IG Metall Der Machtkampf hält an

Die IG Metall muss sich auf eine monatelange Zerreißprobe einstellen. Nach mehr als zwölf Stunden Verhandlungsmarathon scheiterte der Versuch, im Vorstand einen Ausweg aus dem lähmenden Machtkampf zu finden.

Frankfurt am Main - Die wenigen Fotos, die im Sitzungssaal in Frankfurt gemacht wurden, sprechen Bände: IG-Metall-Chef Zwickel steht da auf einem, den Rücken leicht gebogen, den Blick nach unten gewendet. Neben ihm sein Vize Jürgen Peters, das Gesicht steinern und abgewandt, der Körper angespannt-starr als wäre er aus Stahl.

Diese beiden Männer, schon seit langem uneins, bekriegten sich einen halben Tag lang mit Positionspapieren. Am Ende fand keiner die nötige Mehrheit im Gesamtvorstand der größten Industriegewerkschaft der Welt. Der Ältere aber verlor einen wichtigen Weggesellen.

Eines hat die Sitzung klar gemacht: Die IG Metall ist gelähmt, hat sich nicht nur in die Sackgasse hineinmanövriert, sondern dort auch noch festgefahren. Der aus seinem Amt scheidende Gewerkschaftschef Klaus Zwickel schaffte es nicht, seinen Vize Jürgen Peters aus Amt oder aus der Position des designierten Nachfolgers zu verdrängen.

Auch einen kollektiven Rücktritt des gesamten Vorstandes blockte Peters ab. Ein vorgezogener Gewerkschaftstag, zwischenzeitlich als Notlösung erwogen, steht nicht mehr zur Debatte. Und Berthold Huber, Zwickels Protegé und ein Favorit der Pragmatiker, will nicht mehr für das Amt des Chefs kandidieren.

Enttäuschung und Frustration

Zwickel forderte am Abend, der Vorstand werde nun schnell einen neuen Vorschlag für die Nachfolge erarbeiten müssen. Wie dies gelingen soll, blieb indes unklar. Peters jedenfalls will ungeachtet der heftigen Kritik nach dem Streik-Debakel in Ostdeutschland bis zum Gewerkschaftstag im Oktober im Amt bleiben und sich dort zu Zwickels Nachfolger wählen lassen.

Nach dem Abtritt Hubers scheinen seine Chancen sogar ein wenig gestiegen zu sein - sein Rückhalt aber und sein Ansehen sind immens beschädigt. Nicht nur einflussreichen Betriebsräte der Autowerke Ford und Opel stehen gegen ihn, auch ganze Bezirke der IG Metall.

Die Spaltung der Gewerkschaft, vor der Zwickel jüngst eindringlich warnte, scheint damit Realität. Zeitungskommentatoren warnen, die Gewerkschaft könnte auf Jahre gelähmt sein. Ersten Reaktionen fielen negativ aus. "Die IG Metall bleibt damit gespalten und die Pattsituation weiter erhalten", sagte der Chemnitzer IG-Metall-Chef Sieghard Bender am Abend der Nachrichtenagentur dpa. "Ich bin enttäuscht, dass der Vorstand nicht zu einer Entscheidung gefunden hat, die Zerrissenheit bleibt damit weiter bestehen."

Unions-Vize macht sich für Gewerkschaften stark

Die IG Metall will zunächst weitere Papiere ausarbeiten - etwa eine gemeinsame Analyse über den gescheiterten Arbeitskampf und die notwendigen tarifpolitischen Folgen. Dabei werde es im Kern um das Verhältnis von Flächen- und Haustarifverträgen gehen, sagte Zwickel.

Das wirkt wenig entschieden - und selbst Gewerkschaftskritiker angesichts solcher Nicht-Lösungen besorgt: Der Unions-Fraktionsvize Friedrich Merz etwa warnt: "Wir stehen vor der Frage, ob wir in Deutschland in Zukunft moderne Gewerkschaften haben." Für überbetriebliche Lohnverhandlungen brauche man Vertragspartner auf beiden Seiten. "Und wenn sich die IG Metall jetzt selbst zerlegt, fehlt in Zukunft auf einer Seite ein Verhandlungspartner. Das kann niemand wirklich wollen."

Der Berliner Gewerkschaftsforscher Manfred Wilke fordert die krisengeschüttelte Gewerkschaft zu einem radikalen Kurswechsel auf. Sie sollte einmal darüber nachdenken, "ob der Kampf um eine Minimierung der Arbeitszeiten, den sie seit über 20 Jahren verfolgt, als Daseinsberechtigung ausreicht", sagte er der "Berliner Zeitung". Die IG Metall solle sich am besten - wie auch die anderen Gewerkschaften - stärker in der Bildungspolitik und in der Zukunftsdebatte über neue Technologien engagieren.

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