Banken "Japanische Verhältnisse"

Die Investmentbank Merrill Lynch sieht Deutschlands Geldhäuser in einer existenziellen Krise. Die Rating-Agentur Moody's setzt die Institute auf "negativ". Deutsche-Bank-Chef Ackermann reagiert mit scharfen Vorwürfen.
Von Arne Stuhr

Hamburg/London - Dass die Investmentbanker von Merrill Lynch  nicht gerade zu den größten Anhängern ihrer deutschen Kollegen gehören, ist nichts Ungewöhnliches. Die Tonart aber, mit der sie jetzt die Schwächen der Frankfurter und Münchener Geldhäuser anprangern, hat schon eine neue Qualität.

"Wir waren noch nie so besorgt über die deutsche Bankenlandschaft", nehmen die Analysten in einer aktuellen Studie kein Blatt vor den Mund und wittern "japanische Verhältnisse" bei Deutscher Bank  & Co.

So erinnere die Kombination aus einem angeschlagenen Bankensektor und einer schwachen Konjunktur - Merrill Lynch geht für Deutschland beim Bruttoinlandsprodukt von einem Plus von 0,4 Prozent in diesem Jahr aus - sehr stark an die Krisensituation in Japan. Hinzu komme die relativ schlechte Kernkapitalquote (Tier 1) der deutschen Banken, die diese sehr empfindlich gegen gesamtwirtschaftliche Turbulenzen mache.

Merrill Lynch begründet diese düstere Einschätzung auf der einen Seite mit der gesunkenen Eigenkapitalrentabilität (Return on Equity, ROE) der Geldhäuser. So habe die Bundesbank in ihrem jüngsten Bericht für 2001 einen durchschnittlichen ROE vor Steuern von 6,2 Prozent ermittelt, ein Jahr zuvor wurden 9,3 Prozent attestiert.

Bereits in einer Studie Anfang September hatte Merrill Lynch auch für den öffentlich-rechtlichen Bankensektor ("Spotlight on Sparkassen und Landesbanken") strukturelle Probleme angemerkt.

Die Kurseinbrüche lassen die Portfolios schmelzen

Auf der anderen Seite müssten die Werte der Beteiligungen beziehungsweise die erwarteten Erlöse aus geplanten Anteilsverkäufen deutlich reduziert werden. Für die Deutsche Bank senken die Merrill-Lynch-Analysten den möglichen Veräußerungsgewinn von 3,8 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden Euro und senken ihr Kursziel von 68 Euro auf 65 Euro.

Bei der HypoVereinsbank  (HVB) hat sich der Wert des Beteiligungsportfolios laut Merrill-Lynch-Berechnungen nahezu aufgelöst. Die Kurseinbrüche bei Allianz  und Münchener Rück  bedeuteten ein Abschmelzen von 1,8 Milliarden Euro auf lediglich 180 Millionen Euro. Neues Kursziel für die HVB: 20,5 Euro.

Am dramatischsten sieht es bei der Commerzbank  aus. Würde sich Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller von seinen Beteiligungen trennen, müsste er rund 1,9 Milliarden Euro abschreiben. Den fairen Wert der Commerzbank-Aktie sehen die Analysten bei 10,5 Euro.

"Das ist verheerend"

Die Abstufung des gesamten Sektors lassen die deutschen Banker aber so nicht auf sich sitzen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann kritisierte auf dem 56. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag der Schmalenbach-Gesellschaft am Montag Analysten und Ratingagenturen scharf. "Ohne dass wir von Moody's kontaktiert wurden und unsere Position darstellen konnten, wurde unser Ausblick runtergestuft - das ist verheerend", zitiert das "Handelsblatt" Ackermann.

Moody's hatte in einem Rundumschlag die Langfrist-Ratings sowie die Beurteilung der Finanzstärke von Deutscher, Dresdner und Commerzbank auf "negativ" gesetzt.

Abschied von der Quartalsbetrachtung

Außerdem würden, so Ackermann, Wertpapieranalysten ungestützte Erwartungen in die Welt setzen und bei geringster Abweichung mit Abschlägen von 10 bis 15 Prozent reagieren. Neben dem Schweizer rief auch der ehemalige Vorstandschef der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, dazu auf, sich vom Quartalsdenken zu verabschieden.

Ketzerisch formuliert sind viele Unternehmen, darunter auch Banken, dieser Empfehlung schon im vorauseilenden Gehorsam gefolgt. Die Resultate des manager-magazin-Wettbewerbs "Geschäftsbericht des Jahres" werfen nämlich vor allem auf die Quartalsberichte ein düsteres Bild.

Nur unterdurchschnittliches Kurspotenzial

Für die Merrill-Lynch-Experten sind die deutschen Banken auf jeden Fall hinter die europäische Konkurrenz zurückgefallen. Sie bleiben daher bei ihrem Urteil "untergewichten". Denn auch wenn sie zum Beispiel für die Deutsche Bank ein Erholungspotenzial von 22 Prozent und für die HVB sowie Commerzbank jeweils sogar 24 Prozent erwarten, liegen die Deutschen deutlich unter dem europäischen Schnitt von 32 Prozent. Die Benchmark in Europa bilden Royal Bank of Scotland, Lloyds und Barclays mit mehr als 40 Prozent Kurspotenzial.

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