Interview "Meine Bunker schießen nicht"

Der Bunker unter dem Präsidentenpalast von Saddam Hussein ist das Werk deutscher Ingenieure. Der Münchner Karl Bernd Esser, der an der Konstruktion mitwirkte, erzählt im Interview mit manager-magazin.de, warum die Anlage kaum zu zerstören ist.
Von Clemens von Frentz

mm.de: Herr Esser, Sie haben nach eigenen Angaben maßgeblich an der Konstruktion des Bunkers mitgewirkt, der unter dem Präsidentenpalast in Bagdad liegt. Wie kam es dazu?

Esser: Der Auftrag für den Bunker kam von der irakischen Regierung, vom Ministery of Housing and Construction. Beauftragt wurde das Bauunternehmen Boswau & Knauer, das als Generalunternehmer verschiedene Subunternehmer beschäftigte. Ich hatte damals eine eigene Firma, die Schutzraumtechnik Esser GmbH, die ich 1985 verkauft habe. Außerdem war ich für die Stadt München als ehrenamtlicher Schutzbau-Berater tätig. Daher bekam ich den Auftrag, den Schutzraum zu planen und verschiedene Teile über meine Firma zu liefern.

mm.de: Wieviel Platz bietet der Bunker?

Esser: Dieser Bunker hatte von Anfang an eine spezielle Funktion, nämlich die irakische Regierung mit ihrem Stab aufzunehmen. Für die Planung hieß das, dass man von 50 bis 80 Personen mit Hauspersonal ausgehen musste.

mm.de: Wie lange können die Bewohner des Bunkers ohne Hilfe von außen ausharren?

Esser: Der Bunker verfügt über einen eigenen Brunnen, der etwas außerhalb angelegt ist. Außerdem gibt es einen großen Wassertank, eine ABC-Schutzanlage und Lebensmittel-Depots. Die gelagerten Vorräte würden theoretisch für eine Dauer von drei Monaten reichen. Das ist eigentlich alles Standard und folgt den üblichen Normen. Die Anlage ist insofern ähnlich konstruiert wie der Bunker von Präsident Bush.

mm.de: Es gibt Gerüchte über verschiedene Fluchttunnel, darunter auch einen zum 200 Meter entfernten Tigris-Ufer. Gibt es diese Tunnel tatsächlich?

Esser: Der Begriff Fluchttunnel ist eigentlich nicht ganz richtig. Es handelt sich da mehr um Notausstiege für den Fall, dass die zwei anderen Eingänge verschüttet sind.

mm.de: Wie genau muss man sich solche Tunnel vorstellen?

Esser: Es sind lange Gänge, die vom Bunker wegführen. Am Ende des Tunnels kommt ein Abschnitt, der senkrecht nach oben geht. Etwa ein Meter unter der Erdoberfläche befindet sich eine Klapptür, die von ThyssenKrupp  geliefert wurde. Über dieser Klappe liegt Dachpappe, auf die Erde geschaufelt wurde. Von außen ist der Notausstieg also nicht zu erkennen. Wenn man nun den Bunker über diesen Weg verlassen will, öffnet man die Klappe nach unten, dann durchstößt man die Dachpappe und die darauf liegende Erde fällt herunter. Damit ist der Weg frei.

Rundgang mit Saddam

mm.de: Wann wurde der Bunker erbaut?

Esser: Die ersten Planungen begannen 1981, also kurz nach dem Ausbruch des ersten Golfkrieges, der zwischen Irak und Iran ausgetragen wurde. Die baulichen Arbeiten wurden 1982 aufgenommen. Daran erinnere ich mich noch genau, weil die Bauherren es mit der Lieferung der Türen so eilig hatten, dass ich sie mit Flugzeug in den Irak schicken musste, obwohl es sich um eine Fracht von insgesamt fünf Tonnen handelte. Diese Türen kamen zum Teil aus der Schweiz und zum Teil aus Deutschland, von ThyssenKrupp.

mm.de: Wie lange dauerten die Bauarbeiten?

Esser: Der Bau der gesamten Anlage mit dem Gebäude über dem Bunker nahm etwa vier Jahre in Anspruch. Ich selbst musste allerdings nicht die ganze Zeit über vor Ort sein. Ich war nur einmal kurz in Bagdad, um die so genannte "schutzraumtechnische Einweisung" vorzunehmen.

mm.de: War der oberste Bauherr Saddam auch dabei?

Esser: Ja. Er wurde von einem Dolmetscher und verschiedenen Kabinettsmitgliedern begleitet. Mir gegenüber trat er sehr freundlich auf, wir gingen durch die Anlage, und nach 90 Minuten war der Rundgang beendet.

mm.de: Mit der Einreise in den Irak gab es keine Probleme?

Esser: Nein. Im Gegenteil. Damals war das Verhältnis zwischen der westlichen Welt und Saddam Hussein ja noch sehr entspannt. Ich habe meinen Dienstausweis von der Behörde extra für den Irak bekommen. Dazu kommt: In meiner Heimat Bayern regierte damals noch Franz Josef Strauß, und dessen Haltung war durchaus als pro-irakisch zu bezeichnen. Die guten Verbindungen gingen so weit, dass der Vizepräsident des bayerischen Landeskriminalamts damals von der irakischen Botschaft den Auftrag bekam, Waffen für die Polizei im Irak einzukaufen.

mm.de: Ist jetzt nach Ausbruch des jetzigen Krieges von den offiziellen Stellen jemand an Sie herangetreten - beispielsweise ein Vertreter der US-Regierung?

Esser: Nein, aber beim letzten Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre gab es eine interessante Begegnung. Damals wurde ich von einem Journalisten kontaktiert, der für die Zeitschrift "Quick" schrieb und heute für den "Focus" arbeitet. Dieser erzählte mir von einem Kollegen, der mit mir reden wollte. Es kam dann zu einem Gespräch, das auf mich allerdings mehr wie ein Verhör wirkte. Einige Jahre später hörte ich, dass dieser Journalist auch für den Bundesnachrichtendienst und für die Amerikaner tätig war.

mm.de: Gab es umgekehrt von irakischer Seite den Versuch einer Kontaktaufnahme mit Ihnen? Immerhin waren Sie mit Ihren Detailkenntnissen ja ein Geheimnisträger. Hat man Sie unter Druck gesetzt, Ihr Wissen für sich zu behalten?

Esser: Überhaupt nicht, man war mir im Gegenteil dankbar, weil der Bunker sich ja im ersten Golfkrieg bewährt hatte.

"Auch atomar kaum zu zerstören"

mm.de: Auch beim jetzigen Krieg hat ja offenbar noch keine Bombe dem Bunker etwas anhaben können. Können Sie uns etwas über die baulichen Merkmale sagen?

Esser: Die Decke besteht aus anderthalb Metern Stahlbeton, die Wände sind mehrere Meter dick. Innen gibt es eine Reihe von Zwischenwänden, die wie Schotten in einem Schiff wirken und der Konstruktion Festigkeit verleihen.

mm.de: Stichwort Stahlbeton - im Fernsehen sieht man immer wieder die beeindruckenden Videos der Amerikaner, in denen bunkerbrechende Geschosse durch meterdicke Wände schlagen, ehe sie detonieren. Dem Laien mit Bau-Erfahrung drängt sich der Verdacht auf, dass diese Wände überhaupt keine Stahlarmierung haben ...

Esser: Genauso ist es wohl. Es handelt sich ganz offensichtlich um Wände, die aus reinem Beton ohne Stahlbewehrung bestehen. Da geht ein ultrahartes Geschoss natürlich durch - nicht aber durch Betonwände mit mehren Lagen aus Stahlmatten.

Bedenken muss man auch, dass sich über dem Bunker ja das Palastgebäude befindet. Das müsste erst mal zerstört werden, aber wenn das geschehen ist, liegt auf der Bunkerdecke ein meterdicker Schuttberg, und der schützt den Schutzraum wie eine Lage von Sandsäcken zusätzlich vor Einschlägen.

mm.de: Was wäre, wenn die angreifenden Truppen auf die Idee kämen, eine kleine Nuklearwaffe einzusetzen, um den Bunker zu knacken?

Esser: Auch da sind die Erfolgsaussichten fraglich. Man darf nicht vergessen, dass die Anlage sehr groß ist. Insgesamt sind es 1800 Quadratmeter Nutzfläche. Eine Bombe müsste aber sehr zielgenau platziert werden, selbst wenn sie einen atomaren Sprengkopf hätte. Wenn sie irgendwo über der Anlage detonieren würde, wäre die Erschütterung im Bunker vermutlich schon zu spüren, aber ich bin sicher, dass die Menschen in der Anlage keinen Schaden nehmen würden.

mm.de: Sind Sie persönlich Anfeindungen ausgesetzt, seit bekannt wurde, dass Sie am Bunkerbau beteiligt waren?

Esser: Nicht wirklich. Die Reaktionen sind überwiegend positiv. Natürlich gibt es einige Menschen, die mir vorwerfen, dass meine Anlage zum Schutz Saddam Hussein beiträgt, aber es geht ja nicht nur um ihn, sondern auch um seine Angehörigen und sein Kabinett. Außerdem darf man eines nicht vergessen: Meine Bunker schießen nicht. Es sind reine Verteidigungsanlagen zum Schutz von Menschen, die beschossen werden.

mm.de: Angenommen, Sie bekämen heute erneut einen Auftrag der irakischen Regierung - würden Sie noch einmal einen Bunker für Saddam bauen?

Esser: Die Sache hat verschiedene Aspekte. Eines ist sicher richtig: Saddam ist ein Diktator, und es sind viele Dinge im Irak geschehen, die ganz schlimm sind. Andererseits muss man sich auch fragen, wie er überhaupt so mächtig werden konnte. Das hat er nicht zuletzt den Amerikanern zu verdanken, die ihn damals wegen seines Krieges gegen den Iran massiv unterstützt haben.

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