Kriegsfolgen Warnende Worte

Prominente Wirtschaftswissenschaftler zeigen sich angesichts des drohenden Waffengangs am Golf besorgt. Die Wirtschaftsexperten fürchten eine mögliche Rezession durch den Irak-Konflikt.

Berlin - Wirtschaftswissenschaftler haben sich angesichts des drohenden Kriegsausbruchs im Irak besorgt über die möglichen Auswirkungen für die Wirtschaft geäußert. Zwar sei kurzfristig die Unsicherheit gewichen, so das Ergebnis einer Umfrage der "Berliner Zeitung" unter den Präsidenten und Konjunkturchefs von führenden Wirtschaftsforschungsinstituten.

Sollte es allerdings zu lang anhaltenden Auseinandersetzungen im Irak oder gar zu einer dauerhaften Destabilisierung der Region kommen, wären die Folgen unberechenbar.

An den Börsen überwog auch am Dienstag die Zuversicht. Der Deutsche Aktienindex (Dax) konnte nach den kräftigen Kursgewinnen des Vortages erneut zulegen.

Dennoch warnte Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW): "Selbst bei einem Krieg von kurzer Dauer droht der deutschen Wirtschaft eine Rezession." Sollte der Krieg länger dauern als erwartet, werde eine lang anhaltende weltweite Rezession immer wahrscheinlicher.

Forderung nach Zinssenkung

Zimmermann forderte die Europäische Zentralbank daher auf, "unverzüglich die Zinsen um weitere 0,5 Prozentpunkte zu senken". Zudem forderte Zimmermann, den Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU in diesem Jahr angesichts der außerordentlichen Situation auszusetzen. Im Falle eines lang anhaltenden Krieges empfahl der Wirtschaftsforscher der Bundesregierung, die Steuerreform um ein Jahr vorzuziehen.

Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), sagte: "Entscheidend ist, dass endlich Sicherheit über die politischen Entscheidungen besteht. So zynisch das ist: Das wirkt stabilisierend auf die Ökonomie und bringt Planungssicherheit."

Prognosen über die Folgen seien allerdings gegenwärtig nicht zu machen, sagte Straubhaar. Die Erfahrung zeige, dass "die Kosten eines Krieges in der Regel unterschätzt werden".

Noch pessimistischer äußerte sich Udo Ludwig, der Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle: "Ein Krieg hätte sicherlich negative Folgen für die Wirtschaft und die Konjunktur in Deutschland." Zwar sei die Unsicherheit nun vorerst ausgeräumt, doch je länger der Krieg dauere, desto unberechenbarer seien auch die ökonomischen Auswirkungen."

Angst vor steigender Ölpreisen

Steigender Ölpreis könnte Energiekrise auszulösen

Der kommissarische Leiter der Konjunkturabteilung des Rheinisch Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, sagte: "Wenn klar ist, dass die Sache im Irak gelaufen ist, wird das die Konjunktur wieder beleben." Falls es nicht so komme, seien viele Szenarien denkbar, so Döhrn.

Bei einem dauerhaften Konflikt drohe der Ölpreis zu explodieren und damit eine Energiekrise auszulösen. Zuverlässige Prognosen darüber hält allerdings auch er für nicht seriös, "denn man kann nicht davon ausgehen, dass sich die Menschen in der Zukunft so verhalten, wie in der Vergangenheit".

Chance beim Wiederaufbau

Auch aus Sicht von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement lassen sich die wirtschaftlichen Folgen eines Irak-Krieges derzeit noch nicht absehen. Die Entwicklung hänge von vielen Faktoren ab, so Clement. Die Bundesregierung werde ihre geplanten Reformen aber ohne zeitliche Verzögerungen umsetzen.

Indes äußerten die von der "Berliner Zeitung" befragten Konjunkturforscher die Erwartung, die deutsche Wirtschaft könnte möglicherweise nach dem Ende eines Irak-Krieges von einem Wiederaufbau in dem Land profitieren. Allerdings hänge das davon ab, ob deutsche Unternehmen dann auch Aufträge bekämen, oder ob die USA dies verhindern würden.

HWWA-Präsident Straubhaar warf den USA in diesem Zusammenhang vor, im Welthandel nur ihre eigenen Interessen durchzusetzen. "Es scheint so, als funktioniere die Welthandelsorganisation (WTO) nur in guten Zeiten. Dadurch wird das WTO-System an sich möglicherweise in Frage gestellt", so Straubhaar.

Irak-Krise: Die Chronik eines angekündigten Angriffs

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