Allianz Götterdämmerung

Henning Schulte-Noelle hat in seinem Leben vieles richtig gemacht, sowohl persönlich als auch beruflich. Auf der Hauptversammlung der Allianz am Dienstag in München dürfte ihm aber vor allem sein größter Fehler von den Anlegern vorgehalten werden.
Von Arne Stuhr

Hamburg/München – In der griechischen Mythologie war die Verehrung für den Hochgott Zeus nahezu grenzenlos. Im Tempel von Olympia stand zum Beispiel ein 30 Meter hohes Abbild, das der berühmte Bildhauer Phidias aus Gold und Elfenbein geschaffen hatte.

Ehrerbietungen dieser Qualität sind am Dienstag ab zehn Uhr in der Münchener Olympiahalle kaum zu erwarten, auch wenn dem auf der Hauptversammlung (HV) der Allianz  aus dem Amt scheidenden Vorstandsvorsitzenden Henning Schulte-Noelle (60) über Jahre fast gottgleiche Huldigung entgegengebracht wurde.

Da aber Schulte-Noelle eben nicht der Sohn der Titanen Kronos und Rhea ist, sondern in Essen in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, war dem "heimlichen Chef der Deutschland AG" die Unfehlbarkeit halt nicht in die Wiege gelegt.

Der Fehler seines Lebens – die Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz – wird auf der HV eines der bestimmenden Themen sein. In einem Gegenantrag spricht ein verärgerter Allianz-Aktionär von einer "nie da gewesenen Vermögensvernichtung" und der "folgenschwersten Entscheidung in der Geschichte der Allianz". Bei minus 70 Prozent Martkapitalisierung binnen eines Jahres hilft es eben nur wenig, dass sich der Kurs der Allianz-Aktie zwischen dem Börsencrash 1987 und dem Ende der Hausse 2000 (seit 1991 war Schulte-Noelle Vorstandsvorsitzender) fast verzehnfachte.

Aber nicht nur die Kleinanleger, deren Vertreter von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Schulte-Noelle die Entlastung verweigern wollen, weil dieser trotz Aufsichtsratssitz die Probleme der Dresdner Bank nicht erkannt habe, wollen die Abschiedsvorstellung trüben, sondern auch die institutionellen Anleger.

Neue Gesichter im Aufsichtsrat

Thomas Körfgen, Leiter des Aktienfondsmanagements bei SEB Invest, kündigte bereits in der vergangenen Woche an, der Wahl von Schulte-Noelle zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Allianz die Zustimmung zu verweigern. Man wolle künftig gegen die "Auswüchse der Deutschland AG" opponieren. Kommentar der Allianz: "Die Kandidaten für die Aufsichtsratswahl zeichnen sich durch hohe persönliche und fachliche Qualifikation aus."

Die Amtszeit sämtlicher Aufsichtsräte endet übrigens mit Ablauf der HV. Die neuen Arbeitnehmervertreter sind bereits am 17. März dieses Jahres gewählt worden, die Vertreter der Anteilseigner stellen sich in München dem Aktionärsvotum. Neben Schulte-Noelle sollen Wulf Bernotat, designierter Chef von Eon , und Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach neu in das Kontrollgremium aufrücken. Klaus Liesen (Ruhrgas), Bernd Voss (ehemals Dresdner Bank) und Uwe Haasen (ehemals Allianz) räumen dafür ihre Plätze. Zur Wiederwahl stellen sich Diethart Breipohl (ehemals Allianz), Bertrand Collomb (Général Lafarge), Gerhard Cromme (ThyssenKrupp ), Jürgen Dormann (ABB), Manfred Schneider (Bayer ), Hermann Scholl (Bosch) und Jürgen Schrempp (DaimlerChrysler ).

Was wird Michael Diekmann anders machen?

Trotz einer wahrscheinlich im Ton scharfen Abrechnung mit Schulte-Noelle, wie sie so vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen wäre, richten sich die Blicke bereits morgen schon auf seinen Nachfolger Michael Diekmann (48). Denn auch wenn die Kapitalerhöhung erfolgreich abgeschlossen und damit die Finanzreserven gestärkt wurden, wird Diekmann kaum 100 Tage Bewährungsfrist vom Kapitalmarkt bekommen. Dafür sind die Probleme der Allianz nach dem ersten Verlustjahr in der Nachkriegsgeschichte zu dringend.

Neben dem Bankgeschäft machen vor allem die Töchter in Frankreich (AGF) und den USA (Fireman's Fund) Sorgen, auch der Vertrieb in Italien bedarf der Stärkung. Zu diesen Punkten, wie auch der Zukunft des Industriegeschäftes hat Diekmann bisher noch keine klare Aussage gemacht. Auch der Verkauf der 44-Prozent-Beteiligung an Beiersdorf  hängt weiter in der Schwebe.

"Die Allianz schadet der Schriftsprache"

Eine große HV wäre eine solche aber nicht wirklich, wenn es neben den oftmals anstrengend formalistischen Pflichten nicht immer wieder skurrile oder schräge Gegenanträge geben würde, die für Auf- und Erheiterung sorgen. Diesen Part übernimmt am Dienstag in München Jürgen Frielinghaus aus Pöcking. Herr Frielinghaus will dem Tagesordnungspunkt 3 – Entlastung des Vorstands – nicht zustimmen, weil die Allianz sich mit "ihrer Rechtschreibung an der Verschlechterung der deutschen Schriftsprache" beteilige. Die in seinen Augen "verhasste Rechtschreibreform" werde von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt.

Pikanterweise stützt er diese Behauptung auf eine Umfrage des Allensbach-Instituts, deren Chefin sich ja just am Dienstag um einen Sitz im Allianz-Aufsichtsrat bewirbt. Renate Köcher könnte also gleich vor Ort klären, ob sich die Stimmung gedreht hat. Im Sommer 2002 waren zumindest tatsächlich nur zehn Prozent für die neue Rechtschreibung und 56 Prozent dagegen.

Die 50 Mächtigsten: Henning Schulte-Noelle im Porträt Michael Diekmann: Ein Leben für die Allianz


Allianz: Wechseljahre  Allianz: Die Deutschland AG sortiert sich neu

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