IAA Diesmal mit Gefühl

Mit noch mehr PS und noch mehr Luxus beschwören die Aussteller der 60. Internationalen Automobil-Austellung die Leidenschaft fürs Auto. Sie hegen die Hoffnung, die Talsohle am Markt könnte durchschritten sein, wenn der Kunde über den Autokauf sagt: Ich liebe es.

Frankfurt/Main - Alle reden von Liebe, dabei ist Krieg. Beinahe hätte man für einen Sonderteil zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) gehalten, was den Lesern am Dienstag aus mehreren überregionalen Zeitungen entgegenplumpste. Doch es war eine zwanzig Seiten starke Volkswagen-Anzeige , vollformatig im Farbdruck. Im Autokrieg Opel Astra gegen Golf ist sie der Versuch der Wolfsburger, die Meinungsführerschaft zu erobern und damit Marktterrain.

Damit die geschätzte Kundschaft aber nicht glaubt, selbst Teil des Schlachtengetümmels zu sein, lullen die Texter des Beilegers ihre Leser wohlig wärmend und mit Gedichtzitaten ein: Um Liebe gehe es ihnen, sie täten alles nur "aus Liebe zum Automobil". So lautet der Slogan für den neuen Golf. Ein seltsamer Gleichklang mit der neuen McDonald's-Kampagne: "ich liebe es".

Damit ist das Grundthema der IAA, die am Donnerstag ihre Pforten für das Publikum öffnet, schon umrissen: Es geht um Emotionen, happy vibes und Spaß. Die vorige Automesse ging im Entsetzen über den 11. September 2001 unter, die Autoverkäufe der vergangenen zwei Jahre in der Wirtschaftskrise. Heuer endlich soll die Freude am Fahren zurückkehren. Passend zur Ausstellungseröffnung finden sich genügend Auguren, die das Ende der Talsohle am Markt erreicht sehen. Einer der Hellseher ist Bernd Gottschalk, als Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA) jedoch zum Optimismus verpflichtet.

Autos sind Schweine: Greenpeace-Aktion für Diesel-Russfilter vor der Frankfurter Messehalle. Die deutschen Hersteller sträuben sich weiter gegen eine serienmäßige Einführung des Filters

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Foto: Matthias Kaufmann
In Leichtmetall-Gewittern: Das Jaguar-Coupé R-D6 ist aus Aluminium und könnte einer der ersten Diesel-Sportwagen werden

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Foto: Matthias Kaufmann
Original ... Ein historischer Maybach auf dem DaimlerChrysler-Stand

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Ein historischer Maybach auf dem DaimlerChrysler-Stand

Foto: Matthias Kaufmann
... und Neubau Das aktuelle Millionärs-Raumschiff Maybach 62

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Foto: Matthias Kaufmann
Die gewaltsame britische Art: Der Bentley Continental GT produziert mit einem W12-Zylinder-Doppelturbolader-Motor 560 PS

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Foto: Matthias Kaufmann
Same procedure as Bentley: Auch der Aston Martin DB 9 hat zwölf Zylinder und deutlich mehr PS, als man für zwei Fahrgäste mit Golfausrüstung benötigt

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Foto: Matthias Kaufmann
Der schnellste Weg von Disco zu Disco: Der spätpubertäre Golf GTI, Generation fünf. Gebaut wird er erst in einem Jahr, daher spricht VW von einer Studie

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Foto: Matthias Kaufmann
Brachialpremiere: Der Ingolstadt-Lambo Audi Le Mans Quattro mit 610 PS und Design-Anleihen bei einer Flunder

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Foto: Matthias Kaufmann
Auf dem Weg durch die Decke: Der Showeffekt legt den Blick auf den ersten Allradantriebs eines Jaguars frei, hier am X-Type Estate

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Foto: Matthias Kaufmann
Auch Familienväter gehen ins Sportstudio: Die künftige Opel-Familienkutsche soll die Zähne blecken wie diese Studie mit dem Namen Insignia. Ihr Corvette-Motor macht irrwitzige 344 PS

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Foto: Matthias Kaufmann


Protzen und PS-Wahnsinn:
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Jetzt geht's los - ein Premierenfeuerwerk, wie es noch keine IAA geboten hat, soll die frische Brise am Markt mit Turbodruck aufladen. Kein Hersteller, der sich nicht wenigstens als Studie eine Sportskanone, ein sonst wie sinnfreies Spaßmobil oder irgendeine Designfrechheit auf den Stand stellt. Und ja: Es gibt tatsächlich noch Überraschungen, trotz der zahlreichen Vorberichte.

Zum Beispiel den Mercedes-Benz CLS, ganz die Spaß-Variante der heutigen E-Klasse. In der Autopresse kursierten eine ganze Reihe Computeranimationen, wie das Auto aussehen könnte - so viele verschiedene, dass das Modell in der gewohnt pompösen DaimlerChrysler-Halle  dann doch für Aha-Effekte bei der Präsentation sorgte.

"Finger weg, der soll halten"

"Finger weg, der soll zehn Tage überstehen"

Wohl auch bei vielen Mitarbeitern des eigenen Hauses, denn an dem Auto wurde bis zuletzt gearbeitet. Huschhusch musste es gehen, um die frühzeitig angekündigte BMW-6er-Reihe (Kurswerte anzeigen) nicht unbeantwortet zu lassen. Das ausgestellte Unikat ist recht fragil, der Schriftzug an der Front hing am ersten Pressetag schief, und nervöse Bodyguards wachten darüber, dass man das gute Stück nicht allzu hart anfasst: "Die Heckklappe nicht so fest zuschlagen, der soll noch zehn Tage halten!"

Noch vor Lebzeiten legendär: Bugatti Veyron, der 1000-PS-Sportler aus dem Hause Volkswagen

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Foto: Matthias Kaufmann
Zwischen all den Boliden erfrischend normal: Volvos neuer Konkurrent für 3er-BMW, C-Klasse und Co., der S40

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Foto: Matthias Kaufmann
Länge zählt: Vom Luxus-Volkswagen Phaeton gibt es nun auch eine Langversion. Wenn es nicht draufstünde, hätte keiner den Unterschied bemerkt

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Foto: Matthias Kaufmann
Bitte achten Sie auch auf das Auto: Der Seat Altea, aus dem der schwungvollste Kompaktvan auf dem Markt werden könnte

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Foto: Matthias Kaufmann
Lieber verspielt als mit Linienführung: Der BMW X3 besetzt die Luxus-Geländewagen-Klasse unterhalb des großen X5

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Foto: Matthias Kaufmann
Wankel-Mut: Der Sportwagen Mazda RX-8 belebt den Wankelmotor von Neuem - mit lebhaften 231 PS. Auf der vergangenen IAA noch als Studie, diesmal in wirklich

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Foto: Matthias Kaufmann
Und noch'n Supersportler: Der Mercedes-Benz SLR entsteht in Zusammenarbeit mit dem Rennstall McLaren, 626 PS sollten als Potenzbeweis reichen

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Foto: Matthias Kaufmann
Am spannendsten wird's hinten: Am meisten Mut beweist der Opel Insignia an der Heck-Partie

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Foto: Matthias Kaufmann
Pappkamerad mit schiefem Schriftzug: Präsentation des Mercedes CLS, einer veredelten E-Klasse mit gelungenen Proportionen

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Foto: Matthias Kaufmann
Neue Bescheidenheit: Der "kleine" Lamborghini Gallardo mit gerade mal 500 PS

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Foto: Matthias Kaufmann


Funkelnder Lack, funkelnde Augen:
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Als "viertüriges Coupé" wollen die Stuttgarter den Wagen verstanden wissen, und ab Herbst 2004 auch als neues Marktsegment. Dann soll der CLS in Serie gehen und mit seinem elegant-mutigen Design den Spaß vermitteln, den viele Kunden an der vergleichsweise biederen E-Klasse vermissen.

Eine andere Überraschung hielt Audi  bereit. Mit der Sportwagenstudie Le Mans Quattro soll nicht nur endlich gebührend vermarktet werden, dass die Ingolstädter bereits zum dritten Mal in Folge den Rennkurs in Le Mans gewonnen haben. Die Strategen sehen noch eine Lücke im Konzernprogramm zwischen dem Roadster TT und dem ebenfalls neuen Lamborghini Gallardo, der zweiten Entwicklung der italienischen Sportwagenschmiede, seit sie von Audi geschluckt wurde.

Doch der sportliche Le Mans wird nicht nur als Aperitif für einen weiteren Sport-Audi gereicht. Er soll auch erneut - nach den älteren Studien Nuvolari und Pikes Peak - den Stil testen, den der bei Alfa Romeo abgeworbene Chefdesigner Walter de Silva kommenden Audi-Generationen überstreifen will: sportlicher, markiger, aggressiver. So verließ an den Pressetagen kein Journalist den Stand, ohne dass er nach seiner Meinung zum Auftritt des Le Mans ausführlich befragt wurde.

An dessen Beispiel wird deutlich, welche Bedeutung all die Liebeserklärungen unter den Autoherstellern fürs Geschäft haben - sie sprechen selbst von einem Trend zur "Emotionalisierung". Der Le Mans teilt sich die technische Basis mit dem Lamborghini Gallardo. Damit hält das so genannte Plattformkonzept nach den Kompaktbaureihen nun auch in der automobilen Spitzenklasse Einzug. Schon länger stammen vom Golf diverse Seats, Skodas und der Audi A3 ab, seit den neunziger Jahren basieren neue Jaguar auf Ford-Modellen , Saab auf dem Sortiment von General Motors .

Aus Liebe zur Wirtschaftlichkeit

Die entscheidenden Unterschiede zwischen den technisch verwandten Modellen sollen sich in Design und Fahrgefühl, in der mitverkauften Emotion vermitteln. Lifestyle aus Liebe zum Automobil? Aus Liebe zur Wirtschaftlichkeit.

So sieht der neue "kleine Lambo" trotz gleichen Motors und Fahrwerks ganz anders aus als Audis Muskelprotz, hat wie eh' einen Schaltknüppel, der die Gänge eingeprügelt haben will, verkauft sich als besonders drastische Rennmaschine. Kann sein, dass man mit diesem Wissen überempfindlich reagiert: Duftet das Leder nicht so ähnlich wie vorhin in der Karosse am Nachbarstand? Verdächtig ...

Opel-Limousine mit Corvette-Motor

Opel-Limousine mit Corvette-Motor

Hauptsache, der Kunde hat Spaß. Den sollen auch andere Studien mit Serienchancen vermitteln. So etwa der Ford Visos, der im cool-kantigen Outfit eine Wiederbelebung des seligen Volkssportlers Capri einläuten könnte. Selbst die Studie Opel Insignia ist geschnitten wie ein Turnschuh. Dabei will sein künftiges Serienpendant den Omega beerben und Opel wieder zu einem Standbein in der sonst eher konservativen Oberklasse verhelfen. Das Showcar mit einem 344-PS-Achtzylinder aus dem Chevrolet Corvette ist so sexy geraten, dass es dem neuen Astra fast die Schau stiehlt. Dabei soll doch der künftig das Überleben von Opel sichern.

Also alles eitel Sonnenschein auf der IAA? Mitnichten. Hinter den Kulissen ist man vorsichtig geworden mit optimistischen Prognosen. Die wiederholte Kunde von der bevorstehenden Markterholung hat in den letzten Jahren den Charakter von Wetterberichten bekommen. Ob die Vorhersage stimmt, weiß man eben erst hinterher - die vergangenen Male regnete es.

Sicher, es gibt gute Argumente dafür, dass es diesmal klappt. Die Autos der Deutschen etwa sind im Schnitt rund acht Jahre alt, sagt ein Manager - Zeit für etwas Neues! Aber ob das seine sparsam gewordenen Landsleute ebenso sehen, wartet auch er lieber ab. Eine aktuelle Studie des Instituts für Automobilforschung (IFA) belegt, dass sich nur jeder zehnte Deutsche in den kommenden eineinhalb Jahren ein neues Auto zulegen will. 1999 war es jeder fünfte.

Ford erholt sich nicht

Andere haben ohnehin wenig Grund zur Freude. Bei Ford wurde der Messeauftakt im kleinen Kreis gefeiert, trotz aller Show-Routine scheint die Stimmung am Stand gedämpft. Das mag daran liegen, dass in direkter Nachbarschaft die Exoten des Konzerns auftrumpfen, propere Jaguars, Aston Martins und Range Rovers. Doch den Kölnern geht es tatsächlich nicht gut: Sie wiesen wider Erwarten 2002 einen Verlust aus (340 Millionen Euro) und verkauften im ersten Halbjahr 2003 von ihrem Volumenmodell Fiesta 13 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Interviewanfragen werden abschlägig beschieden: "Zur wirtschaftlichen Situation will sich das Management nicht äußern", wimmelt ein Leid geprüfter Sprecher ab.

Die sacht keimende Hoffnung der Branche könnte sich also leicht als verfrüht erweisen. Dennoch: die Hersteller haben das Gefühl, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben (zumindest, wenn das Thema Diesel-Russfilter ausgeklammert bleibt). Das hebt die Stimmung. Immer mehr Nischen und Vorlieben werden bedient. Ob sich das Publikum aber wirklich vom plüschig roten Leder in einem Aston Martin DB 9, vom verkracht-verkanteten Design eines BMW X3, von der pubertären Sinnenfreude eines Golf GTI zum Neuwagenkauf hinreißen lässt? Zweifel bleiben.

Einstweilen feiert die IAA, dass die gute Laune zurückgekehrt ist. Aus Liebe zum Automobil - gucken kostet nix.

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