Die Malik-Kolumne Von Opportunisten und Wendehälsen

Viele Berater, Trainer, Wissenschaftler und Journalisten haben den Börsen- und Internetboom zur Blase hochgejubelt, um diese nach ihrem Platzen postwendend zu verteufeln. Anleger und Unternehmen sollten nicht erneut auf sie hereinfallen.
Von Fredmund Malik

Selten waren die politischen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften günstiger, als in den letzten Jahren - niedrige Zinsen, günstige Wechselkurse besonders für Europa, eine im Kern wirtschaftsfreundliche Grundstimmung, neue Freiheiten durch Deregulierung und neue Horizonte durch Globalisierung.

Die Freiheiten haben zu einem krassen Mangel an Maßstäben und Augenmaß geführt und sie haben zu viele falsche Leute an zu hohe Positionen gebracht und dort zu lange fuhrwerken lassen. Dies wiederum hat es deren inkompetenter Entourage ermöglicht, ihren destruktiven Einfluss zu lange auszuüben.

Diese Börsen- und Wirtschaftskrise hätte nicht eintreten müssen. Sie wäre - zumindest in diesem Ausmaß - nicht möglich gewesen ohne inkompetente Consultants und Trainer, unfähige Journalisten und inkompetente Leute aus dem akademischen Bereich, auch wenn es, daran soll kein Zweifel bestehen, die Manager selbst sind, die die Verantwortung haben.

Wer Stock Options für Manager fordert, ist naiv

Das einzig Gute an der eingetretenen Entwicklung ist, dass man die Inkompetenz jetzt ganz leicht erkennen kann. Sie ist überall dort gegeben, wo die Modewellen und Irrlehren der 90er Jahre entstanden und lauthals in die Welt getragen wurden. Daher ist zu empfehlen, zur Vermeidung weiteren Schadens immer nachzusehen, welche Meinungen jemand in den zurückliegenden Jahren vertreten hat und wie er sich heute rechtfertigt.

Wer die New Economy hochgejubelt hat, versteht nichts von Wirtschaft. Wer Shareholder Value und Börsenwertsteigerung propagierte, hat gefährlich wenig Ahnung von richtiger Unternehmensführung. Wer Stock Options für Manager forderte, ist naiv, weil er glaubte, an der Börse zeige sich die unternehmerische Leistung. Die meisten E-Business-Apostel sind Träumer und Phantasten. Leute, die bei den Gründerwettbewerben dabei waren, von Business Models, Business Angels und Money Burnrate faselten, sind Ignoranten. Wer den Unfug von einer ewig steigenden Börse vertrat, ist historisch ungebildet oder latent betrügerisch.

Dummheit sollte angeprangert werden

Dummheit sollte angeprangert werden

Es ist zu erwarten, dass eine große Zahl von Leuten, die in diese Kategorien fallen, ihre Meinungen wie die Hemden wechseln und so tun, als hätten sie es immer schon besser gewusst, nie Unsinn vertreten und früh gewarnt. Sie werden ihre Fahnen nach dem Winde drehen und hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, ihren früheren Blödsinn zu recherchieren. Sie sind meistens nicht nur inkompetent sondern auch opportunistische Wendehälse.

Man sollte solchen Typen keine Chance geben, gleichgültig welche Titel, Ränge, Statussymbole und Funktionen sie haben. Dummheit ist zwar nicht strafbar, aber man kann sie decouvrieren und anprangern. Vor allem sollte jene Dummheit gesellschaftlich geächtet werden, die nicht einem prinzipiellen Mangel an geistigen Fähigkeiten entspringt, sondern einem Mangel an Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt. Das ist nicht ganz leicht, wenn diese Art der Dummheit in der beeindruckenden Maske des Experten auftritt, mit der Pose der Unfehlbarkeit vorgetragen und Kritik mit dem Pathos der Empörung erwidert wird. Man kann sich nicht - pseudosportiv - davonmachen mit "Business ist Business". Professionals haben eine spezielle Verantwortung: "Primum non nocere" - niemals wissentlich schaden, ist die ethische Maxime, die Peter F. Drucker aus dem 2500 Jahre alten hippokratischen Eid der Ärzte heraushebt. Wem das Wissen mangelt, ist inkompetent; wer es hatte und trotzdem mitmachte, ist verantwortungslos.

"Freiheit und intellektuelle Verantwortung"

Der Philosoph Karl Popper - ich halte ihn für den wichtigsten - hat 1989 in St. Gallen einen Vortrag über "Freiheit und intellektuelle Verantwortung" gehalten. Sein Fazit ist, dass die Intellektuellen getreu der Maxime von Sokrates bescheiden sein, wissen und zugeben müssen, wie wenig wir wissen.

Die philosophische Einsicht ist aber nicht genug. Es braucht praktisches Handeln: Führer aller Organisationen müssen heute auch die Aufgabe und Verantwortung übernehmen, unbescheidenen Intellektuellen keine Plattform zu bieten, von wo aus sie Schaden anrichten können, und sie müssen den Mut haben, sie zu entfernen - aus Stabsorganisationen, Redaktionsteams, Beraterlisten und aus dem Ausbildungsbereich. Wenn man die entsprechenden Budgets halbiert, den geistigen Schrott entsorgt und die zweite Hälfte vernünftig einsetzt, hat man eine Vervierfachung der ökonomischen Wirksamkeit: Für die halben Kosten die richtigen Inhalte, keinen Schaden mehr durch Unfug und die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit für die Mitarbeiter. Kann man Werte besser steigern?

Mehr lesen über