Allianz/Beiersdorf Ohne Herz wäre alles leichter

Beiersdorf-Chef Rolf Kunisch sitzt zwischen den Stühlen. Eigentlich möchte Großaktionär Allianz sein Paket an dem Traditionskonzern meistbietend verkaufen. Doch das Vorhaben stockt. Ein Stolperstein ist die mächtige Rolle der Familie Herz bei Beiersdorf.
Von Christian Buchholz

Hamburg/München - Irgendwann ist schließlich auch dem besonnen Beiersdorf-Vorstandschef Rolf Kunisch der Kragen geplatzt: In einem Plädoyer an die Hauptaktionäre Allianz  und Tchibo-Holding sprach Kunisch von der "Gefahr, dass das Unternehmen der Zockerei anheim falle".

Hintergrund sind seit Frühjahr kursierende Gerüchte, dass der Hamburger Blue Chip Beiersdorf (Nivea, Hansaplast, Tesa)  entweder an Procter & Gamble (P&G)  oder L'Oréal verkauft werden soll.

Achleitner hatte ehemalige Arbeitskollegen bei Goldman Sachs  beauftragt, einen Bieterwettbewerb um die Beteiligungsperle in Gang zu setzen. Ein Paket von etwa 44 Prozent war im Angebot.

Schnell waren die Nummer eins und die Nummer zwei am Weltmarkt für Kosmetik als Interessenten ausgemacht, anfangs soll auch Henkel  geschnuppert haben.

Global Player woll(t)en die blaue Dose

Gescheitert ist der angekündigte Deal bisher an Achleitners Preisvorstellungen: Ein Premium von 60 bis 80 Prozent auf den aktuellen Kurs von hundert Euro wollte offenbar niemand zahlen. Ein zweiter Grund dafür, dass Achleitner sein Ziel noch nicht erreicht hat, ist die mächtige Rolle der Familie Herz.

Michael, Joachim, Wolfgang, Günter, Daniela und Mutter Ingeburg Herz sind neben dem Hamburger Beteiligungsvirtuosen Otto Gellert über die Tchibo Holding bereits seit Jahrzehnten an Beiersdorf beteiligt (heute zu knapp einem Drittel) - und wollen es auch bleiben.

Bereits im Frühjahr hatte die Familie der Allianz signalisiert, dass sie ihre Anteile an dem 17.500 Mitarbeiter zählenden Konzern aufstocken wolle. Auf ein konkretes, mit Zahlen unterfüttertes Szenario "Herz/Beiersdorf" von Achleitner wartet die Tchibo-Holding eigenen Angaben zufolge aber bis heute - ungeachtet ihrer Kaufkraft.

Funkstille zwischen Hamburg und München

Etwa sechs Milliarden Euro haben die Herzens durch den Verkauf des Tabakkonzerns Reemtsma erlöst - und zur Zeit auf der hohen Kante. Eine Summe, die annähernd der Marktkapitalisierung von Beiersdorf entspricht.

Allerdings wollen auch die Herzens ihr Vermögen nicht bedenkenlos mit vollen Händen ausgeben. Gespräche zwischen Achleitner, Familienvertreter Michael Herz und dem Holdingvorstand bei Tchibo, Reinhard Pöllath, waren bisher ergebnislos - momentan soll wieder mal Funkstille zwischen Hamburg und München herrschen. Noch Ende August hatte Pöllath gesagt, eine Lösung bis Ende des Jahres sei unter logischen Gesichtspunkten anzustreben. Doch obwohl die Hängepartie keinem der Akteure nutze, prognostizierte er im selben Atemzug, dass vor Sylvester wohl nichts passieren werde.

Stolperstein Sperrminorität

Stolperstein Sperrminorität

Eine theoretisch mögliche Lösung wäre dabei auch der Verkauf der Herz-Anteile gewesen. Mit ihrem Aktienpaket, das über der Sperrminorität liegt, kann die Familie Entscheidungen eines Mehrheitsaktionärs jederzeit zu Fall bringen - für P&G sicher keine Wunschkonstellation: Die Risiken, nach der Fusion nicht zügig agieren zu können, steigen mit einem unbequemen und starken Aktionär im Aufsichtsrat.

Beiersdorf-Kunden werden nervös

Dann bliebe eigentlich ein Umschwenken auf Plan B, dem Verkauf an Familie Herz. Denn erstens könnte die Allianz mit dem Erlös von geschätzt vier Milliarden Euro ihrem krankenden Cashflow auf die Füße helfen.

Zweitens würde das Ende des Hickhacks auch die Arbeit im operativen Geschäft bei Beiersdorf verbessern. Denn die Folgen der "Zockerei", von der Vorstandschef Kunisch sprach, werden bereits sichtbar: Die Beiersdorf-Kunden, seit 120 Jahren an Kontinuität und Stabilität gewöhnt, reagieren laut Kunisch bereits irritiert.

Negativer Einfluss auf den Aktienkurs

Bleibt die Gesellschafterfrage bei Beiersdorf weiterhin offen, steigen die Belastungen für das Tagesgeschäft. Der Aktienkurs dürfte aufgrund der anhaltenden Unwägbarkeiten eher sinken. Das Kapitel Beiersdorf ist noch nicht beendet.

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