Banken "Die Krise ist hausgemacht"

Die deutschen Banken erlebten in den letzten Monaten dramatische Kurseinbrüche. Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co, hält diese Entwicklung für eine Folge verpasster Strukturänderungen und plädiert für eine konsequente Restrukturierung.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Herr Becker, die Bankaktien fahren seit Wochen Achterbahn, die Gerüchte überschlagen sich, und die Branche versucht verzweifelt zu beschwichtigen. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, sieht keine Liquiditätskrise bei den deutschen Banken. Wie ist Ihre Einschätzung?

Becker: Ich denke, die Krisenstimmung auf Grund der Gerüchte in der jüngsten Zeit war etwas übertrieben. Das zeigte sich ja auch gestern und heute wieder, als die Kurse deutlich anzogen. Dennoch glaube ich, dass die Probleme der deutschen Banken sehr ernsthaft sind - so ernsthaft, dass man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann, sobald der Pulverdampf sich verzogen hat.

mm.de: Welcher Art sind diese Probleme?

Becker: Der entscheidende Punkt ist: Es gibt nicht ein zentrales Problem, sondern mehrere, die unheilvoll miteinander verquickt sind. Das erste: Wir haben bei den deutschen Banken seit Jahren eine sehr hohe Kostenbasis. Die Cost-Income-Ratio ist bei einigen Instituten, beispielsweise der Commerzbank , enorm hoch.

Zweitens: der Einbruch an den Kapitalmärkten. Dieser führte zu einem starken Einbruch bei den Ergebnissen. Das Investmentbanking ist weitestgehend tot, es gibt keine IPOs mehr und der Bereich Mergers and Acquisitions wirft kaum noch etwas ab. Im Privatkundengeschäft sieht es ähnlich düster aus, denn die Anleger halten sich nach den Kursverlusten der letzten Jahre massiv zurück.

Das dritte Problem: Die konjunkturelle Entwicklung hat zu einem drastischen Anstieg der Risikovorsorge geführt. Ein Beispiel ist die Commerzbank. Sie hat ja schon vor einigen Tagen angekündigt, dass ihre ursprüngliche Schätzung nicht mehr zu halten sein wird. Ähnliches werden wir vermutlich auch bei den anderen Banken sehen.

mm.de: Gibt es diese Probleme nicht auch bei den ausländischen Konkurrenten?

Becker: Wenn man diese Ballung von Problemen zusammen sieht, wird klar, dass die deutschen Banken hinsichtlich der Ertragskraft deutlich hinter den Mitbewerbern aus dem europäischen Ausland liegen. Ebenso klar ist, dass die Verbesserung der Ertragskraft nicht in einigen wenigen Monaten zu bewältigen ist. Das erfordert Anstrengungen, die sich über mindestens zwei Jahre erstrecken werden.

Was bringt eine Zinssenkung?

mm.de: Könnte eine Zinssenkung Abhilfe schaffen?

Becker: Eine Zinssenkung würde den Banken natürlich helfen, weil die Refinanzierung einfacher und die Gefahr von Insolvenzen kleiner würde, aber letztlich ist eines ganz klar: Zinssenkungen wirken sich immer mit einer Verzögerung von sechs bis neun Monaten aus. Außerdem hat das Beispiel Japan gezeigt, dass Zinssenkungen allein auch keine Garantie für konjunkturelle Besserung sind. Wenn die Marktteilnehmer beziehungsweise Konsumenten sich zurückhalten, kann man die Zinsen auf Null absenken, ohne dass man einen nachhaltigen positiven Effekt hat.

Deswegen muss man noch einmal daran erinnern: Das Problem der Banken ist nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell bedingt und diese strukturellen Schieflagen sind hausgemacht. Diese Probleme müssen konsequent angegangen werden, eine Zinssenkung kann dabei allenfalls als flankierende Maßnahme helfen.

mm.de: Ein Problem ist ja auch, dass die Finanzkonzerne erhebliche Buchverluste in ihren Portfolios haben. Im Versicherungsbereich hat man sich hier mit dem "gemilderten Niederstwertprinzip" beholfen, um zu hohe Abschreibungen zu vermeiden. Kapitalanlagen können nun bilanztechnisch dem Anlage- und nicht mehr dem Umlaufvermögen zugeordnet werden. Könnte das auch den Banken Erleichterungen bringen?

Becker: Bei Banken ist es ja ähnlich wie bei den Versicherern: Commerzbank-Chef Müller zum Beispiel hat vor einigen Tagen gesagt, dass sein Haus keine großen Abschreibungen auf die eigenen Beteiligungen machen wird, weil der aktuelle Kursverlust nicht zwangsläufig eine nachhaltige Wertminderung bedeute.

mm.de: Halten Sie das für sinnvoll?

Becker: Grundsätzlich finde ich diese Herangehensweise richtig. Das Problem ist natürlich: Mit einem solchen Vorgehen stellt man gewissermaßen einen Wechsel auf die Zukunft aus. Falls die Börsenschwäche sich nun einige Jahre fortsetzen sollte, gibt es im Jahr 2004 oder 2005 plötzlich einen erheblichen Abschreibungsbedarf. Dann ist der Wechsel quasi geplatzt.

mm.de: Dieses Szenario ist aber doch keineswegs unwahrscheinlich, oder gehen Sie davon aus, dass wir das Gröbste bereits überstanden haben? Immerhin hatten wir einige sehr fette Jahre und schon im Alten Testament folgten auf die sieben fetten Jahre sieben magere Jahre ...

Welche Bank die besten Chancen hat

Becker: Ich weiß nicht, ob der Blick auf die Bibel weiterhilft. Bei diesen Analogien wäre ich etwas vorsichtig. Auf jeden Fall sehe ich keine zwingende Notwendigkeit dafür, dass die Schwächephase genauso lang dauert wie der Börsenboom seit Anfang der neunziger Jahre. Allerdings gibt es momentan in der Tat eine ganze Reihe von guten Argumenten für die Annahme, dass es zumindest auf diesem deprimierenden Niveau weitergeht. Aber eines ist unbestritten: Wenn die Banken so bilanzieren wie zum Beispiel die Commerzbank , wächst das Risiko von Jahr zu Jahr. Das lässt sich nicht bestreiten.

mm.de: Welche Banken haben nach Ihrer Einschätzung die größten Chancen, die aktuelle Krise gesund zu überstehen?

Becker: Angesichts der strukturellen Probleme, die ich oben ansprach, muss man schon davon ausgehen, dass die verschiedenen Banken unterschiedlich stark betroffen sind. Nehmen Sie zum Beispiel die HypoVereinsbank  und die Commerzbank. Beide sind relativ stark vom Mittelstand abhängig und das könnte zu einem Problem werden. Die Deutsche Bank  ist da etwas anders aufgestellt und steht etwas besser da.

mm.de: Deutliche Unterschiede gibt es ja auch in der Eigenkapitalausstattung ...

Becker: Richtig. Die Kapitalkraft der Deutschen Bank ist mit Abstand besser als bei der HypoVereinsbank und der Commerzbank. Auch was die Möglichkeit der Ertragsdiversifizierung angeht, hat die Deutsche Bank gewisse Wettbewerbsvorteile. Sie kann positive Effekte in anderen Segmenten eher mitnehmen als viele Mitbewerber. Das ändert allerdings nichts daran, dass die strukturellen Probleme der Deutschen Bank genauso groß sind wie bei den anderen.

Ein zweites Manko: Die Deutsche Bank ist von ihrer ganzen Ertragsstruktur sehr stark auf die Kapitalmärkte ausgerichtet und wenn diese leiden, gibt es auch Probleme auf der Einnahmeseite. Das ist die offene Flanke der Deutschen Bank.

Wird die Commerzbank übernommen?

mm.de: Es ist immer wieder das Gerücht zu hören, die Commerzbank  plane eine Fusion mit der HypoVereinsbank . Was ist davon zu halten?

Becker: Zunächst mal: Wenn die beiden Banken zusammenfinden sollten, wird das keine Fusion, sondern eine Übernahme der Commerzbank durch die HypoVereinsbank. Das ist eine Konsequenz der Entwicklung in den letzten Jahren, in denen sich die Commerzbank nicht besonders gut entwickelt hat.

Allerdings glaube ich nicht, dass derzeit eine Übernahme zu erwarten ist. Momentan haben alle Banken so viel eigene Probleme, dass sie sich mit einer riskanten Übernahme belasten wollen. Dass die Commerzbank derzeit ziemlich billig ist, reicht als Argument nicht aus. Außerdem ist der aktuelle Hypo-Chef Schmidt ein erklärter Gegner einer solchen Übernahme.

mm.de: Und was ist, wenn Albrecht Schmidt sein Amt im kommenden Jahr abgibt?

Becker: Dann haben wir eine neue Situation. Dann wäre eine solche Übernahme durchaus wahrscheinlich, jedenfalls wahrscheinlicher als eine baldige Übernahme der Commerzbank durch einen ausländischen Mitbewerber.

mm.de: Welche Maßnahmen würden Sie den Banken aktuell empfehlen?

Becker: Ein Allheilmittel gibt es da leider nicht. Was wir jetzt sehen, sind die Folgen einer latenten Krise, die es bereits seit Jahren gab, ohne dass sie wirklich wahrgenommen wurde. Das hatte auch damit zu tun, dass man im Investmentbanking einige Jahre lang so gut verdient hat, dass Strukturänderungen nicht angegangen wurden. Jetzt ist der Handlungsspielraum nicht mehr sehr groß. Was bleibt, ist die Möglichkeit einer konsequenten Kostensenkung. Einige Häuser haben damit ja schon angefangen.

Dementi: Commerzbank weist Gerüchte zurück

Verwandte Artikel