Bankgesellschaft Berlin "Dokumentation des Schreckens"

Wütenden Anleger lassen ihrem Ärger auf der Hauptversammlung freien Lauf. Vorstandschef Vetter fürchtet "neue Probleme und Rückschläge". Demonstranten werden aus dem Saal gezerrt, Aktionärsschützer üben massive Kritik.

Berlin - Aktionäre der Bankgesellschaft Berlin haben ihrer Wut lautstark Luft gemacht: Pfiffe und Zwischenrufe unterbrachen die einstündige Rede des Vorstandsvorsitzenden Hans-Jörg Vetter am Freitag auf einer stürmischen Hauptversammlung.

Nach den Worten Vetters müssen sich die Aktionäre auf eine längere Durststrecke bei der Dividende einstellen. Auch bei einem Gewinn werde in den Folgejahren die Stärkung der Rücklagen Vorrang vor einer Dividendenzahlung haben müssen, sagte Vetter. "Alles andere wäre angesichts der erheblichen Verlustausweise der vergangenen Jahre nicht verantwortbar."

Zuletzt hatte der mit Verlusten kämpfende und vor acht Jahren gestartete, mehrheitlich landeseigene Bankenkonzern 1999 eine Dividende gezahlt. Vetter bekräftigte das Ziel, die Verluste weiter abzubauen und die Bankgesellschaft innerhalb von drei bis vier Jahren zu einer "profitablen und voll wettbewerbsfähigen" Regionalbank umzubauen.

Wachleute zerren Demonstranten aus dem Saal

Zu Beginn der Hauptversammlung im ICC hatten etwa 20 Vertreter der Initiative "Berliner Bankenskandal" gegen die mehr als 21 Milliarden Euro umfassende Landesbürgschaft für Alt-Immobilienrisiken protestiert.

Die Initiative fordert 150 der 70.000 Fondseignern der Bankgesellschaft öffentlich auf einer Art "Schwarzen Liste" auf, ihr "Anlageverhalten zu korrigieren". Die Immobilenfondsgesellschaft des Kreditinstituts hatte Investoren zu völlig marktunüblichen Konditionen Immobiliengeschäfte angeboten und sich dadurch immer weiter verschuldet.

Allein aus dem Haushalt 2003 zahlt das Land Berlin 300 Millionen Euro für die Fondsrisiken der Bank und die garantierten Gewinne der Anleger. Die "Initiative Berliner Bankenskandal" fordert nun, dass die "sittenwidrige, ja kriminelle Konstruktion" der Immobilienfonds mit den Fondszeichnern neu verhandelt wird.

Während Vetters Rede versuchten Demonstranten, die der Anti-Globalisierungsgruppe Attac zugerechnet wurden, auf das Podium zu kommen. Sie wurden von Wachleuten aus dem Saal gezerrt.

Risikoabschirmung verhindert Verlust von zwei Milliarden

Eine Frau, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Berlin ist pleite und ich bin schuld" trug, forderte Vetter auf, es anzuziehen und warf der Bankführung Schuld an der Finanznot des Landes Berlins vor.

Wenig später rissen sich mehrere Menschen T-Shirts mit der Aufschrift "Mein letztes Hemd" vom Leib und warfen sie in Richtung Vetter und des Aufsichtsratschefs Ernst-Otto Sandvoß. Einige gelangten mit nacktem Oberkörper auf das Podium von Vorstand und Aufsichtsrat.

Schelte für den Prüfer

2001 konnte der durch riskante Kredit- und Immobiliengeschäfte in Turbulenzen geratene Bankenkonzern durch Milliardenhilfen des Landes vor dem Aus gerettet werden. Nur durch die 30 Jahre dauernde Risikoabschirmung konnte ein Verlust von bis zu zwei Milliarden Euro vermieden werden. Vor Steuern weist die Bank für 2001 somit ein Minus von 59 Millionen Euro (2000: minus 1,559 Milliarden Euro) aus. Der Jahresverlust betrug 112 Millionen Euro (minus 1,648 Milliarden Euro).

Vertreter der Kleinaktionäre kritisierten unter anderem die auch für 2002 vorgesehenen Wirtschaftsprüfung durch PricewaterhouseCoopers (PwC). Damit sei die gleiche Gesellschaft beauftragt, die zuvor ihrer Rolle nicht gerecht worden sei, sagte Kai Weigert von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Dies sei ein Widerspruch zum angestrebten Neuanfang. Auch hier sollte ein Schlussstrich gezogen und ein unbelasteter Wirtschaftsprüfer gewählt werden.

"Rückschläge und neue Probleme"

Vetter: "Rückschläge und neue Probleme"

Weigert warnte zugleich den Vorstand davor, mit dem geplanten Rückkauf eigener Aktien den ohnehin geringen Streubesitz von sechs Prozent weiter zu reduzieren und Kleinaktionären herauszudrängen.

Der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nannte die frühere Bilanz eine "Dokumentation des Schreckens". SdK und DSW verwiesen vor den rund 1200 Aktionärsvertretern auf Risiken durch Prüfverfahren der EU-Kommission zur Finanzspritze des Landes in Höhe von 1,7 Milliarden Euro sowie zur Landesgarantie. Auch drohe eine gepfefferte Rückzahlung wegen möglicherweise ungerechtfertigter Beihilfen für die zur Bankgesellschaft gehörende Landesbank.

Die Bankgesellschaft will sich künftig auf das regionale Privat- und Firmenkundengeschäft sowie auf Kapitalmarkt- und Immobiliengeschäfte konzentrieren. In seinem ersten Auftritt vor den Aktionären sagte der seit Dezember amtierende Vorstandschef Vetter, die Bankgesellschaft habe noch einen schweren Weg vor sich. "Wir werden uns auf neue Probleme und auch auf Rückschläge einrichten müssen", sagte Vetter. Die Bankgesellschaft erwartet 2002 nochmals Verluste, will laut Vetter das operative Minus aber deutlich senken. Für 2003 strebt die Bank bisher zumindest einen ausgeglichenen Ertrag an.

Regresszahlungen: "Tropfen auf den heißen Stein"

Zu den Ermittlungen und Schadenersatzforderungen gegen frühere Manager wollten Vetter und Aufsichtsratschef Ernst-Otto Sandvoß keine näheren Angaben machen. Den Ex-Managern wird vorgeworfen, mit Kredit- und Fondsgeschäften der Immobilientochter IBG einen Millionenschaden verursacht zu haben. Aus Sicht der DSW werden Regresszahlungen nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein" sein.

Wegen der Ermittlungen, während derer auch Wohnungen durchsucht wurden, sollten die Ex-Vorstände Thomas Kunze, Hans Leukers, Lothar Wackerbeck und Ex-Bankchef Wolfgang Rupf nicht entlastet werden. Durch die Mehrheit des Landes galt die Zustimmung der Aktionäre als sicher. Dies betraf auch die Vereinbarung mit dem Land zur Risikoabschirmung und andere Vorschläge. Derzeit hält das Land 81 Prozent der Anteile. Es will sich aber zurückziehen.

Bankgesellschaft: Justiz verschärft Ermittlungen Bankgesellschaft: Anatomie einer Milliardenpleite


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