Allianz-HV "Wir sind bedient von strategischen Visionen"

Klaus Kaldemorgen, Manager bei der Fondsgesellschaft DWS, übt harsche Kritik an der Allianz-Spitze. Der Berufung des scheidenden Allianz-Chefs Schulte-Noelle an die AR-Spitze erteilt er kurzerhand eine Absage. manager-magazin.de präsentiert Kaldemorgens HV-Rede im Wortlaut.

Sehr geehrter Vorstand, sehr geehrte Aktionäre,

mein Name ist Klaus Kaldemorgen. Ich bin Mitglied der Geschäftsführung der DWS, der größten deutschen und europäischen Publikumsfondsgesellschaft. Wir verwalten derzeit ein Fondsvolumen von rund 118 Milliarden Euro für über vier Millionen Anleger in Europa. Wir halten derzeit über sieben Millionen Aktien der Allianz, welches einem Anteil von 2,8 Prozent des Grundkapitals entspricht.

Die DWS-Anleger stellen hohe Renditeerwartungen an uns. Die Investition in Allianz-Aktien hat diese Renditeerwartungen nicht erfüllt. Ein schwacher Kapitalmarkt und eine Häufung von Schadensereignissen dürfen nicht als Entschuldigung für die hohen Kursverluste der Allianz-Aktie herangezogen werden.

Während Allianz über die letzten zwölf Monate einen Kursverlust von 75 Prozent verzeichnet, mussten konkurrierende europäische Versicherer deutlich niedrigere Kursverluste hinnehmen. Gemessen am Branchenindex verlor Allianz 24 Prozentpunkte mehr als die Konkurrenz.

Wir haben in Allianz investiert, weil das Unternehmen im Hinblick auf Prämieneinnahmen und Marktstellung eines der weltweit führenden Versicherungsunternehmen darstellt. Umso ärgerlicher ist die Feststellung, dass der beispiellose Wertverlust der Aktie seine Ursache in Versäumnissen des Managements sowie strategischen Missgriffen hat. Im Folgenden möchte ich einige Schwachpunkte aufgreifen:

Dresdner Bank Akquisition

Dresdner Bank Akquisition

Wesentliche Ursache der Allianz-Probleme stellt die Dresdner Bank Akquisition dar. Die versprochenen Synergieeffekte auf der Kosten- und Ertragsseite konnten nicht realisiert werden. Ich zitiere aus Ihrem Kommentar zum Geschäftsjahr 2001: "Die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen greifen bereits, ihr Erfolg wird jedoch ... erst im Geschäftsjahr 2002 sichtbar werden."

Viel zu spät wurden Maßnahmen ergriffen, um die ausufernden Kreditrisiken in den Griff zu bekommen. Zu spät wurden Konsequenzen beim Investmentbanking gezogen. Die versprochene Separierung und Ausgrenzung dieses Bereiches, welcher thematisch nicht zum Allianz-Konzern passt, wurde verschleppt.

Die Allianz hat als Eigentümerin der Dresdner Bank keine überzeugenden Anstrengungen unternommen, Ballast abzuwerfen und die sicherlich vorhandenen Synergien zu heben.

Bitte beantworten Sie die Frage, wann Kreditrisiken der Dresdner Bank letztmals das Kapital der Allianz-Aktionäre belasten werden, und ob beziehungsweise über welchen Zeitraum an eine Veräußerung des Bereiches Corporate und Markets nachgedacht wird.

Asset Management

Asset Management

Der Geschäftsbereich Asset Management steht stellvertretend für viele Aktivitäten der Allianz, welche gekennzeichnet sind durch hohe Volumina und geringe Profitabilität. Zwei Jahre in Folge leiden Allianz-Aktionäre unter negativen Netto-Ergebnissen infolge von hohen Abschreibungen. (2001: 348 Millionen Euro, 2002: 400 Millionen Euro). Der Beitrag von Pimco bleibt weiter unbefriedigend.

Die Allianz muss in den nächsten Jahren noch insgesamt zwei Milliarden Euro ausgeben, um die Minderheitsbeteiligung an der Pimco auszukaufen, insgesamt also fast die Hälfte des von den Allianz-Aktionären neu zugeführten Kapitals. Leider fehlt es trotz der hohen Investitionen in Pimco (von Nicholas Applegate abgesehen) an Transparenz für den Aktionär.

Mit welcher Rendite können wir für das nächste Jahr rechnen, auf das bei Pimco eingesetzte beziehungsweise noch einzusetzende Kapital in Höhe von nahezu sieben Milliarden Euro? Welche Optionen gibt es, falls Pimco die Renditeerwartungen nicht erfüllt? Müssen die Allianz-Aktionäre gegebenenfalls einen strategischen Preis zahlen für schiere Größe im Asset Management?

Um es deutlich auszudrücken: Wir sind bedient von strategischen Visionen. Alle Aktivitäten der Allianz müssen sich an der Rentabilität messen lassen. Wie rechtfertigen Sie die hohen Zahlungen in jährlich dreistelliger Millionenhöhe an das Pimco-Management trotz unzureichender Rentabilität?

Versicherungsgeschäft

Versicherungsgeschäft

Es ist zu begrüßen, dass Defizite im versicherungstechnischen Geschäft in Zukunft nicht mehr mit Erträgen aus den Kapitalanlagen zugekleistert werden sollen. Sie haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, die Combined Ratio (Schadenregulierung dividiert durch Prämieneinnahmen) auf unter 100 Prozent zu drücken.

Wir werden Ihre Erfolge anhand dieser Kennzahl, die nach unserer Meinung maßgeblich für den Erfolg des Allianz-Konzerns ist, aufmerksam verfolgen und messen. Dabei spielt auch die qualitative Struktur dieser Kennzahl für uns eine Rolle.

Ein Prüfstein wird AGF sein, da deren Aktivitäten trotz eines günstigen Preisumfeldes nicht zur Ergebnisverbesserung geführt haben. Wie wollen Sie in diesem Bereich das hohe Kosten- und Schadensniveau reduzieren? Die angestrebte Combined Ratio in diesem Bereich von 103 erachten wir als Minimalziel. Sind Sie bereit, Einheiten im Versicherungsgeschäft zu veräußern, falls diese die gesteckten Ziele nicht erreichen?

Lebensversicherungen

Lebensversicherung

Trotz hohen Prämienvolumens brach hier das Nettoergebnis um über 90 Prozent ein. Es stellt sich die Frage, ob angesichts einer zu geringen Senkung der Überschussbeteiligung von 6,8 Prozent auf 5,3 Prozent nicht die Aktionäre überdurchschnittlich für die Verluste am Kapitalmarkt in Anspruch genommen werden.

Auf der Kostenseite wurde zu wenig geleistet. Die Reduzierung der Kostenquote um 0,7 Prozent ist hauptsächlich auf das stark gestiegene Prämienvolumen zurückzuführen. Wir haben Sorge, dass die Profitabilität im Lebensbereich die Profitabilität im Gesamtkonzern drückt.

Sollte auf Grund des Volumenwachstums neues Kapital von diesem unterdurchschnittlich profitablen Geschäftszweig absorbiert werden, würden wir dies ausdrücklich nicht unterstützen. Es ist nicht akzeptabel, dass die Interessen des Allianz-Vertriebs Vorrang vor den Interessen der Aktionäre haben.

Es wäre interessant, wenn Sie die zukünftigen Rentabilitätsziele dieses Geschäftsbereiches präzisieren würden. Ferner interessiert uns, wie viel Eigenkapital zusätzlich in 2003 vom Lebensversicherungsgeschäft beansprucht wird. Mehr Transparenz in diesem Bereich wird gerade auch auf Grund der kritischen Stimmen aus Analystenkreisen angemahnt.

Beteiligungsportfolio und Kapitalerhöhung

Beteiligungsportfolio und Kapitalerhöhung

Die Allianz hat zu lange gewartet, um ihr Beteiligungsportfolio zu reduzieren und den geänderten Marktgegebenheiten anzupassen; der Aktionär muss für diese Unterlassung jetzt die Zeche in Form von frischem Kapital zahlen.

Wir beobachten, dass mit dem Verkauf von Beteiligungen, wie zum Beispiel Beiersdorf, zu lange gewartet wird. Andere Finanzinstitute waren bei ihrem Beteiligungsverkauf konsequenter und aggressiver. Man hat höhere Verkaufspreise versäumt und damit eine erhebliche, wenn nicht sogar bedrohliche, Schwächung der Eigenkapitalbasis hinnehmen müssen.

Dies ist umso bedauernswerter, da Risikomanagement die eigentliche Kernkompetenz einer Versicherung ist. Es ist an der Zeit, Portfoliomanagement-Überlegungen auch auf das Beteiligungsportfolio zu übertragen, die Reduzierung der Überkreuzbeteiligung mit der Münchener Rück ist dabei ein Schritt in die richtige Richtung. Wir verkennen nicht, dass angesichts der stark gedrückten Aktienmärkte nunmehr nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden sollte.

Zu kritisieren ist die Kommunikation der Allianz im Umfeld der Kapitalerhöhung. Zunächst ist zu bemängeln, dass der Aktionär wieder einmal für Versäumnisse im Management geradestehen muss, ohne dass vorher alle zugegebenerweise schmerzhaften Optionen ausgeschöpft wurden.

Es hätte klarer kommuniziert werden müssen, unter welchen Voraussetzungen die Allianz neues Kapital braucht. Dadurch, dass man die Märkte lange im Unklaren gelassen hat, wurden die Aktionäre auf die Schlachtbank der Hedge Fonds geführt, die die Phase der Unsicherheit genutzt haben, um die Allianz-Aktie zu shorten. Dies hat die Kursverluste unnötig verstärkt.

Die Begründung von Herrn Achleitner, dass eine Kapitalerhöhung notwendig gewesen wäre, um dem Treiben der Hedgefonds ein Ende zu setzen, war provokativ. Gerade durch die Kapitalerhöhung werden diese Fonds auch noch belohnt, da Short-Positionen leicht geschlossen werden können.

Man sollte offen zugeben, dass frisches Kapital benötigt wurde, um die Löcher der Vergangenheit zu stopfen. Wir haben diese Maßnahme letzten Endes zähneknirschend mitgetragen, da wir überzeugt sind, dass der Kern der Allianz ein potenziell profitables Unternehmen darstellt.

In diesem Zusammenhang bedarf der Antrag auf neues genehmigtes Kapital einer kritischen Betrachtung. Wir möchten uns diesem Antrag zwar nicht verweigern, um die unternehmerische Flexibilität des Vorstands sicherzustellen. Allerdings sollten die Aktionäre nicht als Melkkuh für strategische, aber unprofitable Zukäufe herangezogen werden.

Bitte präzisieren Sie, unter welchen Umständen auf das genehmigte Kapital zurückgegriffen wird und welche Rentabilitätshürden für neue Engagements gelten. Die Aktionäre haben eine nicht unerhebliche Vorleistung erbracht, nun ist das Management am Zuge.

Die personelle Veränderung auf wichtigen Posten im Unternehmen unterstreicht den Willen zum Neuanfang und wird von uns begrüßt. Dieser Neuanfang sollte sich allerdings auch im Aufsichtsrat niederschlagen. Wir unterstützen deshalb nicht das Vorhaben Herrn Dr. Schulte-Noelle als Vorsitzenden des Aufsichtsrates zu berufen.

Abschließend möchte ich dem Vorstand bei der Umsetzung seiner Ziele Glück und Erfolg wünschen.

Lebensversicherer: Kommt jetzt die "Bad Insurance Company"? Die 50 Mächtigsten: Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle

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