Goldman Sachs Deutschland ist (noch) nicht Japan

Seit Monaten werden Deutschlands Wirtschaft "japanische Verhältnisse" prophezeit. David Walton und Dirk Schumacher von der Investmentbank Goldman Sachs geben fürs Erste Entwarnung.
Von Arne Stuhr

Frankfurt – Gute Nachrichten sind in diesen Tagen rar gesät. David Walton, Europa-Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, und sein Kollege Dirk Schumacher hatten am Mittwoch trotzdem einige im Gepäck und sorgten – passend zur Präsentation im 60. Stock des Frankfurter Messeturms – für einen guten Überblick.

Walton ging es dabei nicht darum, die Situation der deutschen Volkswirtschaft zu beschönigen. "Wenn ich zurzeit mit Investoren spreche, ist es für viele nicht mehr die Frage ob, sondern wann Deutschland in die Deflation abrutscht", wurde er gleich zu Beginn seines Vortrages sehr deutlich. Er selbst hält diesen Pessimismus aber für übertrieben.

Ein schwaches Wachstum, eine niedrige Inflation und eine auf minimale Spielräume begrenzte Wirtschaftspolitik müssen seiner Meinung nach nämlich nicht zwangsläufig in die Deflation führen. Vor allem den immer wieder angestrengten Vergleich mit der Situation Japans Anfang der neunziger Jahre hält er für nicht haltbar.

Fünf Gründe, warum es Deutschland besser hat

Doch Parallelen sieht auch er: Wie Japan vor gut zehn Jahren weist auch Deutschland ein schwaches Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig sinkenden Inflationsraten auf. Auch die geplatzte Börsenblase erinnert an das damalige Szenario in Fernost.

Dennoch sei die Situation nicht vergleichbar:

  • Erstens ist der Einbruch des Bruttoinlandsproduktes in Japan viel dramatischer ausgefallen als jetzt in Deutschland,
  • zweitens liegt die Inflation in Japan schon seit Jahren deutlich unterhalb der deutschen Teuerungsrate, die dazu noch wesentlich größere Schwankungen aufzeigt,
  • drittens spielt der gewaltige Geldtransfer von West- nach Ostdeutschland eine nicht zu unterschätzende Rolle,
  • viertens gibt es in Deutschland keine vergleichbare Immobilien-Blase,
  • fünftens ist in Deutschland trotz aktueller Bankenkrise kein "Kredit-Crunch" zu befürchten. Außerdem gebe es zumindest noch kleine geld- und steuerpolitische Spielräume.
"Vor diesem Hintergrund ist ein Gleichsetzen von Japan und Deutschland eine zu vereinfachte Darstellung", fasst Goldman-Analyst Schumacher die Datenlage zusammen.

Andere EU-Staaten werden der Konjunktur Beine machen

Über die Wachstumsaussichten Deutschlands machen sich Walton und Schumacher aber keine Illusionen. Die hiesige Volkswirtschaft werde auch weiterhin den anderen EU-Staaten hinterherhinken, der Abstand zum durchschnittlichen Wachstum dürfte dabei sogar noch ansteigen.

Das sei aber nicht so schlimm. Denn zumindest erwarten die Goldman-Sachs-Volkswirte, dass die europäischen Nachbarn Deutschland mit nach oben ziehen, statt vom EU-Schwergewicht abgebremst zu werden.

Den steigenden Außenwert des Euro fürchten sie dabei nicht. Für Deutschland sei das Wirtschaftswachstum der Handelspartner (auch der USA) doppelt so wichtig wie der Wechselkurs.

Die Vorteile eines starken Euro

Ganz im Gegenteil: Die Verunsicherung der Bevölkerung durch einen weit unter der Parität zum Dollar liegenden Euro sei sogar schlimmer gewesen als der aktuelle Wechselkurs bedingte Exportrückgang. Genauso sehe es mit der Inflation aus. "Die Deutschen geben nur bei einer sehr niedrigen Inflationsrate viel Geld aus", beschreibt Walton die Konsum-Psychologie der Deutschen.

Zu dem recht positiven Ausblick gesellt sich aus Sicht der Goldman-Sachs-Strategen auch die aktuelle Ankündigung der Regierung, notwendige Reformen wie beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt jetzt auch im Alleingang anzupacken.

Bestand habe die optimistische Einschätzung jedoch nur, wenn der für das vierte Quartal dieses Jahres und das Jahr 2004 prognostizierte weltwirtschaftliche Aufschwung auch eintritt und nicht durch einen Dauerkonflikt im Irak gefährdet wird. Ansonsten würde Deutschland nach den Berechnungen von Goldman Sachs Ende 2004 oder spätestens Anfang 2005 doch eine Deflation erleben. Aber wie gesagt, Deutschland ist (noch) nicht Japan.

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