IBM Big Blue kauft PwC

Die Pläne waren fertig und verkündet. Noch im Herbst 2002 wollte PwC Consulting unter dem neuen Namen "Monday" an die Börse gehen. Doch nun machen die Berater eine Rolle rückwärts - und lassen sich von ihren IBM-Kollegen übernehmen.

New York/Armonk - "Gegen das Fehlschlagen eines Planes gibt es keinen besseren Trost, als auf der Stelle einen neuen zu machen", vermerkte vor zwei Jahrhunderten der deutsche Erzähler Jean Paul. Ob die Führung von PricewaterhouseCoopers (PwC) diesen Merkvers im Ohr hatte, sei hier dahingestellt. Fest steht: Die Beratersparte des Wirtschaftsprüfers hat ihre Pläne für einen Börsengang überraschend aufgegeben.

Stattdessen übernimmt nun IBM für 3,5 Milliarden Dollar (3,56 Milliarden Euro) das globale Beratungs- und Dienstleistungsgeschäft von PwC Consulting. Der Kaufpreis soll in bar und in Form von IBM-Aktien gezahlt werden, teilten die beiden Gesellschaften am Dienstag nach Börsenschluss mit. Der Aktienkurs des wegen seiner Firmenfarbe auch "Big Blue" genannten IBM-Konzerns geriet daraufhin im nachbörslichen US-Handel unter Druck.

Wie IBM-Finanzchef John Joyce während einer Telefonkonferenz erklärte, wird der Gewinn pro Aktie (EPS) durch die Übernahme im 4. Quartal des laufenden Jahres um 30 US-Cent gedrückt. Im 4. Quartal 2003 soll sich die Übernahme erstmals positiv auf das EPS von IBM auswirken.

Wandelanleihe für PwC Consulting

Beide Unternehmen haben den Angaben zufolge bereits eine endgültige Übernahmevereinbarung unterzeichnet. Joyce zufolge bezahlt IBM 2,7 Milliarden Dollar in bar, 400 Millionen in Form einer Wandelanleihe und weitere 400 Millionen in Aktien. Der Markt habe dafür gesorgt, dass die Übernahme zu einem guten Preis getätigt werden konnte.

Vergleicht man die Summe mit dem Angebot, über das PwC noch im Herbst vor zwei Jahren feilschte, ist der Preis um 80 Prozent gefallen: Der damalige Übernahme-Interessent Hewlett-Packard soll zuletzt über 18 Milliarden Dollar verhandelt haben. Offiziell scheiterte der Verkauf jedoch aufgrund unterschiedlicher Preisvorstellungen.

Zahl der Mitarbeiter steigt auf 180.000

Wie IBM-Finanzchef Joyce zu dem jetzt geglückten Deal weiter erklärte, werde der Umsatz von PwC Consulting auf 4,9 Milliarden Dollar im laufenden Jahr geschätzt, die Bruttoumsatzrendite auf 29 Prozent. Das Unternehmen hat 30.000 Beschäftigte. Es soll mit dem Geschäftsbereich Business Innovation Services von IBM Global Services verschmolzen werden, der Dienstleistungssparte des Computerherstellers.

IBM Global Services bietet Unternehmen und anderen Großkunden Computer- und IT-Dienstleistungen an und beschäftigt 150.000 Mitarbeiter in 160 Ländern. Die Sparte ist mit einem Umsatz von 35 Milliarden Dollar inzwischen größer als der Computer- und Softwarebereich von IBM. Die Verschmelzung mit PwC Consulting soll Ende des dritten Quartals erfolgen. Die Aufsichtsbehörden und die lokalen PwC-Firmen müssen der Ehe noch zustimmen.

Wer den neuen Geschäftsbereich leitet

Unternehmens- und IT-Beratung aus einer Hand

Aus Sicht von Doug Elix, Chef von IBM Global Services, passen die beiden Fusionsparteien "außerordentlich gut" zueinander. Den Kunden werde die Möglichkeit geboten, künftig klassische Unternehmensberatung und IT-Expertise aus einer Hand zu beziehen.

Ginni Rometty, derzeit verantwortlich für das Geschäft von IBM Global Services in Nord- und Südamerika, soll den neuen Geschäftsbereich Business Innovation Services leiten.

Für Joyce ist die Übernahme Ausdruck eines grundlegenden Wandels in der IT-Branche. Die Kunden wollten mehr als Hard- und Software. Für PwC ergebe sich der Vorteil, dass die in jüngster Zeit in die öffentliche Diskussion geratene Trennung von Beratungs- und Prüfungsgeschäft erfolgt sei.

Die US-Aufsichtsbehörden haben nach dem Enron- und anderen Bilanzskandalen noch härter als zuvor auf eine Trennung beider Bereiche bei den großen Wirtschaftsprüfern gedrängt, um Interessenkonflikte zu vermeiden (siehe: "Die Teilung").

Auch andere Berater unter neuem Dach

Auch andere Consultingtöchter großer Wirtschaftsprüfer (WP) kappten daraufhin die Verbindung zu ihren - inzwischen ungeliebten - Müttern, deren Image durch die jüngsten Bilanzskandale mehr als angekratzt ist.

KPMG Consulting nabelte sich ab und ging zur börsennotierten KPMG Consulting Inc., McLean/Virginia (siehe: "Die Wunschhochzeit"). Erst vor wenigen Tagen schlüpfte Andersen Consulting in Deutschland unter das Dach von Braxton, dem weltweit fünftgrößten Berater, der vor kurzem noch Deloitte Consulting hieß (siehe: ""My Name is Braxton").

Um Andersen Consulting hatten sich mehrere Interessenten bemüht. Auch IBM war in der engeren Auswahl. Nun kommt der weltgrößte Computerhersteller beim Wettbewerber PwC Consulting zum Zug. Manchmal funktionieren neue Pläne - ganz im Sinne Jean Pauls - eben tatsächlich besser.

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