Kapitalflucht Droht der Exodus der Großkonzerne?

Die Steuerpläne der rot-grünen Koalition verderben den Lenkern der Deutschen Wirtschaft die Laune. Allianz und Siemens drohen mit der Verlagerung ihrer Konzernspitze ins Ausland. Andere Großunternehmen könnten folgen.

Berlin - Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft haben die Steuer- und Abgabenpläne der rot-grünen Koalition heftig kritisiert und befürchten Nachteile für den Standort Deutschland.

"Diese Koalitionsvereinbarung wird dazu beitragen, den Ruf Deutschlands als Holding-Standort zunichte zu machen", sagte Allianz-Vorstand Helmut Perlet der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Firmen würden über Alternativen nachdenken und Deutschland meiden. "Ich fürchte, Unternehmen werden abwandern", sagte Unternehmensberater Roland Berger.

Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller bezeichnete den Koalitionsvertrag als Dokument der Mutlosigkeit und BASF-Chef Jürgen Strube sagte: "Anstatt Subventionen abzubauen und die Arbeitslosigkeit zu verringern, wird die Steuerschraube noch fester angezogen."

Negative Folgen für Liquidität und Leistungsfähigkeit

Die Zeitung berichtete ohne Angaben von Quellen weiter, bei Siemens gebe es bereits Überlegungen, den Firmensitz ins Ausland zu verlegen. Statt München sei etwa auch Salzburg denkbar. Eine Stellungnahme von Siemens war zunächst nicht zu erhalten.

Die Steuer- und Abgabenpläne der Bundesregierung waren in den vergangenen Tagen wiederholt auf breite Kritik der Wirtschaft gestoßen. Die rot-grüne Koalition will die Verlustverrechnung bei der Unternehmensbesteuerung einschränken. Wirtschaftsverbände befürchten dadurch negative Folgen für die Liquidität und Leistungsfähigkeit der Unternehmen.

"Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung"

"Wenn der Verlustausgleich in Deutschland eingeschränkt wird, dann wird das Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung haben", sagte Perlet weiter.

Die Steuerreform der Bundesregierung hat nach Einschätzung des Allianz-Vorstandsmitgliedes die Standortbedingungen in Deutschland verbessert. Die nun vereinbarten Steuererhöhungen müssten jedoch als starke Einschränkung dieser Reform interpretiert werden.

Mit Blick auf die Koalitionspläne sprach der Vorstandschef des Frankfurter Anlagenbau- und Chemiekonzerns mg technologies, Kajo Neukirchen, von "Konzeptlosigkeit und Flickschusterei".

Wird "aus dem Sanierungs- ein Konkursfall"?

"Wenn die Wirtschaft weiter so abgewürgt wird, besteht die Gefahr, dass aus dem Sanierungs- ein Konkursfall wird", sagte Neukirchen dem Blatt. Der Chef des Handelskonzerns Metro, Hans-Joachim Körber, erwartet durch die Koalitionspläne nach eigener Aussage ein negatives Konsumklima.

Mit den neuen Steuerplänen droht Deutschland nach Ansicht des Chefs der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS, Udo Behrenwaldt, eine Kapitalflucht ins Ausland. Die Flucht von Anlagekapital sei immer zu befürchten, wenn der Gesetzgeber in die Finanzmärkte eingreife.

Nach den Plänen der Bundesregierung unterliegen Aktiengewinne künftig immer der Einkommensteuer. Derzeit werden Steuern nur fällig, wenn sie innerhalb eines Jahres anfallen.

Die Auguren senken den Daumen, der Einzelhandel weint

In ihrem Herbstgutachten, das am Dienstag vorgelegt wird, korrigieren die Wirtschaftsforschungsinstitute nach einem Bericht des SPIEGEL ihre Prognosen kräftig nach unten. Sie rechnen für dieses Jahr in Deutschland nur noch mit einem Wachstum von 0,4 Prozent und von 1,4 Prozent im Jahr 2003. Im Frühjahr waren sie noch von 0,9 Prozent Wachstum für dieses und von 2,4 Prozent für nächstes Jahr ausgegangen. 2001 war die gesamtwirtschaftliche Leistung um 0,6 Prozent gestiegen.

"Den Leuten Geld aus der Tasche ziehen"

Der schwer gebeutelte Einzelhandel befürchtet durch die Steuerpläne der Regierung jetzt auch Verluste im Weihnachtsgeschäft. "Die Bundesregierung will den Leuten mit ihren Sparplänen immer mehr Geld aus der Tasche ziehen", kritisierte der Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr, in "Bild am Sonntag". Das Weihnachtsgeschäft sei nun in Gefahr.

Bislang habe der Handel gehofft, die umsatzstarken Monate November und Dezember würden die Wende bringen. In diesem Jahr habe es einen Umsatzrückgang von drei bis fünf Prozent gegeben.

Steuern im Überblick: Zur Kasse, bitte!

Verwandte Artikel