Deutsche Wirtschaft Konjunktur kommt nicht aus dem Tief

Das Bruttoinlandsprodukt ist wieder geschrumpft. Besonders ins Gewicht fällt der Rückgang der Exporte. Analysten und Wirtschaftsforscher sind sich uneins, ob Deutschland damit in einer Stagnation oder Rezession steckt.

Wiesbaden - Die deutsche Wirtschaftsleistung ist auch im zweiten Quartal geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Vergleich zum Vorquartal saison- und kalenderbereinigt um 0,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte.

Gegenüber dem Vorjahresquartal ging es um 0,6 Prozent zurück. Bereits in den ersten drei Monaten dieses Jahres war die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Schlussquartal 2002 um 0,2 Prozent gesunken.

Besonders ins Gewicht fällt den Angaben zufolge der Rückgang der Exporte. Er war deutlich stärker als die Abnahme der Importe und führte damit zu einer Verringerung des Exportüberschusses (Außenbeitrag). Der dadurch verursachte negative Beitrag zum Wirtschaftswachstum konnte von der nur leichten Erhöhung der inländischen Verwendung gegenüber dem Vorquartal nicht kompensiert werden. Auch im Vorjahresvergleich reichte der Anstieg der inländischen Verwendung im zweiten Quartal 2003 nicht aus, um den deutlich geringeren Exportüberschuss aufzufangen. Experten zufolge belastete unter anderem die Aufwertung des Euro die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft.

Stagnation oder Rezession?

Analysten und Wirtschaftsforscher sind sich in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage uneins, ob Deutschland in einer Rezession oder Stagnation steckt. Die meisten Konjunkturforscher sind allerdings der Ansicht, dass Deutschland auch im zweiten Quartal 2003 und damit bereits seit mehr als drei Jahren in einer hartnäckigen Stagnation steckt. Anhänger strenger formaler Kriterien verweisen dagegen auf die amerikanische Definition, die bei zwei Minusquartalen hintereinander eine "technische Rezession" sieht.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht die Gefahr einer "leichten" Rezession in Deutschland. "Es deutet sich an, dass wir da reinschlittern könnten", sagte Herbert Buscher, Arbeitsmarktexperte des IWH.

Die Konjunkturexperten der Bayerischen Landesbank sehen Deutschland nicht in einer Rezession. "Trotz zweier aufeinander folgender Quartale mit negativen Raten wäre es abwegig, von Rezession zu sprechen", erklärte Sandra Waller von der BayernLB. Diese Definition werde von keiner seriösen Institution verwendet. "Von einer Rezession spricht man vielmehr, wenn die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten über eine längere Zeit und in größerem Ausmaß unterausgelastet sind." Die Bundesbank spreche daher zu Recht von einer hartnäckigen Stagnationsphase. Im zweiten Halbjahr rechnen die BayernLB-Experten mit geringen Zuwachsraten.

Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen meinte, an seiner bisherigen BIP-Prognose für das laufende Jahres müsse trotz der Revisionen für 2002 nichts geändert werden. Er gehe für den Jahresdurchschnitt 2003 weiterhin von einer Stagnation des BIP aus, so wie die meisten Bankvolkswirte.

Clement: "Kein Manna fällt vom Himmel"

Thomas Hueck von der HypoVereinsbank sieht bei seiner BIP-Prognose für 2003 hingegen Revisionsbedarf. Er erwarte nun nur noch ein unverändertes BIP, nachdem er zuletzt noch von einem Wachstum von mehr als 0,2 Prozent ausgegangen war. Für 2004 behalte er jedoch seine bisherige Prognose von 0,8 Prozent BIP-Plus bei. Solveen ist hier wesentlich optimistischer und sagt für das kommende Jahr wie die Bundesregierung ein Wachstum von zwei Prozent voraus.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sieht Deutschland trotz einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nicht in einer Rezession, sondern in einer Stagnation. "Wir haben ausdrücklich gesagt, dass es keine Rezession ist, sondern eine Stagnation", sagte Clement. "Alle Indikatoren sprechen dafür, dass es in der zweiten Jahreshälfte besser werden könnte." Es werde allerdings kein "Manna" vom Himmel fallen.

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