DAB Bank "Einmaliger Fall in Deutschland"

Mitarbeiter des Discountbrokers DAB kämpfen mit massiven Schuldenproblemen. 40 von ihnen wollen jetzt Klage gegen den Arbeitgeber einreichen. Ihr Vorwurf: Mit großzügigen Krediten ohne Sicherheiten-Check hätte sie das Management der HypoVereinsbank-Tochter zum Zocken verführt.
Von Christian Buchholz

München - Beim Discountbroker der HypoVereinsbank  (HVB), der DAB , gibt es Mitarbeiter auf niedrigen Positionen, die sich Traumurlaube und Harleys leisten können. Auf der anderen Seite des Schreibtischs finden sich Kollegen, denen hohe Schuldenberge das Leben schwer machen. Vor dreieinhalb Jahren waren beide noch gleich liquide - doch dann kam das Mitarbeiter-Optionenprogramm.

Die Glückspilze bei der DAB haben mit kreditfinanzierten Aktien mehrere hunderttausend Euro erlöst. Die Pechvögel haben nicht verkauft - und damit eine Aktie im Depot, die nach einem Höchststand von mehr als 60 Euro nur noch zwei Euro wert ist. Pikant ist, dass es sich dabei um das Wertpapier des Hauses, die DAB-Aktie, handelt.

Nach Ansicht des Münchener Rechtsanwalts Volker Thieler trägt das Management der HVB-Tochter eine erhebliche Mitschuld am Finanzdebakel eines Großteils der DAB-Mitarbeiter, von denen einige laut Thieler jetzt "kurz vor der persönlichen Insolvenz" stehen.

"In Rundschreiben an die Belegschaft hat die DAB dazu geraten, auf Kredit gekaufte Aktien nicht zu verkaufen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als der Kurs sich bereits vervielfacht hatte", so Thieler. Der Anwalt will beim Arbeitsgericht München im Auftrag von 40 DAB-Mitarbeitern Klage einreichen.

Universität München erstellt Rechtsgutachten

Dazu hat der Jurist nach eigenen Angaben auch ein Rechtsgutachten von der Universität München zu dem Fall erstellen lassen. Das Ergebnis, so Thieler, bestärke ihn in seiner Einschätzung, dass das Mitarbeitermodell der DAB "ein einmaliger Fall in Deutschland" sei.

Begonnen hatte der Fall im Herbst 1999. Zum Börsengang der DAB bekam jeder der damals 500 Mitarbeiter Aktien geschenkt - insgesamt 1,441 Millionen Anteile wurden unter der Belegschaft und dem Vorstand verteilt. Der Verteilungsschlüssel: Von der studentischen Aushilfskraft bis zu den damaligen Vorständen Matthias Kröner und Roland Folz (heute bei der DaimlerChrysler Bank) bekam jeder Aktien (Ausgabekurs: 12,50 Euro) im Wert von meist mehr als einem Jahresgehalt gratis ins Depot gelegt.

123 Kredite von Mitarbeitern und Ex-Angestellten fällig

Solche Geschenke im Rahmen von Family-and-Friends-Programmen erhalten die Freundschaft. Das Gegenteil allerdings bewirkte die DAB durch großzügige Kreditvergaben an jene Mitarbeiter, die noch mehr kaufen wollten: Aktien im Gegenwert eines Jahresgehalts gab es auf Pump.

Anwalt Thieler behauptet, dass die DAB für diese auf - drei Jahre befristeten - Kredite keine Sicherheiten verlangte, beziehungsweise die geschenkten Aktienpakete als Sicherheiten ansah. Weshalb er seinem Klageantrag beim Arbeitsgericht noch den Vorwurf beifügt, die DAB habe als Arbeitgeber ihre Fürsorgepflicht verletzt.

Warum das Aktienoptionsprogramm für DAB-Mitarbeiter "einmalig" ist

Warum das Mitarbeiterprogramm der DAB "einmalig" ist

Drittens fällt das Aktien-Optionsmodell nach Thielers Auslegung unter die so genannten "Haustürgeschäfte", zu denen es ein Widerrufsgesetz gibt. Nach dem könnten die Mitarbeiter rückwirkend von den Verträgen zurücktreten - ohne für den Schaden (Kredit) aufzukommen. Doch so weit ist es noch nicht.

123 der so genannten Effektenkredite, die (bereits einmal verlängert) in der vergangenen Woche fällig wurden, konnten (oder wollten) von den Mitarbeitern - darunter auch etliche ehemalige - nicht bedient werden. DAB-Sprecherin Juliane Giese sagte gegenüber manager-magazin.de, nun würde mit den Kollegen über Kreditverlängerungen gesprochen.

Buchwert-Millionäre waren ein Nemax-Phänomen

In die Schuldenfalle geraten sind auch Mitarbeiter anderer Unternehmen, deren Kurse in den Glanzzeiten des Nemax hoch schossen. So waren noch im Jahr 2001 die DAB-Mitarbeiter nicht die einzigen, über deren proppere Gehaltsaufhübschung in der Bankerszene neidisch gesprochen wurde. Was den DAB-Fall gegenüber Intershop, Mobilcom, CE Consumer, MLP und etlichen anderen unterscheidet, ist die Kreditklausel.

So bekamen die Mitarbeiter für jene Aktien, die sie auf Pump kauften, noch drei weitere in Aussicht gestellt, wenn sie ihr Paket nur lange genug hielten. Konkret: Hatte ein Mitarbeiter mit dem Jahresgehalts-Kredit 10.000 DAB-Aktien (für 125.000 Euro) erworben, wurde ihm gleichzeitig das Recht zugesprochen, zwei Jahre später weitere 15.000 Aktien zum Vorzugskurs (etwa 17 Euro) zu erwerben, ein weiteres Jahr darauf noch einmal 15.000 Aktien, ebenfalls zum - aus damaliger Sicht - Schnäppchenpreis.

Allerdings - die neuen Aktien bekam der Mitarbeiter nach dem Modell nur, wenn er sich verpflichtete, sein neues, mächtig angeschwollenes Aktienpaket erneut für ein Jahr zu halten. Ausgesperrt von dem Angebot wurden jene, die von ihren auf Kredit gekauften Aktien mehr als die Hälfte bereits vor Ablauf der ersten beiden Jahre verkauften.

Bombengeschäft mit Pleiterisiko

Angestellte berichten, dass ihre Vorgesetzten in der Boomphase der Aktie wärmstens empfohlen hätten, das Modell voll auszunutzen. Ein Argument dabei: Die Spekulationssteuer, die für all jene anfiel, die vor Ablauf eines Jahres ihre Aktien verkauften. Trotzdem machten nur die ein Bombengeschäft, die ihre DAB-Aktien entgegen der Empfehlung frühzeitig verkauften.

Im Musterfall hatte der DAB-Mitarbeiter seine 10.000 auf Kredit gekauften Aktien zwischen Ende 1999 und Ende 2000 im Buchwert um etwa 400.000 Euro gesteigert. Einigen der Betroffenen schien die Angelegenheit damit ausgereizt; sie verkauften und konnten gleich anschließend den Traum vom Eigenheim in bar bezahlen.

Andere gingen auf die Option des Arbeitgebers ein und hielten ihre Aktienpakete fest. Damit fanden sich im Besitz des oben erwähnten Angestellten Aktien im Wert von damals etwa einer Million Euro (zum DAB-Kurs Ende 2000 gerechnet, rund 40 Euro). Investiert hatte der vermeintlich Neureiche lediglich 255.000 Euro nebst Kreditzins. Sollte sich der Kurs auch nur seitwärts entwicklen, blühten ihm ein Jahr später erneut 15.000 DAB-Aktien zum Vorzugspreis und abermals satte Gewinne. Die Million im Blick, ließen sich viele DAB-Mitarbeiter auf das Abenteuer ein.

Geld weg, Job weg - die Hälfte der Mitarbeiter musste gehen

Die Hälfte der Belegschaft musste gehen

So wird auch klarer, warum viele von Berufs wegen börsenkundige DAB-Mitarbeiter auf den Zug aufsprangen, den ihr Arbeitgeber bereitstellte: "Weil es die an die Aktien gekoppelten Optionen gab, mit denen man seinen Gewinn extrem leicht traumhaft hoch drehen konnte. Das glaubten damals jedenfalls viele", sagt ein Betroffener.

Der sprichwörtliche Coup des Lebens lag auf dem Tisch und wollte nur noch unterschrieben werden. Dass der Schuss bei einem Kursverfall von 96 Prozent (zum Höchstkurs) nach hinten losgehen könnte, schien ausgeschlossen. Doch die Zeit zeriss die Millionenträume.

Aktienkauf auf Kredit ist für Kunden des Discountbrokers DAB aus triftigen Gründen nur in engen Grenzen möglich. Denn sonst nimmt die Bank ein hohes Risiko ins Buch. In den USA haben die Banken das Problem schon länger durch so genannte Margin Calls gelöst - Kunden können Aktien bis maximal zur Hälfte des aktuellen Börsenwerts auf Kredit kaufen.

Modell ohne Netz und doppelten Boden

Fällt der Kurs der Aktien um 50 Prozent, wird das Paket automatisch komplett verkauft. So sichert die Bank ihren Anspruch, der Kunde landet mit seinem Investment zwar bei Null, wird vor Schlimmerem aber bewahrt.

"Tja, leider war in den Effektenkredit meines Arbeitgebers keine Sicherung eingebaut", sagte ein Betroffener gegenüber manager-magazin.de. "Ein Margin Call hätte viel Leid vermieden."

Obendrein verlor die Hälfte der noch 2001 bei der DAB Beschäftigten auch noch den Arbeitsplatz, von 1100 wurde das Personal auf heute kaum mehr als 500 Beschäftigte reduziert. Zu den Ausgeschiedenen zählen auch die Vorstände Folz und Kröner, heute führt ein Dreigestirn (Alexander von Uslar, Jens Hagemann und Matthias Sohler) den Discountbroker.

Tagesgeschäft "in keinster Weise beeinträchtigt"

Sittenwidrig nennt Anwalt Thieler die an Aktienkäufe gekoppelten Verträge. Dies sei das Aktienoptionsprogramm "mit Sicherheit nicht", entgegnet DAB-Pressesprecherin Juliane Giese. Das Schuldenthema bei vielen Mitarbeitern sei "im Unternehmen seit langem bekannt" und beeinträchtigte das Tagesgeschäft "in keinster Weise". Im Übrigen sei die von Anwalt Thieler erwähnte Klage bei der DAB noch nicht eingegangen.

Ein lauteres Echo erwartet Thieler zur Hauptversammlung am 22. Mai, "wo wahrscheinlich die Frage auftauchen wird, in welcher Höhe der Konzern Rückstellungen für die faulen Mitarbeiter-Kredite gebildet hat oder bilden wird".

Als Ziele für seine Mandanten nennt Anwalt Thieler, falls es zu einem außergerichtlichen Vergleich kommt, Verzicht der DAB auf 30 bis 50 Prozent der Forderungen aus den umstrittenen Krediten. Oder bei Aufhebung des Arbeitsverhältnisses das Glattstellen des zugehörigen Mitarbeiter-Kredits.

Wobei die zweite Variante für die Ausgeschiedenen auch den Vorteil hätte, dass sie nicht mehr täglich das Lächeln des Millionärs auf der anderen Seite des Schreibtischs entgegnen müssten.