Korea Motivation durch Demütigung

Fünf Jahre nach Ausbruch der Krise scheint Südkoreas Wirtschaft stärker denn je. Weit besser als anderen Ländern Asiens gelang dem Tigerstaat der Turnaround. manager magazin analysiert, wie der Wandel gelingen konnte.

Südkorea Anfang 1998. Eine Nation blutet. Binnen weniger Wochen rutschen sechs der größten Konzerne des Landes in die Pleite. Die Währung verfällt, die Arbeitslosenquote verdoppelt sich. Kein soziales Netz fängt die Entlassenen auf. Bald schon campieren Obdachlose bei Minus 12 Grad in der Innenstadt von Seoul.

Südkorea Anfang 2003. Eine Nation blüht. Der Staatshaushalt weist Überschüsse aus. Die Arbeitslosigkeit liegt unter 3, das Wachstum über 5 Prozent. Baukräne säumen die Autobahnen der Hauptstadt. Immer neue Apartmenthochhäuser schaffen Platz für die Menschen, die sich angezogen fühlen von der prosperierenden Zwölf-Millionen-Metropole Seoul.

In den Straßen feiert ein Volk die Lust am Konsum. Die Jugendlichen kaufen Handys mit Digitalkamera und Farbdisplay. Ihre Eltern erstehen klobige Spezialkühlschränke, mit denen sich jener eingelegte Weißkohl verwahren lässt, der bei keiner koreanischen Mahlzeit fehlt.

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Asienkrise scheint Südkoreas Wirtschaft stärker denn je. So gut wie keinem anderen Staat der Region glückte den Koreanern der eigene Turnaround.

Wie konnte das Land den raschen Wiederaufstieg schaffen? Was hat sich verändert in Koreas Wirtschaftspolitik und im Management seiner Unternehmen? Und wie nachhaltig ist dieser Wandel?

Stalinistische Heldenverehrung für einen Unternehmer

Die Suche nach Antworten beginnt in einem kleinen Park. Nur gedämpft dringt der Straßenlärm durch das Grün. Plötzlich weiten sich die Nadelbäume, die den Weg säumen, zu einer Lichtung. Aus versteckten Lautsprechern perlt süßliche Klaviermusik. In der Mitte der freien Fläche erhebt sich eine überlebensgroße Bronzestatue: Ein reifer, gütig blickenden Mann streckt einen Arm in Richtung Horizont.

Grüßt uns der Mann? Weist er uns den rechten Weg? Wahrscheinlich beides. "Gewidmet dem Vorsitzenden Lee von seinen dankbaren Mitarbeitern", steht auf einer Tafel zu Füßen der Statue. Wohlbemerkt: Wir befinden uns in Seoul im kapitalistischen Südkorea, nicht im kommunistischen Norden. Die Statue stellt nicht einen Vorsitzenden des Politbüros dar, sondern den 1987 verstorbenen Gründer des Mischkonzerns Samsung.

Die beinahe stalinistisch anmutende Heldenverehrung für einen Unternehmer verrät viel über das koreanische Verständnis von Marktwirtschaft. Staat und Ökonomie bilden hier keine getrennten Sphären, wie es dem neoliberalen Ideal des Westens entspricht.

Prosperität als oberstes Staatsziel

Prosperität als oberstes Staatsziel

"Wirtschaftliche Prosperität gilt in Südkorea als oberstes Staatsziel", sagt Rüdiger Frank, Experte für koreanische Wirtschaft an der New Yorker Columbia University. Umgekehrt sind hohe Gewinne für Koreas Konzerne kein Selbstzweck. Sie werden als Mittel gesehen, um die Nation zu stärken, als Garant der Souveränität. Zu dieser Vermengung von Kapitalismus und Nationalismus gehört es auch, dass Südkoreas Konzerngründer in ähnlicher Weise verehrt werden wie die kommunistischen Revolutionshelden im Nordteil des Landes.

Ende 1997 trieb eben jene Verflechtung von Staat und Wirtschaft Südkorea in die tiefste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Über Jahre hinweg genügte ein Anruf aus dem "Blue House", dem Büro des südkoreanischen Präsidenten, um die Unternehmen des Landes in die gewünschte Richtung zu lenken. Unter dem Druck der Regierung vergaben Banken massenhaft Kredite an marode Konzerne. Auch im Ausland waren die Unternehmen hoch verschuldet.

Die Blase platzte, als nervöse Investoren begannen, ihr Geld aus Korea abzuziehen. Nur ein 58 Milliarden Dollar schweres Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) konnte Korea vor dem totalen Zusammenbruch retten.

Der IWF knüpfte die Hilfe an harte Bedingungen. Korea musste Betrieben Entlassungen erleichtern. Musste mitten in der Rezession Steuern und Zinsen erhöhen. Musste Ausländern die Übernahme koreanischer Unternehmen ermöglichen und notleidenden Banken die Lizenzen entziehen.

Wege aus der Korea-Krise

Die Kopplung des nationalen Selbstbewusstseins an die wirtschaftliche Entwicklung hatte Korea in die Krise geführt. Dieselbe Mischung half dem Land auch wieder heraus: Den Koreanern erschien das Diktat des IWF als nationale Schande, als Rückfall in die verhasste Kolonialära. Sie taten alles, um möglichst rasch ihre volle Souveränität zurückzuerlangen.

Die mächtigen Gewerkschaften nahmen ohne größere Proteste Lohnkürzungen und Massenentlassungen hin. Menschen verbrannten auf den Straßen ausländische Luxusgüter – sie demonstrierten ihren Willen, auch ohne knappe Devisen auszukommen. Auf einer Woge des Patriotismus und der Sparsamkeit schwimmend überstand Korea das Schreckensjahr 1998, in dem die Wirtschaft um knapp 7 Prozent schrumpfte. Bereits ein Jahr später sprang die Konjunktur wieder an.

Der rasche Wiederaufschwung wurde und wird getragen von der jäh entfesselten Konsumlust der Koreaner. Dank der Liberalisierung des Bankensektors können die Koreaner heute leichter als vor der Krise an Kreditkarten oder Darlehen gelangen – und shoppen seither hemmungslos. Die private Sparquote in Korea sank von extrem hohen 23 Prozent im Jahr 1998 auf rund zehn Prozent in 2002 (und liegt damit etwa auf deutschem Niveau). Ein gewaltiger Nachfrageschub, der genau im richtigen Moment einsetzte.

Keine Frage – die Koreaner haben die Rezession von 1998 überraschend schnell überwunden. Aber haben sie auch die richtigen Lehren aus dieser Zeit gezogen?

Samsung macht es vor

Samsung macht es vor

"Die großen Konglomerate, die bis heute Südkoreas Industrie prägen, können sich nicht mehr ohne weiteres auf billige Kredite von willfährigen Banken verlassen", sagt Korea-Experte Frank. "Die Anrufe aus dem Blue House sind zumindest seltener geworden."

Unter dem Druck des knappen Geldes haben viele koreanische Unternehmen den Wandel zu marktwirtschaftlichen Prinzipien eingeleitet. Ein quälend langsamer Prozess, in dessen Verlauf dennoch so etwas wie ein neuer Unternehmenstyp erkennbar wird: Konzerne, die versuchen, das traditionelle koreanische Wachstumsstreben zu vereinen mit den westlichen Vorstellungen von Profitabilität.

Am energischsten vorangetrieben hat diese Wendung ausgerechnet ein Bestandteil jenes Samsung-Konglomerats, dessen Gründer in Seoul mit einer sozialistisch anmutenden Bronzestatue geehrt wird. Zu Samsung gehören nicht nur Schiffswerften und Versicherungen, Werbeagenturen und Luxushotels. Das unüberschaubare Erbe des großen Vorsitzenden Lee umfasst mit Samsung Electronics auch einen Konzern, in dem der alte und der neue koreanische Managementstil exemplarisch aufeinandertreffen.

Der alte Geist von Samsung Electronics  lässt sich in der Stadt Suwon besichtigen, eine Autostunde von Seoul entfernt. Auf einem gigantischen Industrieareal mit eigenen Arbeiterwohnheimen und eigenem Werksmuseum baut Samsung Unterhaltungselektronik: Videokameras, DVD-Spieler, Farbfernseher. Ein buntes Sammelsurium von Produkten, zum Teil mit dem Samsung-Logo versehen, zum Teil in Lohnfertigung für andere Elektronikkonzerne.

Unternehmen als "Soldatenstaat"

Ein Schild mit der Aufschrift "Worst Line" brandmarkt die langsamste Fertigungsstraße. Motivation durch Demütigung. Das ist die Welt, aus der Samsung Electronics kommt: Günstige Fertigung durch hohe Stückzahlen und straffe Organisation. Es waren die Direktoren von Werken wie Suwon, die in der alten Samsung-Welt das Sagen hatten. Der Ruhm der Führungsclique bemaß sich an den Steigerungsraten der Produktion in den Fabriken.

Auf den ersten Blick regiert der alte Geist auch im Herzen von Seoul, in der Konzernzentrale von Samsung Electronics. Nackte Neoröhren beleuchten das Großraumbüro der Marketingabteilung. Die Schreibtische stauen sich zu langen Reihen. Eine Schulter im dunklen Anzug drängt sich an die nächste. Je näher einer am Fenster sitzt, desto höher sein Renommee. Frauen sitzen meist an der Tür. Ein hochrangiger europäischer Manager, der vor kurzem zu Samsung Electronics wechselte, empfindet den Konzern bis heute als "Soldatenstaat".

Jetzt nehmen die Soldaten Haltung an. Eric B. Kim, der Markletingleiter von Samsung Electronics, betritt den Konferenzraum. Seine Unterlinge springen auf, um ihm den Stuhl unter dem Hintern zurechtzurücken.

Doch seltsam – was Kim sagt, passt so gar nicht zur traditionellen Umgebung. In perfektem Englisch räumt der Harvard-Absolvent freimütig die Managementfehler ein, die Samsung Electronics beinahe in den Abgrund gerissen hätten.

"Verändern oder sterben"

"Verändern oder sterben"

"Bis 1997 haben wir auf Marktanteile und Wachstum geachtet, weniger auf die Profitabilität", sagt Kim. Im Krisenjahr 1998 schrumpfte Samsung Electronics von 60.000 auf 40.000 Mitarbeiter. Kim: "Wir standen vor der Alternative uns zu verändern oder zu sterben".

Das Unternehmen entschied sich fürs Verändern. Kernstück der Reform: Samsung Electronics wandelte sich vom Billigproduzenten zum Markenartikler. Statt in höhere Stückzahlen investierte das Management verstärkt in Produktdesign und Marketing. Mit dieser Strategie will Samsung Electronics höhere Preise und bessere Margen erzielen.

Geichzeitig löste sich Samsung von der Lohnfertigung mit ihren schmalen Gewinnspannen. Heute werden 75 Prozent der bei Samsung Electronics gefertigten Produkte auch unter dem Samsung-Logo verkauft. Vor fünf Jahren waren es nur 50 Prozent.

Das bestes Beispiel für den neuen Samsung-Geist liefert der junge Unternehmensbereich Mobiltelefone. Hier setzt Samsung Electronics mit technisch anspruchsvollen und flott gestalteten Handys auf das obere Marktsegment. Mit weltweit elf Millionen verkauften Telefonen im dritten Quartal 2002 hat Samsung sogar Siemens abgehängt und liegt nun hinter Nokia und Motorola auf Platz drei.

Der Erfolg der Telekommunikationssparte trägt maßgeblich dazu bei, dass auch im Gesamtunternehmen die Zahlen wieder stimmen. Im Vierten Quartal 2002 machte Samsung Electronics einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro und einen Gewinn von 1,2 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten liegt mit 64.000 höher als vor der Krise.

Schwarze Schafe - es gibt sie noch

Kein koreanischer Konzern hat seine eigene Sanierung so entschlossen vorangetrieben wie Samsung Electronics. Doch auch andere Unternehmen befinden sich auf dem richtigen Weg: Der weltgrößte Schiffsbauer Hyundai Heavy Industries will weg von der billigen Massenproduktion; ebenso der Stahlproduzent Posco. Die beiden Schwerindustrie-Giganten verlegen sich auf technisch anspruchsvollere Produkte mit höheren Margen.

Andere Bereiche der koreanischen Wirtschaft konnten sich hingegen noch nicht so recht von der Vergangenheit lösen. Die gesamte koreanische Autoindustrie wird bis heute durch nichttarifäre Handelshemmnisse geschützt. Auf ein westliches Auto, das nach Korea eingeführt wird, kommen über 50 Kraftfahrzeuge, die von Korea in den Export nach Europa oder in die USA gehen.

Auch die direkte Unterstützung maroder Konzerne ist noch lange nicht ausgestorben. Der Halbleiterhersteller Hynix (Kurswerte anzeigen) lebt bis heute von solchen staatlichen Beihilfen. Allein im Jahr 2001 erhielt das Unternehmen sieben Milliarden Euro.

Die Beispiele aus der Auto- und der Chipbranche machen deutlich, dass der Wandel einem langen Weg voller Abzweigungen und Sackgasen gleicht. Einerseits hat sich in Korea in den vergangenen fünf Jahren viel verändert. Andererseits sind die Sphären von Politik und Management noch immer wesentlich stärker miteinander vermengt als es dem westlichen Idealbild entspricht.

Stabiler oder labiler Aufschwung?

Stabiler oder labiler Aufschwung?

Um die Reformen in den Konzernen zu unterstützen braucht Korea eine Wirtschaftspolitik, die deutlich macht: Es gibt keinen Weg zurück in jene Zeit, in der der Staat unprofitables Wachstum förderte. Wer sich nicht wandelt, geht unter.

Nach der Asienkrise erzwang zunächst der IWF diese Politik. Inzwischen konnte Korea seine Schulden beim Währungsfond begleichen. Jetzt muss das Land dem Reformkurs freiwillig treu bleiben. Wie stehen die Chancen, dass dies geschieht?

Am 19. Dezember haben die Koreaner einen neuen Präsidenten gewählt. Der linksliberale Roh Moo Hyun plädierte im Wahlkampf für eine stärkere Entflechtung von Staat und Wirtschaft. Klingt gut.

Andererseits bewilligten die Gläubigerbanken von Hynix wenige Tage nach der Wahl ein neues milliardenschweres Hilfspaket für den angeschlagenenn Chipkonzern – offenbar mit Billigung des frischgewählten Präsidenten. Klingt weniger gut.

Wenn der Präsident zu seinen Wahlaussagen steht, dürften Südkorea einige spektakuläre Pleiten bevorstehen. Und doch wäre diese Politik die beste Voraussetzung für eine langanhaltende wirtschaftliche Blüte.

Wenn Korea hingegen den Abschluss seiner Wirtschaftsreformen verschleppt und marode Konzerne unbegrenzt lange weiterfinanziert, dann wird das Land an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die nächste Krise wäre programmiert.

Unabhängig von diesen politischen Weichenstellungen prognostiziert die OECD, dass sich das koreanische Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr etwas abschwächen wird. Die Löhne und Immobilienpreise steigen so stark, dass die koreanische Zentralbank voraussichtlich mit höheren Zinsen die Inflationsgefahr bannen muss.

Typische Symptome einer Hochkonjunktur – und erfreulich normale Probleme für eine Nation, die vor fünf Jahren am Abgrund stand.

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