Münchener Rück "Mal Süßes, mal die Rute"

Der öffentliche Auftritt ist die Sache von Hans-Jürgen Schinzler nicht. Wie gut für ihn, dass es auf der Hauptversammlung der Münchener Rückversicherung am Mittwoch neben Kritik auch reichlich Lob gab.

München - Der väterliche Mentor redet und gestikuliert, der Zögling hört zu und nickt; ein inszeniertes Bild für die Fotografen. Klar verteilte Rollen beim Plausch zwischen Hans-Jürgen Schinzler, Noch-Vorstandschef der Münchener Rück , und seinem designierten Nachfolger Nikolaus von Bomhard kurz vor Beginn der Hauptversammlung (HV) des weltgrößten Rückversicherers im Internationalen Congress Centrum München (ICM).

"Er bringt alle Voraussetzungen mit", sagt Schinzler über von Bomhard, "den Konzern erfolgreich zu steuern". Der Gelobte erntet den spontanen Applaus der Aktionäre. Unter den rund 8000 Besuchern herrscht Frühlingsstimmung: Beifall statt wütender Zwischenrufe - auch für den amtierenden Konzernchef Schinzler nach dessen gut einstündiger Rede.

Die vergangenen zehn Jahre unter seiner Führung, resümiert Schinzler auf seiner letzten HV, seien eine "besonders turbulente Zeit" gewesen: In diesem Zeitraum stieg der Umsatz von 13 auf 40 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss von 87 Millionen Euro auf 1,1 Milliarden Euro. Doch Schinzler räumt ein: "Das Geschäftsjahr 2002 hat unsere Erwartungen nicht erfüllt". Er betont die "unbefriedigende Entwicklung" des Aktienkurses.

"Nicht auf die leichte Schulter genommen"

Nur auf Grund hoher Erlöse aus den Verkäufen von Beteiligungen gelang es der Münchener Rück im vergangenen Jahr, schwarze Zahlen zu schreiben. Schinzler weist fahrlässige Managementfehler von sich: Niemand im Vorstand habe seine Verantwortung "auch nur einen Moment lang auf die leichte Schulter genommen."

Mit konkreten Prognosen hält sich Schinzler zurück, schließlich ließen sich Naturkatastrophen und Börsencrashs kaum vorhersagen. Der Kurs der Münchener-Rück-Aktie werde jedenfalls wieder überproportional steigen, "sobald die Börse sich nachhaltig erholt". In diesem Jahr erhalten die Aktionäre, wie bereits 2002, eine Dividende von 1,25 Prozent.

Kritik kommt von den Aktionärsschützern. In Schinzlers Amtszeit sei "sehr viel positiv verändert" worden, lobt Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Aber: "Der Nachfolger muss sich mit einigen Baustellen beschäftigen." Schneider kritisiert die Eigenkapitalverluste der Münchener Rück durch die 25-Prozent-Beteiligung an der angeschlagenen HypoVereinsbank .

Außerdem weist SdK-Vertreter Schneider auf den achterbahnartigen Kursverlauf der Münchener-Rück-Aktie hin: "Alle Höhen und Tiefen des Aktionärslebens lassen sich in Ihrer Amtszeit zusammenfassen". Betrug der Aktienwert 1993 noch rund 50 Euro, erreichte er im Jahr 2000 mit fast 400 Euro seinen bisherigen Höhepunkt. Inzwischen liegt die Aktie bei knapp 97 Euro.

Kritik an Schinzlers AR-Mandat

"Das ist eine Doppelspitze, die ein Vakuum provoziert"

Auf Unverständnis stößt Schinzlers direkter Wechsel vom Vorstandsposten an die Spitze des Aufsichtsrats, der zum Jahreswechsel ansteht, per Bestellung durch das Registergericht. Erst bei der HV im nächsten Jahr sollen die Aktionäre diesen Schritt nachträglich absegnen. Ein ähnliches Vorgehen des ehemaligen HVB-Vorstandschefs Albrecht Schmidt, der auch im Aufsichtsrat der Münchener Rück sitzt, schürte jüngst den Zorn vieler Aktionäre des Kreditinstituts.

"Mit dem Rücktritt sollte ein Schnitt gemacht werden", fordert Schneider. Mit dieser Meinung steht er nicht allein: In der Position des Aufsichtsratsvorsitzenden werde Schinzler künftig als "Schatten-CEO" fungieren, erklärt Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger (VIP). "Das ist eine Doppelspitze, die ein Vakuum provoziert."

Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) appelliert an Schinzler: "Sie sollten diesen Weg nicht gehen." Interessenskonflikte seien dadurch programmiert. "Herr von Bomhard, wie sollen Sie denn entscheiden, wenn Sie erkennen, dass die frühere Strategie falsch war?" Gleichzeitig findet sie jedoch auch lobende Worte für Schinzlers Leistungen als Vorstandschef: "Sie haben aus einem verschlafenen, nationalen Rückversicherer einen Global Player gemacht".

Eon-AR-Chef Hartmann stärkt Schinzler den Rücken

Seelenmassage bekommt Schinzler vom derzeitigen Chef des Kontrollgremiums, Eon-Oberaufseher Ulrich Hartmann, der eine spontane Lobrede auf seinen künftigen Nachfolger hielt: "Die langjährige, internationale Erfahrung" Schinzlers sei für das Unternehmen "von ganz erheblicher Bedeutung". Auch zeichne der amtierende Vorstandschef sich durch "Integrität und Professionalität" aus. Er kenne "keine gleichwertige oder bessere Besetzung" für den Posten des Aufsichtsratschefs.

Für diese Streicheleinheiten bedankt sich ein verblüffter Schinzler: "Da hat's mir die Sprache verschlagen." Als Sparring-Partner werde er seinem Nachfolger zur Seite stehen. Von Bomhard sei "Manns genug", selbstständig Entscheidungen zu treffen, unabhängig von der grauen Eminenz im Hintergrund. "Wann immer es bessere Erkenntnisse gibt, werde ich der Letzte sein, der sich dagegen stellt."

Mit welchen Erkenntnissen er eine künftige Strategie entwickeln will, verrät von Bomhard noch nicht. Ohnehin spielt er bei der HV wie schon beim offiziellen Pressefoto nur eine Nebenrolle, auch wenn er auf dem Podium direkt rechts neben Schinzler sitzt. Witzelnd spekuliert Aktionärsschützer Buhlmann über von Bomhards künftigen Kurs: "Mir brachte der Nikolaus mal Süßes, mal die Rute."

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