SARS-Krise Fiebermessen vor dem Abflug

Börsenkurse im Sinkflug, Passagierzahlen im freien Fall: Die in Ostasien grassierende Lungenkrankheit SARS hat die Fluggesellschaften der Region kalt erwischt. Schon spricht die Branche von der schlimmsten Krise seit dem 11. September.

Hamburg/Hongkong - Das Dementi kam spät und hatte etwas Verzweifeltes. Nachdem in der Weltpresse Inhalte eines internen Papiers der asiatischen Airline Cathay Pacific  die Runde machten, wonach die Gesellschaft angesichts der grassierenden SARS-Seuche die komplette Flotte am Boden lassen will, bemühte sich der Konzern um Schadensbegrenzung. Nein, der Flugbetrieb werde nicht eingestellt, hieß es am Sonntag.

Die Kapitalmärkte straften Cathay trotzdem gnadenlos ab und prügelten die Aktie am Montag auf ein 17-Monate-Tief. Damit setzt sich der vor allem SARS-bedingte Absturz der Airline an den Börsen fort. Seit die Krankheit vor etwa einem Monat in Hongkong ausbrach, hat das Papier 20 Prozent verloren. Schätzungsweise 1,28 Milliarden Dollar wurden verbrannt.

Schon am Freitag hatte Cathay gewarnt, dass die Ergebnisziele in diesem Jahr verfehlt werden, ohne jedoch konkrete Zahlen zu nennen. Als Sparmaßnahme seien unter anderem alle Werbeausgaben gestoppt worden. Ob das reicht, um die massiven Einbrüche bei den Passagierzahlen zu kompensieren, muss bezweifelt werden. 42 Prozent der Flüge wurden mittlerweile gestrichen. Die Zahl der Fluggäste war von 39.000 am Tag auf nur noch 7000 zusammengeschmolzen.

Lahmgelegtes Drehkreuz

Die SARS-Angst droht, die gesamte ostasiatische Flugindustrie in den Abgrund zu reißen. Singapore Airlines , die profitabelste Fluglinie der Welt, hat mittlerweile 14 Prozent der Kapazität gekappt. Japan Airlines, All Nippon Airways, Korean Air, Garuda Indonesia und China Air haben ihre Streckennetze ebenfalls reduziert. Quantas, Australiens führende Airline, entließ 1000 der insgesamt 35.000 Mitarbeiter, nachdem die Gesellschaft auf ihren internationalen Routen 20 Prozent aller Flüge eingestellt hatte und für 2003 eine Gewinnwarnung aussprach.

Mit SARS erleben die asiatischen Anbieter das, was die US-Gesellschaften schon seit dem 11. September durchmachen. Es droht ein gnadenloser Ausleseprozess. Vor allem die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgesprochene Reisewarnung für Hongkong legt das wichtigste Drehkreuz für den Flugverkehr in der Region lahm. Die Passagierzahlen am Chek Lap Kok Airport haben sich seit Mitte März halbiert. "Ich denke, so lange die Warnung in Kraft bleibt, werden die Passagierzahlen weiter dezimiert", warnt Mark Webber, Analyst bei HSBC.

Schon jetzt spricht Richard Stirland, Generaldirektor des Verbandes der asiatisch-pazifischen Fluggesellschaften, von der "bisher schlimmsten Situation für die Airlines der Region". Im Gegensatz zu den amerikanischen Linien, die mit großzügiger Unterstützung durch die US-Regierung rechnen können, geraten die Asiaten zunehmend durch die Versuche der Politik unter Druck, der Krise Herr zu werden.

Fiebermessen vor dem Abflug

So erwägt Hongkong, künftig bei allen abfliegenden Passagieren Fieber zu messen, um Reisende mit Symptomen aufzuspüren. Ob der teilweise panikartigen Reaktionen sprach Stirland vor Willkürmaßnahmen der Regierungen zur Eindämmung von SARS und warnte vor entstehenden Langzeitschäden für die Luftfahrtindustrie.

Die SARS-Bedrohung hat offenbar noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Die chinesische Regierung bezeichnete die Situation im Land am Montag erstmals als "ernst". Hongkong meldete ebenfalls, dass die Ausbreitung der Krankheit derzeit nicht unter Kontrolle sei. Die ostasiatischen Airlines haben das Schlimmste noch nicht hinter sich.

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