Interview Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Im Gespräch mit manager-magazin.de nennt der Kriegsforscher und Politikwissenschaftler Herfried Münkler die Gründe für den Krieg, skizziert die Zukunft der transatlantischen Beziehungen und sagt, welche Länder demnächst ins Visier von George W. Bush geraten könnten.

mm.de:

Herr Münkler, haben Sie damit gerechnet, dass sich der Erfolg für die alliierten Streitkräfte so schnell einstellt?

Münkler: Meine ursprüngliche Prognose lag bei vier bis sechs Wochen bis der Krieg endgültig vorbei ist. Davon gehe ich weiter aus. Was mich verwundert hat, ist der schnelle Fall von Bagdad. Dass die Alliierten nicht in härtere Straßenkämpfe verwickelt wurden, kommt überraschend. Da habe ich mich von der Medienberichterstattung und von den Einschätzungen der so genannten Nahost-Experten täuschen lassen.

mm.de: Welche Gründe haben die Bush-Administration eigentlich zum Waffengang veranlasst? Terrorverbindungen und Massenvernichtungswaffen kommen wohl kaum als Argument in Frage. Ins Zentrum rücken immer mehr die ökonomischen Aspekte, sprich das Erdöl im Irak.

Münkler: Die Amerikaner haben sicher nicht Krieg geführt, um sich das Erdöl anzueignen und damit zu verdienen. Auch ging es nicht darum, den Ölpreis zu drücken. Dazu ist Krieg nicht das geeignete Mittel. Öl hat höchstens eine Rolle bei der Motivation gespielt, weil die US-Regierung sicherstellen wollte, dass Ölpreis und Förderquoten unter konkurrierenden Bedingungen reguliert werden, dass mithin stabile Marktbedingungen gewährleistet werden.

mm.de: Die Zusammensetzung der US-Regierung deutet darauf hin, dass eine Wahrnehmung der Interessen von amerikanischen Unternehmen keine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung für den Krieg gespielt hat. Viele Mitglieder der Bush-Administration waren in der Erdölindustrie tätig.

Münkler: Die möglichen Interessen der US-Wirtschaft sind in diesem Fall keine handlungsleitende Direktive. Die Vergabe von Reparaturaufträgen im Irak an ein Unternehmen, bei dem der amerikanische Vize-Präsident früher Chef war, ist ein Beiprodukt. Natürlich bietet der Vorgang einen hervorragenden Nährboden für Verschwörungstheorien. Aber dafür einen Krieg zu führen und die entsprechenden politischen und militärischen Risiken einzugehen, erscheint mir nicht sehr plausibel und auf einer sehr platten Imperialismustheorie basierend.

mm.de: Was war demnach der eigentliche Grund?

Münkler: Die Amerikaner mussten ein Problem lösen, das schon seit 15 Jahren auf der Agenda ihrer Außenpolitik steht: Die zunehmende Destabilisierung der Region am Persischen Golf. Der Iran, als bis dahin wichtigster Verbündeter und Stabilitätsgarant, konnte diese Aufgabe seit der islamischen Revolution von 1979 nicht mehr erfüllen. Die Saudis waren unfähig den vakanten Posten zu übernehmen. Es war von Anfang an klar, dass auch Saddam Hussein nicht als Hauptverbündeter in Frage kam. Der Irak diente nur dazu, den expandierenden Islamismus aus dem Iran einzugrenzen. Die Amerikaner mussten immer häufiger selbst aktiv werden und somit ihre militärische Präsenz zunehmend steigern, insbesondere nach dem zweiten Golfkrieg von 1991. Die Kosten, die den USA daraus erwachsen sind, waren auf Dauer zu groß. Diese Schieflage musste beseitigt werden durch die Installation eines berechenbaren Regimes im Irak. Der aktuelle Krieg ist der Auftakt dazu.

Endet die transatlantische Freundschaft?

mm.de: Wird das Land überhaupt in absehbarer Zeit zur Ruhe kommen oder werden die USA jetzt nicht erst recht im Nahen Osten länger gebunden sein?

Münkler: Das ist der entscheidende Punkt: Die Amerikaner müssen den relativ leicht erreichten militärischen Sieg in einen politischen Erfolg umsetzen. Da sehe ich ein sehr viel größeres Problem als im Krieg selbst. Ob das gelingt, ist nicht absehbar. Es gibt aber Bedingungen unter denen ein Erfolg zumindest wahrscheinlicher ist.

mm.de: Worauf kommt es jetzt an?

Münkler: Entscheidend ist nicht die Demokratisierung nach unseren Maßstäben, auch wenn die Bush-Administration diesen Faktor ebenfalls immer wieder anführte, um den Waffengang zu legitimieren. Dafür ist der Irak ethnisch und konfessionell zu gespalten. Vor allem fehlen die wichtigsten Träger, die Mittelschichten, die in Folge der UN-Sanktionen und der Kriege nahezu vollständig zerrieben worden sind. Es kommt darauf an, genau diese Schichten wieder aufzubauen als Basis für eine künftige Demokratisierung. Das könnte fünf bis zehn Jahre dauern.

mm.de: So lange müssten dann wohl auch die Amerikaner vor Ort bleiben.

Münkler: Nicht unbedingt. Die US-Truppen müssen kurzfristig die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und vor allem mit Wasser garantieren. Mittelfristig müssen die Alliierten verhindern, dass sich im Irak mafiose Strukturen etablieren, die eine prosperierende Wirtschaft verhindern. Ein abschreckendes Beispiel, wie es nicht sein sollte, ist Afghanistan.

mm.de: Wird die Uno bei der Stabilisierung des Irak eine Rolle spielen oder werden die Amerikaner den Prozess weitgehend allein gestalten?

Münkler: Die Uno wird wichtige Aufgaben übernehmen, allerdings behalten die Amerikaner die Zügel in der Hand. Das hat gute Gründe. Sollte das "Projekt Irak" scheitern, würden die USA nicht als alleinige Verlierer dastehen. Mittlerweile sind die Amerikaner offenbar auch bereit der Weltorganisation eine größere Rolle einzuräumen, als etwa US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ihr ursprünglich zubilligen wollte. Auch werden die Vereinigten Staaten die Lasten des Aufbauprozesses nicht allein tragen wollen.

mm.de: Die Amerikaner haben sich im Rahmen ihrer Irak-Politik weit von den bisherigen Verbündeten Deutschland und Frankreich entfernt. Werden sich die transatlantischen Beziehungen nach dem Ende der Kampfhandlungen wieder normalisieren?

Münkler: Die Normalisierung ist bereits zu beobachten. Ein derartig enges Verhältnis zwischen Europa und Amerika, wie wir es aus der Zeit des Kalten Krieges und darüber hinaus kennen, ist jedoch Vergangenheit. Der jetzige Krieg gegen den Irak ist dafür aber nicht die Ursache, sondern der Anlass zur Neudefinition. Für die Amerikaner sind zunehmend weder Uno noch Nato geeignete Instrumente zur Wahrnehmung ihrer Interessen, an die sie sich binden wollen. Was das transatlantische Bündnis über Jahrzehnte zusammengehalten hat, nämlich die Sowjetunion, ist nicht mehr vorhanden. Damit fehlen auch die bis dahin wirksamen Kohäsionskräfte. Dieses Auseinanderdriften wird derzeit nur besonders deutlich.

Neue Kriegskandidaten auf der Terrorliste

mm.de: Wie beurteilen Sie die Möglichkeit weiterer "Befreiungskriege" durch die Amerikaner? Iran und Nordkorea gehören bekanntlich ebenfalls zur "Achse des Bösen" auf der auch der Irak lag. Ist nach dem Krieg vor dem Krieg?

Münkler: Grundsätzlich, ja. Der schnelle Erfolg im Krieg gegen den Irak hat den Amerikanern gezeigt, dass Krieg als kurzfristiger Problemlöser ein brauchbares Mittel der Außenpolitik ist. Anders als das Vietnam-Desaster, nach dem die Amerikaner ihre Interventionspolitik im großen Stil über Jahrzehnte einfroren, bestätigt der Sieg im Irak also die US-Regierung in ihrem Tun. Allerdings war die Kriegsargumentation der Amerikaner ein fatales Signal für andere Kandidaten auf der Terrorliste.

mm.de: Warum?

Münkler: Am Ende spielte es keine Rolle, ob der Irak Massenvernichtungswaffen besaß oder nicht. Er wurde dennoch attackiert. Für die restlichen Staaten, die sich noch im Visier der Bush-Administration befinden, heißt das: "Es ist egal, ob wir Atombomben haben oder nicht. Wir werden sowieso angegriffen." Also werden sie sich welche besorgen. Mehr noch: Wenn diese Länder dann Kernwaffen haben, ist die Abschreckung so groß, dass die USA eher zur Appeasement-Politik neigen.

mm.de: Wie im Falle Nordkorea.

Münkler: Genau. Was die Vereinigten Staaten hier machen, gleicht der Politik, die der britische Premier Arthur Neville Chamberlain in den Jahren 1938 und 1939 gegenüber Adolf Hitler versuchte. Das nordkoreanische Regime hat sich Unverschämtheiten erlauben können, die in keiner Weise mit der Politik Saddam Husseins zu vergleichen sind. Dennoch halten sich die Amerikaner sehr zurück. Das beobachten natürlich auch weitere bedrohte Länder und könnten die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen für die eigene Bewaffnung mit Kernwaffen.

mm.de: Die Amerikaner fassen andere Staaten weniger sanft an. Der Iran gerät immer mehr in die Kritik. Auch Syrien liegt seit neuestem offenbar auf der Achse des Bösen.

Münkler: Ich glaube nicht, dass der Iran mit einem Angriff durch das US-Militär rechnen muss. Die USA werden weiter politischen Druck ausüben, um die Unterstützung von Terrorgruppen zurückzudrängen. Damit könnte der Weg frei gemacht werden für eine Neuauflage des Friedensprozesses in Israel, der die Spannung aus der Region nehmen würde. Da sehe ich gute Chancen auf einen Erfolg. Einen Krieg gegen den Iran halte ich jedoch trotz der Bemühung des Landes, ein Atomprogramm aufzubauen für unwahrscheinlich. Den Planern in Washington dürfte klar sein, dass ein Waffengang gegen die Mullahs unter völlig anderen Bedingungen ablaufen würde als im Irak, zumal die Bereitschaft der Menschen dort, ihre Ordnung zu verteidigen, sehr viel höher ist. Syrien dagegen könnte zum militärischen Ziel werden. Das hängt aber maßgeblich von der weiteren Politik der dortigen Regierung ab und inwieweit sie ihre Unterstützung von Terrorgruppen zurückfährt.

mm.de: In welchen Regionen ist ein bewaffnetes Eingreifen der USA in absehbarer Zeit ebenfalls wahrscheinlich?

Münkler: Die Gebiete, aus denen der Terror eigentlich kommt, könnten erneut in den Fokus geraten. Also Afghanistan, aber vor allem Pakistan. Die Stabilisierung Pakistans ist derzeit wohl die wichtigste Aufgabe für einen Weltpolizisten. Viel wird davon abhängen, ob sich die jetzige Militärregierung unter General Pervez Musharraf dort halten kann. Sollte das nicht der Fall sein, haben die Amerikaner ein gewaltiges Problem. Bedenken Sie: Pakistan verfügt bereits über Atomwaffen.

mm.de: Kann Amerika für weitere Interventionen überhaupt noch Verbündete rekrutieren oder überhebt sich die Supermacht?

Münkler: Ich halte Letzteres für wahrscheinlich. Dass die Briten überhaupt im Irak dabei waren, hängt mit ihrer historischen Bindung in der Region zusammen, die sie lange Zeit selbst kontrollierten. Schon für eine Beteiligung an einem Angriff auf Syrien sehe ich bei den Briten keine Grundlage. Zudem dürfte die innere Opposition, mit der etwa Tony Blair oder der Spanier Jose Maria Aznar Erfahrung haben machen müssen, ein guter Grund sein, sich eine Kriegsbeteiligung sehr genau zu überlegen. Innere Probleme kommen auch auf die Bush-Administration zu, wenn sie sich für einen weiteren Waffengang entscheiden sollte. Die rasant ansteigende Neuverschuldung, deren Folgen für die Kapitalmärkte und die sinkende Bereitschaft der US-Bürger, die Kriegskosten ihrer Regierung zu bezahlen, könnten zum Problem werden. Bush dürfte die Gratwanderung sehr bewusst sein. Schließlich wurde sein Vater abgewählt, weil er die Wirtschaft nicht auf Touren bringen konnte. Und das, obwohl er zuvor erfolgreich Krieg gegen Saddam Hussein geführt hatte.

Übersicht - Chronik eines angekündigten Krieges

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.