Siemens/Alstom "Maßstäbe des Wirtschaftens nicht vorhanden"

Mit allen Mitteln versucht die französische Regierung den Industriekonzern Alstom zu retten. Eine Allianz mit Siemens sei wünschenswert, umgarnt nun Paris die Münchener. Analysten warnen vor den Schwierigkeiten des Geschäfts.
Von Martin Scheele

München - Die Zukunft des stark kränkelnden Energie- und Verkehrstechnikkonzerns Alstom  ist weiter ungewiss. Nachdem EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti die von der französischen Regierung vorgesehen Staatshilfen für Alstom abgelehnt hat, wird jetzt der Plan einer Allianz mit dem Siemens-Konzern  ins Spiel gebracht. Dies berichten französische Zeitungen.

Aus Sicht der Politik scheint die Absicht wünschenswert, wird doch immer wieder auf die deutsch-französische Freundschaft hingewiesen. Tatsächlich existieren aber erst drei Gemeinschaftsunternehmen, nämlich EADS  und Aventis  - und Framatome ANP (Zusammenschluss von Siemens und Framatome, heute Areva). Darauf hebt Paris ab, wenn die Regierung sagt, dies trage der engen Verflechtung zwischen den beiden Handelspartnern nicht angemessen Rechnung.

Wie beurteilt Siemens den Plan der französischen Regierung? Pressesprecher Eberhard Posner hält sich mit Auskünften bedeckt. "Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen", sagt er gegenüber manager-magazin.de. Die "Süddeutsche Zeitung" (Donnerstagsausgabe) will aus inoffiziellen Kreisen des Konzerns gehört haben, dass Monti solchen Allianzplänen nicht zustimmen werde. Monti hatte bei der Ablehnung der französischen Staatshilfen klar gemacht, dass allenfalls temporäre Hilfen unter der Auflage gewährt würden, dass Alstom sich von wichtigen Geschäftsfeldern trennen würde.

"Das wäre für Siemens ein schlechtes Geschäft"

Analysten beurteilen die Pläne, wonach Siemens zu einem Drittel bei Alstom einsteigen könne, skeptisch. "Das wäre für Siemens ein schlechtes Geschäft", meint Theo Kitz von Merck Finck und Co. gegenüber manager-magazin.de "weil sie keine Kontrolle hätten." Allenfalls eine Zusicherung, dass der Anteil in ein bis zwei Jahren zu einer Mehrheitsbeteiligung aufgestockt werden könne, sei im Sinne von Siemens akzeptabel.

Kitz verweist darauf, dass Siemens durch den Einstieg - bei dem derzeitigen Kurs von 2,85 Euro kosten ein Drittel der Anteile rund 300 Millionen Euro - zuerst die Gewinne des deutschen Konzerns belasten würde. Alstom hat das Jahr 2002/03 mit einem Verlust von 1,38 Milliarden Euro abgeschlossen und schiebt einen Schuldenberg von 4,9 Milliarden Euro vor sich her. Ein Sanierungsplan sieht neben dem Verkauf der Sparte Transmission & Distribution eine (Ende Juli von den Aktionären gebilligte) Kapitalerhöhung von 600 Millionen Euro und die Streichung von 5000 Stellen vor.

Für Analyst Kitz ist es offen, ob EU-Wettbewerbskommissar Monti die mögliche Allianz untersagen würde. "Meiner Meinung ergibt sich nur im Bereich Verkehrstechnik eine marktdominierende Stellung", so Kitz. Der Analyst verweist im Weiteren darauf, dass es enorm wichtig ist, wie die arg verschiedenen Unternehmenskulturen angeglichen werden könnten.

Schwierige Integration des Industrieturbinen-Geschäfts

Siemens hatte jüngst zugegeben, dass die Integration des 1,1 Milliarden Euro teuren Industrieturbinen-Geschäfts von Alstom eine Herausforderung sei. Der Chef der Kraftwerkssparte, Klaus Voges meinte: "Das Geschäftsverständnis von Alstom ist ein völlig anderes als das von Siemens." Detaillierte Erläuterungen wollte Voges nicht geben. Analyst Kitz meint: "Bei Alstom sind wichtige Maßstäbe des Wirtschaftens - wie: die Rendite muss über den Kapitalkosten liegen - nicht vorhanden". Der Experte sieht eine kräftige Umstrukturierung von Alstom als unerlässlich an. "Ganze Teile müssen verkauft werden, darunter die Kreuzfahrtsparte." Siemens hatte in der Vergangenheit nach Informationen aus Unternehmenskreisen vor allem Interesse an der gesamten Energieerzeugungssparte sowie der Verkehrstechniksparte (Hochgeschwindigkeitszug TGV) signalisiert.