffnung begnügen. Es bleibt wichtig, dass wir die Markttrends der Zukunft mitgestalten.

mm.de: Vor wenigen Jahren noch setzte Ihre Marke im Design Maßstäbe, heute scheint ein Punkt erreicht, wo Sie sich selbst wiederholen. Ihrem Konkurrenten BMW  ging es ähnlich. Die neue Designlinie der Münchner ist zwar höchst umstritten, scheint aber ein Weg aus der Sackgasse zu sein. Planen auch Sie einen Befreiungsschlag?

Trautmann: Befreiungsschläge mögen spektakulär sein, ob sie langfristig tragen, muss sich zeigen. Denn: Auffallen um jeden Preis ermüdet den Betrachter schnell. Wichtig ist, im Design den Geist der Zeit zu treffen, ohne modisch zu sein. Gerade in puncto Sportlichkeit wollen wir uns von unseren Konkurrenten absetzen.

Bislang gab es schon in jeder Audi-Modellreihe besonders sportliche Versionen. Doch die Leistungsorientierung soll sich künftig durch alle Varianten ziehen. Der Startschuss für die neue Linie fiel bereits auf dem Genfer Salon dieses Jahres mit der Studie Nuvolari quattro, die durch ihr emotionales Design auffällt.

"Der A2 ist seiner Zeit vielleicht voraus"

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mm.de: Also alles noch aggressiver?

Trautmann: Nicht aggressiver, sondern ausdrucksstärker. Der Nuvolari ist als Sportcoupé gedacht. In Zukunft werden wir verstärkt auf eine variantenreiche Formensprache Wert legen. Sie können das im Vergleich mit einer anderen aktuellen Studie sehen, unserem Crossover-Konzept Pikes Peak, das wir auf der Detroit Motor Show gezeigt haben.

mm.de: Auf der IAA haben Sie den Le Mans quattro vorgestellt, eine Rennmaschine vom Format eines Lamborghini. Wie wahrscheinlich ist die Serienfertigung?

Trautmann: Der Le Mans hat eine sehr hohe Realisierungschance. Zwischen dem Roadster TT und den Modellen von Lamborghini besteht eine Lücke, die groß genug ist, um einen weiteren sportlichen Audi zu positionieren. Die Publikumsreaktionen auf der IAA waren großartig. Über seine Zukunft wird bald entschieden und ich bin sehr optimistisch.

mm.de: Am unteren Ende der Modellpalette rangiert der Audi A2, ein innovatives Raumkonzept in Leichtbauweise, das Sie vor drei Jahren vorgestellt haben. Obwohl der Wagen mit Designpreisen überhäuft wurde, blieb er im Verkauf weit hinter den Erwartungen zurück. Welche Chancen haben solche Entwicklungen überhaupt noch, wenn sich die Marke Audi sportlich orientiert?

Trautmann: Der A2 ist zu einer Zeit entstanden, in der das Drei-Liter-Auto diskutiert wurde. Die Marktprognosen, die man damals für ein solches Modell stellte, sind leider nicht eingetreten. Wir glauben, dass der A2 für den Massenmarkt vielleicht seiner Zeit etwas voraus ist. Für uns ist er dennoch ein wichtiger Technologieträger, gerade im Bereich Leichtbau.

Ein Nachfolger ist nicht geplant, der A2 wird aber bis 2006 weiter verkauft. Innerhalb unserer Markengruppe werden wir jedoch über diesen Zeitpunkt hinaus weiterhin vergleichbare Segmente abdecken, etwa mit der seriennahen Studie Seat Altea in der etwas größeren Kompakt-Van-Klasse. Es ist auch denkbar, dass der technische Nachfolger des A2 als Seat erscheint.

Eins möchte ich noch klarstellen: Sportlichkeit heißt nicht immer mehr PS und mehr Verbrauch. Wir zielen mit unseren Aluminiumkarosserien darauf, das Verhältnis zwischen Leistung und Gewicht zu verbessern. Das macht Autos nicht nur agiler auf der Straße, sondern auch sparsamer.

mm.de: Die Studien, die Sie in diesem Jahr vorgestellt haben, sehen nicht so sparsam aus.

Trautmann: Das hat mit dem Charakter solcher Studien zu tun. Showcars are Dreamcars, heißt es bei uns. Sie sollen vor allem Aufsehen erregen. Selbst wenn sie in Serie gebaut werden, bedienen sie meist keinen Massenmarkt.

"Minivans passen nicht zu uns"

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mm.de: Könnte der Smart Roadster ein Vorbild sein, ein Spielzeugauto, das aus weniger als einem Liter Hubraum sportliche Fahrleistungen holt und mit sechs Litern Sprit auskommt?

Trautmann: Der Smart Roadster ist in einer Klasse angesiedelt, die für Audi nicht relevant ist, von daher ist er kein Vorbild. Ich gebe aber gerne zu, dass mir das Konzept sehr gefällt, weil es den Beweis erbringt, dass Sportlichkeit keine Frage von PS-Orgien ist.

mm.de: Kurz zusammengefasst: Sie werden in den kommenden Jahren stärker als bisher BMW angreifen, indem Sie vor allem im Bereich der Sportlichkeit punkten. Gleichzeitig werden Sie sich aus dem Kompaktsegment - zumindest als Marke - zurückziehen.

Trautmann: Zwei Korrekturen! Erstens greifen wir BMW nicht an. Offensichtlich verlassen die Kollegen den Bereich der klassischen Sportlimousinen: Der neue 7er ist deutlich größer, höher und stattlicher geworden als sein Vorgänger, die 5er-Reihe ebenso. Hier lässt BMW eine Marktlücke entstehen, in die wir gerne verstärkt vorstoßen.

Zweitens ziehen wir uns nicht aus dem Kompaktsegment zurück, auch wenn andere Hersteller - etwa Mercedes-Benz  - hier breiter aufgestellt sind als wir. Erst vor kurzem haben wir den neuen A3 auf den Markt gebracht, den wir als Highend-Kompaktauto verstehen. Der A3 spielt sogar eine sehr große Rolle in unserem Modellprogramm. Im nächsten Jahr wird die fünftürige Modellversion erhältlich sein.

mm.de: Aber einen Minivan auf Basis des A3 wird es nicht geben?

Trautmann: Nein, solche Raumkonzepte passen nicht zum Charakter einer sportlichen Marke. Sie sind im Konzern eher bei Skoda oder bei VW  angesiedelt, wo ja auch der Touran erfolgreich gestartet ist.

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