Mobilcom Der Rettungsanker?

Skeptiker sagen, die Zukunft des Büdelsdorfer Konzerns steht auf tönernen Füßen. Für ordentlich Substanz sorgt jedoch ein Zwei-Milliarden-Projekt der Bundeswehr. Der Haken: Wenn die Finanzsituation bei Mobilcom nicht schnell geklärt wird, könnte dem Unternehmen der Auftrag entzogen werden – und an T-Systems fallen.
Von Christian Buchholz

Wiesbaden / Büdelsdorf – Der Ist-Zustand des Kommunikationsnetzes bei der Bundeswehr lässt sich kurz als "Wildwuchs" bezeichnen: Mehr als 300 unterschiedliche Programme sind an den knapp 200 Armee-Standorten installiert, etwa 150.000 Computer hängen an dem nur bedingt tauglichen Netz.

Der Datenaustausch der Systeme untereinander harmonisiert nicht, an das (in gewissen Situationen wünschenswerte) Einklinken in die Datennetze anderer europäischer Truppen ist schon gar nicht zu denken. Das soll sich ändern.

Für 6,5 Milliarden Euro soll das IT-System (IT=Informationstechnologie) der Bundeswehr vereinheitlicht und modernisiert werden. Ein Nutznießer dabei ist der Walddorfer SAP-Konzern, auf dessen Software "R3" umgerüstet wird. Ein zweiter deutscher Konzern, der einen Auftrag für das Projekt "Herkules" gewonnen hat, ist die Büdelsdorfer Mobilcom AG .

Konsortium der Telekom hatte keinen Erfolg

Das Unternehmen hatte sich, gemeinsam mit dem deutsch-französischen Luft- und Raumfahrkonzern EADS  und dem Wiesbadener IT-Dienstleister CSC Ploenzke, überraschend gegen ein Konsortium der Deutschen Telekom , IBM  und Siemens  durchgesetzt.

Als ein Pro-Argument für die Gruppe um Ploenzke gilt, dass der amerikanische Mutterkonzern CSC (Computer Sciences Corporation) bereits seit drei Jahrzehnten eine Vielzahl von Aufträgen für die US-Army abgewickelt hat.

Was passiert, wenn die Insolvenz-Falle zuschnappt?

Doch nachdem der Knall der Sektkorken in Büdelsdorf über den lukrativen Großauftrag verhallt ist, beginnt jetzt das große Zittern: Wenn Mobilcom nicht rechtzeitig aus der Insolvenz-Falle kommt, ist der Auftrag weg.

"Sollte das Konsortium um CSC Ploenzke das Projekt aus irgendwelchen Gründen nicht durchführen können, würde man das Angebot der zweiten Bietergruppe genauer prüfen", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber manager-magazin.de.

"Wir sind auf den Fall der Fälle vorbereitet"

Allerdings halte man diese Variante für unwahrscheinlich. Ein deutliches Signal für eine Mobilcom-Rettung? Nicht unbedingt.

"Wir sind auf den Fall der Fälle vorbereitet", sagt Frank Schabel gegenüber manager-magazin.de. Der Sprecher von CSC Ploenzke meint damit ein durch Insolvenz erzwungenes Ausscheiden von Mobilcom aus dem Herkules-Projekt.

"Aktuell erscheint es jedoch unwahrscheinlich, dass dieser Fall eintritt", so Schabel, der die Büdelsdorfer als "flexiblen, kreativen und schnellen Partner" beschreibt. Ersetzt werden könnte der Mobilcom-Part durch die Telekom-Tochter T-Systems, heißt es aus Bundeswehr-Kreisen.

Wie schnell kann Mobilcom ersetzt werden?

Kernfrage: Wie schnell kann Mobilcom ersetzt werden?

CSC Ploenzke selbst will aus verständlichen Gründen noch nicht benennen, welches Unternehmen an Mobilcoms  Stelle treten könnte. "Wir sind alles andere als froh über die Entwicklung bei dem Unternehmen", gestand Ploenzke-Vorstand Andreas von Schoeler bereits vor einigen Wochen.

Dass es im "Fall der Fälle" auf die Telekom hinauslaufen könnte, erscheint aber nicht unwahrscheinlich: Ein Staatsauftrag wird im Allgemeinen nicht ungern an ein halbstaatliches Unternehmen vergeben.

Die Due-Dilligence-Phase ist bereits abgeschlossen

Das Bundeswehrmagazin "Wehrdienst" berichtet folgerichtig von einem Schreiben an das Bundesverteidigungsministerium, in dem die Telekom sich "differenziere" von dem Ploenzke-Konsortium. Und zwar "in den Kriterien einer langfristigen, stabilen Partnerschaft auf einer wirtschaftlich gesunden Basis".

Offen scheint allerdings, ob T-Systems oder ein anderer Anbieter überhaupt bereit wären, den Auftrag zu Mobilcom-Konditionen zu übernehmen. Da die Due-Dilligence-Phase bereits ab- und der der Kostenrahmen damit beschlossen ist, wird die Zitterpartie bei Mobilcom zur gefährlichen Unwägbarkeit für das Ploenzke-Konsortium.

Kanzler Schröder: "Mobilcom ist im Kern gesund"

Denn dass der Staat mehr zahlt als bisher beschlossen, erscheint unwahrscheinlich – Dietrich Austermann, haushaltspolitischer Sprecher der CDU, hält das Projekt ohnehin schon für "überzogen".

Bei Mobilcom ist der Staat allerdings aus moralischen Gründen in der Pflicht: Das Unternehmen "ist im Kern gesund", urteilte Bundeskanzler Schröder wenige Tage vor der Wahl – und ließ Kredite bereitstellen. Mehr als 350 Millionen Euro sollten es werden - unter anderem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert. Ein Ausstoppen der Büdelsdorfer, wenige Wochen nach dem Zuwerfen des Rettungsrings, stände dem Kanzler nicht gut zu Gesicht.

Ausschüsse müssen noch entscheiden

Doch die Zeit spielt gegen Mobilcom. Das Projekt Herkules, für das sich Ploenzke, Mobilcom und EADS unter dem Konsortiumsnamen "ISIC 21" ("Information Superiority, Innovation and Collaboration for the 21st Century") beworben hatten, muss noch den Haushalts- und den Finanzausschuss passieren, im Frühjahr sollen die Pläne laut CSC Ploenzke jedoch in die Tat umgesetzt werden.

Die France Telecom , Ex-Partner von Mobilcom, ist heute bereit, einen Großteil der Milliardenschuld des Büdelsdorfer Konzerns zu schultern. Allerdings erwarten die Franzosen jetzt, dass die Regierung in Berlin mit einigen hundert Kredit-Millionen das Überleben sichert. Passiert das nicht, haben nicht nur Mobilcom und die halb-französische EADS ein Problem – sondern auch CSC Ploenzke.

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