Citigroup/JP Morgan Im Visier der Ermittler

Mit dubiosen Finanzierungsmodellen sollen die größten US-Banken dem mittlerweile insolventen Enron-Konzern zu Krediten in Milliardenhöhe verholfen haben. Nun hat der Senatsausschuss auch die Justizbehörde eingeschaltet.

Washington - Der US-Senatsausschuss ermittelt gegen Citigroup und JP Morgan Chase. Den beiden Großbanken wird vorgeworfen, dem mittlerweile insolventen Enron-Konzern und zehn weiteren Unternehmen mit Hilfe von dubiosen Rohstoffgeschäften Kredite in Milliarden-Dollar-Höhe verschafft zu haben.

Der US-Senatsausschuss hat nun auch die Börsenaufsicht SEC und die Justizbehörden eingeschaltet, sagte der Ausschussvorsitzende, Senator Carl Levin. "Meiner Ansicht nach ist das eine ziemlich traurige Geschichte und da dürfte wohl noch einiges mehr ans Licht kommen", sagte Levin.

Um die immer größer werdenden Schulden des Enron-Konzerns zu verschleiern, sollen die Institute hoch komplizierte Finanzierungsmodelle entwickelt haben. Das "Wall Street Journal" führte als Beispiel das Finanzmodell "Yosemite" der Citigroup an.

Zinszusagen von bis zu 8,5 Prozent

Die Bank soll Investoren mit einer Zinszusage von 8,5 Prozent in den "Yosemite"-Trust gelockt haben. Die von Interessenten eingezahlten 800 Millionen Dollar flossen an eine Briefkastenfirma namens "Delta" auf den Cayman-Inseln. "Delta" erwarb über die Citigroup Öl von Enron.

Der Energiekonzern kaufte dies anschließend wieder zurück. Die 800 Millionen Dollar flossen später wieder an "Yosemite", und die Enron-Firmen überwiesen die Zinsen an die Investoren.

Solche und ähnliche Transaktionen sollen Enron Kredite in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar eingebracht haben, die der einstige Energieriese als Umsatz buchen konnte. Citigroup und JP Morgan Chase spülten die komplexen Transaktionen hohe Gebühren und Zinszahlungen in die Kassen, so der Ausschuss.

Enron ist kein Einzelfall

Enron ist kein Einzelfall

Die Geschäfte seien derart erfolgreich gewesen, dass die beiden Banken die Ideen bündelten und auch anderen Firmen andienten. JP Morgan Chase gestand, mit sieben anderen Firmen neben Enron eine Zahlungspraxis wie im Fall Enron eingeführt zu haben. Citigroup signalisierte, die Idee an 14 weitere Unternehmen herangetragen und sie mindestens an drei erfolgreich verkauft zu haben.

Levin bezeichnete das Geschäft mit den Zuflüssen von Firmen, welche die Empfängerunternehmen als Vorauszahlungen verbuchten, als bewusste Bilanzfälschung. "Chase und Citigroup wussten, was Enron da tat, halfen Enron und profitierten von diesen Aktionen", sagte Levin.

"Wir bieten unseren Kunden keine Bilanzberatung an"

Die vor dem Ausschuss befragten Mitarbeiter der Banken wiesen die Vorwürfe zurück. Die Praxis solcher Vorauszahlungen sei in der Branche üblich.

Man habe Enron nicht wissentlich dabei geholfen, die wirtschaftliche Lage falsch darzustellen, sagte JP-Morgan-Chase-Chef William Harrison am Mittwoch. Das Institut habe "korrekt und integer" gehandelt.

"Wir bieten unseren Kunden keine Bilanzberatung an", sagte Jeffrey Dellapina von JP Morgan Chase, der mit den Enron-Geschäften zu tun hatte. Es sei nicht ihr Fehler gewesen, dass Enron die Zahlungen falsch verbuchte.

Auch andere Banken sind involviert

Rick Caplan, der bei der Citigroup das Kredit-Derivate-Geschäft in Nordamerika mitverantwortet, sagte: "Enron hat der Citigroup versichert, dass die Bilanzierungspraxis mit den Vorauszahlungen vollständig von Arthur Andersen, die damals zu den führenden US-Wirtschaftsprüfern zählten, untersucht wird."

Hätte es die Praxis der Vorauszahlungen nicht gegeben, wären die gesamten Schulden von Enron im Jahr 2000 um 40 Prozent höher ausgefallen und die Einnahmen aus dem Geschäft um 50 Prozent geringer gewesen, fand der Ausschuss heraus.

Neben JP Morgan Chase und Citigroup sind den Angaben des Ausschusses zufolge auch andere Banken mit einem Gesamtvolumen von einer Milliarde Dollar involviert. Unter ihnen sollen die Credit Suisse Group, Barclays, Fleet Boston Financial, Royal Bank of Scotland und Toronto-Dominion Bank sein.

Die Quittung für alle, die Enron behilflich waren

An den europäischen Aktienmärkten gaben Finanztitel am Mittwoch nach. Händler führten das unter anderem auf die Entwicklungen in den USA zurück. "Es ist das Nachbeben, das heute Nacht aus den USA kam", sagte Stephen Ford, Investment-Manager in London.

Die Verluste bei Bankenaktien seien nun die Quittung für alle, die Enron behilflich waren. Der Index für den europäischen Bankensektor gab um knapp 4,35 Prozent nach, während der Gesamtmarkt mit 3,3 Prozent im Minus lag.

Citigroup und JP Morgan Chase zählen zu den größten Gläubigern von Worldcom. Der US-Telekomkonzern hatte am Sonntag Gläubigerschutz beantragt und Enron als bislang größten Konkursfall der US-Firmengeschichte auf Platz zwei verwiesen.

JP Morgan Chase: Im Sog von Worldcom?

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