Mobilcom Die Chronik eines Scheiterns

Aufstieg und Fall eines "etwas anderen Unternehmens" - am Anfang war ein Zweier-Büro, dann folgte ein Jahrzehnt voller Erfolge am Telefonmarkt. Die wurden von einem dunklen Jahr im Zeichen der UMTS-Lizenz und eines beispiellosen Streits mit France Telecom vernichtet. Oder doch nicht?

1991:

Gründung der Teleforce GmbH in Schleswig, aus der später die Mobilcom AG  hervorgeht.

1996: Gerhard Schmid, zuvor Geschäftsführer des Ostseebads Damp und Vorstandsmitglied der Autovermietungs- und Leasingfirma Sixt, wird Vorstandsvorsitzender der Mobilcom AG.

10. März 1997: Börsengang der Mobilcom AG am soeben gegründeten Neuen Markt, der damit seinen ersten Handelstag erlebt. 480.000 Anteile werden platziert, die mehr als 100-fach überzeichnete Aktie wird mit einer Bookbuilding-Spanne von umgerechnet 27 bis 32 Euro angeboten. Der Emissionspreis liegt bei (unbereinigt) 31,95 Euro (62,50 Mark), der erste Börsenkurs bei (unbereinigt) 48,57 Euro.

Die "Frankfurter Rundschau" kommentiert am nächsten Tag: "Da war sie wieder, die berühmte 'schnelle Mark'. 52 Prozent konnten Anleger, die beim Börsengang des Funktelefondienstleisters Mobilcom das große Zuteilungslos gezogen haben, am Tag der Erstnotierung gutmachen. (...) Kein Traumstart dagegen für 21 von 22 privaten Zeichnern, die bei dieser Emission leer ausgingen."

Außerdem merkt der Kommentator an: "Es wäre indes verfehlt, den Erfolg des Neuen Marktes an Kurssprüngen wie dem von Mobilcom festzumachen ..."

22. März 2000: Die Mobilcom-Aktie erreicht mit 199 Euro den historischen Höchststand - eine Steigerung auf das 120fache des Ausgabekurses. Zu diesem Zeitpunkt ist der Büdelsdorfer Telekom-Anbieter an der Börse über 8,7 Milliarden Euro wert.

23. März 2000: France Telecom  erwirbt für 3,74 Milliarden Euro 28,5 Prozent an Mobilcom und unterzeichnet ein Rahmenabkommen zum gemeinsamen Aufbau eines UMTS-Netzes.

August 2000: Zur Finanzierung der UMTS-Aktivitäten erhält Mobilcom von einem Bankenkonsortium unter der Führung der ABN Amro Bank Darlehen über 4,7 Milliarden Euro.

17. August 2000: Mobilcom und France Telecom ersteigern eine deutsche UMTS-Lizenz für umgerechnet 8,48 Milliarden Euro.

4. April 2001: France Telecom sagt MobilCom ein Darlehen von maximal zehn Milliarden Euro zum Aufbau eines UMTS-Netzes zu.

Anfang Oktober 2001: Mobilcom will zusammen mit seinem neuen Partner Ericsson  als erster ein funktionierendes UMTS-Netz in Deutschland auf die Beine stellen. Dazu soll der schwedische Ausrüster für 1,6 Milliarden Euro bis Mitte 2002 ein schlüsselfertiges Netz liefern.

Der Streit eskaliert

25. Oktober 2001: Die Europäische Kommission teilt mit, dass sie keine Wettbewerbsbedenken gegen den France Telecom-Mobilcom-Deal hat. Das französische Unternehmen übernimmt für rund 3,7 Milliarden Euro 28,5 Prozent der Anteile an Mobilcom . Unternehmensgründer Gerhard Schmid bleibt mit rund 40 Prozent Hauptaktionär.

9. November 2001: Die Einstiegskosten in die UMTS-Technik und das große Wachstum drücken die Telefongesellschaft Mobilcom zum ersten Mal in die roten Zahlen, ein Kursrutsch an der Börse folgt.

29. Januar 2002: France Telecom  steigert dank eines kräftigen Wachstums im internationalen Geschäft seinen Umsatz 2001 um 27,8 Prozent auf 43,03 Milliarden Euro.

18. Februar 2002: Zwischen Mobilcom und France Telecom bricht ein offener Streit über den weiteren Ausbau des UMTS-Netzes in Deutschland aus.

21. Februar 2002: Der Streit um die Investitionen in das UMTS-Netz spitzt sich zu. Der französische Konzern droht Mobilcom rechtliche Schritte an. France Telecom fordert zudem eine unabhängige Überprüfung des Ankaufs von Mobilcom-Aktien durch Schmids Ehefrau Sybille Schmid-Sindram.

25. Februar 2002: Mobilcom bestätigt, dass Geld von der Firma an die Frau von Firmenchef Schmid geflossen ist. Die Franzosen verlangen Aufklärung darüber, unter welchen Umständen Schmid-Sindrams Firma Millennium an das riesige Aktienpaket gekommen ist.

20. März 2002: Mobilcom weist Verluste von 200 Millionen Euro für 2001 aus. Der offene Machtkampf zwischen Schmid und France Telecom lässt den Aktienkurs auf 15 Euro fallen. Nach Angaben des Unternehmens will Schmid 33 Prozent seiner Firmenanteile an France Telecom verkaufen.

21. März 2002: Schmid will France Telecom zu einer Entscheidung zwingen. Die Franzosen sollen entweder die erforderlichen 1,3 Milliarden Euro für den Ausbau des deutschen UMTS-Netzes bereitstellen, oder die Mobilcom AG ganz übernehmen.

25. März 2002: Schmid kündigt seinen Ausstieg bei MobilCom und den Verkauf seines Aktienpakets an. "Mein Job ist erledigt." France Telecom nimmt die Aktien jedoch nicht ab.

30. Mai 2002: Die Aktionäre von Mobilcom verweigern Vorstandschef Schmid auf der Hauptversammlung in Hamburg die Entlastung, weil vorher ein Gutachten veröffentlicht worden war, wonach Schmid mit eigenmächtigen Entscheidungen gegen das Aktiengesetz verstoßen hatte. Aktionärsvertreter legen Schmid den Rücktritt nahe.

Gerhard Schmid wird entmachtet

3. Juni 2002: Bis zu diesem Tag hat France Telecom  Mobilcom  4,3 Milliarden Euro an Liquidität zugeführt.

11. Juni 2002: France Telecom kündigt das Kooperationsabkommen mit Mobilcom. Der Kurs der Aktie stürzt ab.

13. Juni 2002: 17 an dem UMTS-Kredit für Mobilcom beteiligte Banken einigen sich grundsätzlich über die Umschuldung von 4,7 Milliarden Euro.

21. Juni 2002: Der Aufsichtsrat ruft Schmid als Vorstandschef ab. Nachfolger von Schmid wird Finanzvorstand Thorsten Grenz. France Telecom hatte eine weitere Zusammenarbeit mit Mobilcom vom Ausscheiden Schmids abhängig gemacht.

31. Juli 2002: Mobilcom und vier Großbanken einigen sich auf die Stundung eines Kredits über 4,7 Milliarden Euro.

19. August 2002: Schmid kündigt an, gerichtlich überprüfen zu lassen, ob France Telecom zu einem Übernahmeangebot an die übrigen Anteilseigner verpflichtet ist.

28. August 2002: Mobilcom verklagt die Firma Millenium von Schmids Ehefrau Sybille Schmid-Sindram. Schmid klagt seinerseits gegen Mobilcom und France Telecom.

29. August 2002: Die Mobilcom AG gibt eine Versechsfachung ihres Nettoverlusts bekannt.

11. September 2002: Berichte über einen bevorstehenden Ausstieg von France Telecom bei Mobilcom lassen den Aktienkurs des Unternehmens abstürzen.

13. September 2002: France Telecom teilt den Rücktritt von Bon und das Ende jeglicher finanzieller Unterstützung für Mobilcom mit. Gerhard Schmid hatte für diesen Fall zuvor angekündigt, auf dem Klageweg Entschädigungszahlungen zu erwirken.

Vorstand Thorsten Grenz hatte ebenfalls auf zwingende finanzielle Verpflichtungen von France Telecom hingewiesen und über Entschädigungen in Milliardenhöhe gesprochen. Die Aktie erreicht mit 73 Cent ihr bisheriges Jahrestief, nachdem das Unternehmen einen Insolvenzantrag angekündigt hat.

15. September 2002: Eine Woche vor der Bundestagswahl sagt das Bundeswirtschaftsministerium Mobilcom Kredite von bis zu 400 Millionen Euro zu. Kreditgeber sollen die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Schleswig-Holsteinische Landesbank sein. Die Insolvenz ist - zumindest vorerst - abgewendet.

Gerhard Schmid frohlockt, dadurch sei Mobilcom auf einen Schlag zu einem der attraktivsten Mobilfunkunternehmen auf dem deutschen Markt geworden. Unklar bleibt zunächst, ob der Büdelsdorfer Konzern sein UMTS-Netz weiter ausbaut. Branchenexperten gehen allerdings davon aus, dass diese Sparte zumindest eingefroren, wenn nicht gar verkauft wird.

Die 8,4 Milliarden Euro teure UMTS-Lizenz würde dann an den Staat zurückfallen, Mobilcom könnte als sogenannter Service-Provider, der mit verschiedenen Angeboten aus den großen Netzen D1, D2 und E-Plus seine 4,8 Millionen Mobilfunkkunden bedient, weiter exitistieren. Zu Börsenbeginn schießt die Aktie in den Himmel: Mit mehr als vier Euro liegt die Notierung um knapp 300 Prozent höher als am Freitag.

France Telecom lenkt ein

20. September 2002: Mobilcom  erhält die erste Tranche über 50 Millionen Euro zur Abwendung der Insolvenz.

27. September 2002: CEO Thorsten Grenz stellt ein Sanierungsprogramm vor. Danach sollen 1850 Vollzeitstellen - fast die Hälfte aller Arbeitsplätze - gestrichen werden.

22. Oktober 2002: E-Plus erwägt eine Teilübernahme der UMTS-Mobilfunktechnik von MobilCom im Gegenzug für offene Forderungen aus einem Dienstleistungsvertrag.

24. Oktober 2002: Unternehmensleitung und Betriebsrat einigen sich im Rahmen des Sanierungskonzepts auf den Abbau von bis zu 1850 der gut 5000 Arbeitsplätze.

31. Oktober 2002: Die Banken verlängern zum vierten Mal die fälligen Kredite über 4,7 Milliarden Euro. Sie werden bis zum 15. November gestundet. Auch Zinsen müssen nicht gezahlt werden.

1. November 2002: MobilCom-Gründer Schmid unterschreibt einen Vertrag zur Übertragung seiner Aktien an einen Treuhänder. Das Bundeswirtschaftsministerium akzeptiert die Vertragsfassung nicht.

4. November 2002: Der Streit zwischen Schmid und der Regierung eskaliert. Der Mobilcom-Gründer bleibt einem Krisentreffen in Berlin fern und weigert sich, eine Vertrag zur Übertragung seiner Anteile auf einen Treuhänder zu unterschreiben. Die Vereinbarung gilt als zentraler Bestandteil des bereits ausgehandelten Rettungskonzepts in Milliardenhöhe, um MobilCom vor der Insolvenz zu bewahren.

5. November 2002: Das Bundeswirtschaftsministerium fordert Schmid auf, den ausgehandelten Treuhändervertrag zu unterzeichnen. Ein tagelanges Pokerspiel beginnt.

14. November 2002: Nach tagelangem Gezerre unterschreibt Schmid den Treuhändervertrag. Seine Aktien werden auf den früheren RTL-Chef Helmut Thoma übertragen.

15. November 2002: Die Gläubigerbanken verlängern die Zahlungsfrist für die UMTS-Kredite zum fünften Mal.

19. November 2002: Mobilcom wird nach dem Ergebnis der Sozialplanverhandlungen zwischen Vorstand und Betriebsrat weniger Mitarbeiter als geplant entlassen. Den rund 120 Beschäftigten des Call-Centers Kiel sollen neue Arbeitsplätze bei der MobilCom-Tochter Freenet angeboten werden. Die Zahl der tatsächlich zu entlassenden Beschäftigten soll sich von rund 2.100 auf 1.800 reduzieren.

22. November 2002: Zur Rettung von Mobilcom stimmt France Telecom  einem Vergleich zu. Dieser sieht die Übernahme von Schulden über rund sechs Milliarden Euro vor sowie nochmals einen Beitrag von 580 Millionen Euro für das Einfrieren der UMTS-Aktivitäten vor. Allerdings hängt der Vergleich nach FT-Angaben von mehreren Bedingungen ab.

Schmid beantragt Privatinsolvenz

4. Dezember 2002: Der Vorsitzende des Verwaltungsrates von France Telecom  äußert sich vor dem Finanzausschuss der Pariser Nationalversammlung zum Mobilcom-Desaster. Die Kooperation mit den Büdelsdorfern hat den französischen Konzern rund zwölf Milliarden Euro gekostet. Die Gesamtschulden von France Telecom belaufen sich auf rund 70 Milliarden Euro, 50 Milliarden Euro müssen in den kommenden drei Jahren zurückgezahlt werden.

18. Dezember 2002: Der Mobilcom-Vorstand teilt mit, für den 27. Januar 2003 sei eine außerordentliche Hauptversammlung anberaumt worden, auf der über den zwischen beiden Unternehmen geschlossenen Vergleich abgestimmt werden soll. Die Zustimmung der Aktionäre ist formal nötig, um die am 22. November erzielte Einigung zur Übernahme der UMTS-Schulden durch France Telecom in einer Gesamthöhe von rund sieben Milliarden Euro endgültig zu besiegeln.

13. Januar 2003: Es wird bekannt, dass die Kieler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Gerhard Schmid und seine Ehefrau Sybille Schmid-Sindram aufgenommen hat. Hintergrund ist der Verdacht auf Untreue.

27. Januar 2003: Einmal mehr überrascht Gerhard Schmid Berichterstatter und Aktionäre. Auf der Hauptversammlung von Mobilcom meldet er sich zu Wort und plädiert für eine "saubere Entschuldung". Damit bricht er bereits eine Viertelstunde nach Beginn seine kurz zuvor gemachte Zusicherung, während der HV nicht das Wort zu ergreifen. Wichtigster Tagesordnungspunkt ist die Abstimmung über das Rettungskonzept. France Telecom verpflichtet sich darin zur Übernahme von sieben Milliarden Euro Schulden seines ehemaligen Partners. Im Gegenzug zieht sich Mobilcom  aus allen UMTS-Aktivitäten zurück und verkauft das dazu gehörige Netz. Die Aktionäre stimmen zu.

10. Februar 2003: Nach monatelangen Auseinandersetzungen hat Mobilcom endlich wieder einen Aufsichtsratschef. Erst im vierten Anlauf wählte das Kontrollgremium am Montag den früheren ThyssenKrupp-Chef Dieter Vogel ohne Gegenstimme.

17. Februar 2003: Die Posse um Mobilcom erreicht einen neuen Höhepunkt. Gerhard Schmid beantragt nach eigenen Angaben wegen drohender Zahlungsunfähigkeit ein persönliches Insolvenzverfahren. Bei einem sich fortsetzendem Wertverfall der Mobilcom-Aktien drohe ihm die Zahlungsunfähigkeit, teilt Schmids PR-Agentur in Frankfurt mit.

Betroffen seien Schmids Privatvermögen bestehend aus einem Mobilcom-Aktienpaket sowie Grundstücken und Gebäuden. Das zuständige Amtsgericht in Flensburg habe den Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

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