Studie Fusionswelle sorgt für Filialsterben

Die Zahl der Genossenschaftsbanken und Sparkassen dürfte bis 2005 um 40 Prozent zurückgehen, schätzt die Prüfungsgesellschaft Ernst & Young. Vielen Instituten fehle die "kritische Masse". Sie stehen unter Fusionszwang.

Frankfurt am Main - Auf das deutsche Kreditgewerbe kommt nach einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young eine riesige Fusionswelle mit massiver Schließung von Filialen zu. Vor allem auf Grund ihrer geringen Größe, zu hoher Verwaltungskosten und damit geringer Rentabilität im europäischen Vergleich müssten Banken und Sparkassen ihr Überleben mit weiteren Zusammenschlüssen sichern.

Insbesondere bei Sparkassen und Kreditgenossenschaften werde die Zahl der Institute bis 2005 um etwa 40 Prozent zurückgehen.

Europäische Konkurrenz im Vorteil

Das deutsche Bankensystem hinkt nach Einschätzung von Ernst & Young im europäischen Vergleich hinterher. Die Konkurrenz in den Nachbarländern sei deutlich rentabler. Vor allem die derzeitige Insolvenzwelle bei Unternehmen führe zu steigenden Forderungsverlusten, die sich bereits 2001 auf 27,2 Milliarden Euro beliefen.

Für 2003 sei von einem Anstieg auf 46 Milliarden Euro auszugehen. Dies schlage sich mit immensen Wertberichtigungen bei Firmenkrediten in der Bilanz nieder. Hinzu kämen die negativen Folgen der anhaltenden Börsenflaute.

Viele Probleme hausgemacht

Die meisten Probleme seien allerdings hausgemacht. Im europäischen Vergleich gebe es zu viele Institute und zu viele Filialen. Während etwa in Frankreich und Großbritannien die fünf größten Banken über 40 Prozent der Marktanteile im Kreditgeschäft hielten, seien es in Deutschland nur knapp 20 Prozent. Erschwerend komme das dichte und kostenintensive Filialnetz hinzu.

In Deutschland kommen Ende 2002 auf eine Bankstelle 1940 Einwohner. "Erst ab einer Größenordnung von etwa 3800 Einwohnern pro Bankstelle lässt sich jedoch profitabel arbeiten", heißt es in der Studie.

Die Universalbank ist überfordert

Vor allem die Sparkassen und Kreditgenossenschaften sind nach Meinung von Ernst & Young mit ihrem Anspruch überfordert, als Universalbanken alle Leistungen und Produkte anzubieten. Zum nachhaltigen Ausbau des Kreditgeschäftes und zur Bedienung großer Kunden fehle oft das nötige Eigenkapital. Hinzu komme bei den Sparkassen der Wegfall der öffentlich-rechtlichen Garantien, was wiederum die Kosten für die Refinanzierung am Kapitalmarkt erhöhe.

Diese Entwicklung werde in diesem Teil des Bankgewerbes zahlreiche Fusionen erzwingen. Während es 2001 bei den Genossenschaftsbanken noch etwa 1600 Institute mit rund 16.200 Filialen gab, rechnet die Unternehmensberatung bis 2005 mit einer Halbierung auf 800 Institute mit 14 300 Filialen. Von den 530 Sparkassen dürften in drei Jahren nur noch 400 übrig bleiben.

Obwohl die Privat- und Regionalbanken in den vergangenen Jahren relativ stabil waren, erwartet Ernst & Young auch in dieser Sparte einen nachhaltigen Strukturwandel. In diesem Sektor des deutschen Kreditgewerbes verfüge nur eine Minderheit über eine kritische Masse für profitables Wirtschaften. Vor allem ausländische Institute dürften ein stärkeres Interesse an den Regionalbanken haben, um sich in Deutschland zu etablieren.

Im Ergebnis werde auch hier die Zahl der Institute bis 2005 auf 165 (2001: 220) abnehmen. Parallel dazu gehe das Filialnetz auf etwa 2500 (3400) zurück.

Baisse, Konjunkturflaute und Basel II belasten

Bei der Konsolidierung werde es auch zu gruppenübergreifenden Fusionen zwischen Sparkassen und genossenschaftlichen Instituten kommen, sagte Hermann Wagner, Vorstand von Ernst & Young bei der Präsentation einer Studie. "Das Drei-Säulen-Prinzip erodiert. Gruppenübergreifende Fusionen, die es bislang nicht gab, werden in Zukunft unumgänglich werden." Er rechne bereits im nächsten Jahr zumindest mit entsprechenden Absichtserklärungen.

Zusätzlich zu ihrer mangelnden Größe und hohen Kosten hätten Sparkassen und Genossenschaftsinstitute wie auch die privaten Großbanken mit der schwachen Konjunktur und den damit verbundenen Kreditausfällen sowie dem schwachen Börsenumfeld zu kämpfen, sagte Wagner weiter. Dazu komme die Notwendigkeit, die finanziell aufwändigen Rahmenbedingungen für die neuen Eigenkapitalrichtlinien (Basel II) zu schaffen. Auch der Wegfall der staatlichen Haftungsgarantien Anstaltslast und Gewährträgerhaftung für die Landesbanken ab 2005 werde die Sparkassen vor Probleme stellen.

Unangenehmen Sandwich-Position

Der Zwang auch zu gruppenübergreifenden Fusionen erhöht sich nach Einschätzung der Ernst & Young-Analysten außerdem dadurch, dass neue Akteure auf den deutschen Markt drängten. Neben Auslandsbanken könnten die Öffentlichen Banken auch Marktanteile an neue Spezialinstitute, wie etwa Autobanken, verlieren. "Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken könnten in eine Sandwich-Position zwischen hohen Kosten und gleichzeitig wegbrechenden Marktanteilen kommen", sagte Wagner.

Institute zögern: Kooperationen statt Reformen

Die Dachverbände der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken haben sich bislang gegen gruppenübergreifende Fusionen ihrer Mitgliedsinstitute oder gar gegen die Öffnung der Häuser für privates Kapital ausgesprochen. Sie befürworten lediglich Kooperationen etwa in den Bereichen Zahlungsverkehrs- und Wertpapierabwicklung.

Wagner forderte von den Verbänden angesichts der Situation vieler ihrer Mitgliedsinstitute mehr Bereitschaft zu Reformen. So müsse unter anderem die kostenintensive Rolle der Verbände überdacht werden.

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