Telekom Nachfolgefrage offenbar gelöst

Das Schicksal Ron Sommers scheint besiegelt. Entgegen aller Dementis soll sich das Präsidium des Aufsichtsrats am Freitag-Abend für den bisherigen Technikvorstand Gerd Tenzer entschieden haben.

Hamburg - Nach hektischen Beratungen und ebenso hektischen Dementis, begleitet von gezielten Indiskretionen an die Presse, hat sich das Aufsichtsrat-Präsidium der Deutschen Telekom (Kurswerte anzeigen) nun dem Vernehmen nach auf einen Nachfolger für Ron Sommer geeinigt. Die Wahl fiel auf Technik-Vorstand Gerd Tenzer, der bereits in der Vergangenheit immer wieder für eine mögliche Nachfolger Ron Sommers ins Gespräch gebracht worden war.

Auf einer Sitzung am Freitag-Abend berieten die Mitglieder des Kontollgremiums über eine zuvor mit der Bundesregierung vereinbarte Übergangslösung. Danach soll Sommer in der Sondersitzung des Telekom-Aufsichtsrats am kommenden Dienstag abgelöst werden.

Die dazu notwendige Zweidrittelmehrheit will sich der Bund durch ein Zugeständnis an die Gewerkschaften sichern. "Die Mehrheit steht", erklärte ein hoher Regierungsbeamter.

Tenzers Wahl am Dienstag gelte als sicher, da er die Unterstützung der Bundesregierung habe, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Samstag aus den Kreisen. Sommer ließ mitteilen, er werde nicht zurücktreten, sondern sehe sich durch die jüngsten Geschäftszahlen gestärkt. Unterstützung leistete die US-Bank Goldman Sachs, die sich in einem Brief gegen einen Wechsel beim Management aussprach.

Analysten sehen die Tenzer-Lösung zum Teil skeptisch

Sommer wird vor allem der Kursverfall der T-Aktie vorgehalten. Er verlor zuletzt die Unterstützung der Regierung. Aktionärsvertreter sehen die Lösung mit Tenzer als unzureichend an, Analysten äußerten zum Teil Skepsis. Tenzer selbst war unerreichbar.

In den Kreisen hieß es weiter, Tenzer werde dem Telekom-Aufsichtsrat am Dienstag zur Wahl vorgeschlagen. In Medienberichten hieß es, darauf habe sich das Präsidium des Aufsichtsrates in der Nacht zum Samstag verständigt.

Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums lehnte einen Kommentar ab. Die Telekom dementierte, dass es ein Treffen des vierköpfigen Präsidiums des Kontrollgremiums gegeben habe. Tenzer kann mit Stimmen von der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat rechnen. "Wenn es zu einem Wechsel kommen sollte, würden wir für eine interne Lösung plädieren", sagte der Sprecher der Arbeitnehmerseite, Ado Wilhelm.

Wilhelm weiter: "Wir wollen keinen Vorstandschef von außen, der das Unternehmen auf den Kopf stellt." Die Arbeitnehmer stellen zehn der 20 Telekom-Aufsichtsräte.

Aus Unternehmenskreisen hieß es, Sommer werde nicht freiwillig aus dem Amt scheiden. Sommer sehe seine Position vielmehr vor der Abstimmung im Aufsichtsrat gestärkt, weil die jüngst veröffentlichten Geschäftszahlen von der Börse und Analysten positiv aufgenommen wurden.

Keine Doppelspitze mit Eick

Zu Spekulationen über eine Einbeziehung von Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick in eine Doppelspitze sagte ein Sprecher, Eick werde keine Führungsaufgaben im Vorstand wahrnehmen. Eick habe auf eine Solidaritätserklärung des gesamten Vorstands für Sommer verwiesen.

Nach der schon länger anhaltenden Kritik von Kleinaktionären hatte Sommer zuletzt auch die Unterstützung der Bundesregierung verloren. Die Debatte um ihn war zunehmend auch zum Wahlkampfthema geworden. Bei der Suche nach einem Nachfolger sagten allerdings mehrere hochrangige externe Kandidaten wie DaimlerChrysler-Vorstandsmitglied Klaus Mangold oder TUI-Chef Michael Frenzel ab.

Erste Stimmen von Experten

Analysten hatten das Vorgehen der Regierung bei der Kandidatensuche als peinlich und unprofessionell bezeichnet. Zu Tenzer sagte Analyst Robert Halver von Vontobel Asset Management im TV-Sender n-tv, Tenzer garantiere zwar Stabilität, sei aber "sicherlich nicht die große Zugnummer". Nach Einschätzung von Frank Rothauge, Sal. Oppenheim, ist Tenzer als Techniker "nicht im Interesse der Kapitalmärkte".

In der Branche gilt Tenzer wegen seines Alters als Übergangskandidat, bis ein dauerhafter Nachfolger gefunden wird. Aus dem Umfeld der Bundesregierung hieß es, man sehe den 59-jährigen als zuverlässigen Manager an und traue ihm zu, das Vertrauen der Kapitalmärkte in die Telekom wieder herzustellen.

"Menschlich ist gegen Tenzer nichts zu sagen"

Tenzer steht der SPD nahe und gilt als Urgestein im Telekom-Vorstand. In Firmenkreisen wird Tenzer "eine gute Arbeit" in seinem Bereich bescheinigt. "Menschlich ist gegen Tenzer nichts zu sagen", verlautete aus den Kreisen. Allerdings habe er keine Führungspersönlichkeit über seinen Bereich hinaus. "Tenzer fehlt Charisma und Erfahrung mit den Finanzmärkten."

Dagegen sagte Siemens-Chef von Pierer der Nachrichtenagentur Reuters, Tenzer sei "eine gute Wahl". Tenzer habe sich großen Respekt bei Lieferanten, Partnern und in der gesamten Branche erworben. Für die Finanzmärkte sei es "nicht unwichtig, ob der Vorstandschef der Telekom technologisch auf der Höhe ist". Die Telekom und Siemens sind seit langem enge Geschäftspartner.

Glotz: Ablösung Sommers "schlecht" und "fragwürdig"

SPD-Medienexperte Peter Glotz, der einige Jahre im Aufsichtsrat der Telekom saß, nannte Tenzer "sehr qualifiziert". Sinnvollerweise habe die Arbeitnehmerbank eine interne Lösung durchgesetzt. Der Bundesregierung warf er vor, sie habe die Ablösung Sommers "schlecht, fragwürdig, nicht professionell betrieben". Die Wahl Tenzers sei im übrigen ein "Kennzeichen dafür, dass man offenbar keinen Strategiewechsel will".

Die Union warf der Bundesregierung "Genossen-Filz" vor. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) forderte einen international renommierten Experten.

CSU-Landesgruppenchef Glos sprach von Genossen-Filz: "Ich bin dagegen, dass man die Besetzung so vornimmt, dass es nach Genossen-Filz riecht. Und genau das ist der Fall bei Herrn Tenzer." Hier solle ein verdienter Genosse noch kurz vor Torschluss mit einem höheren Posten versehen werden, sagte der CSU-Politiker dem Sender n-tv.

Union-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) sagte, es sei Teil eines "unwürdigen Spiels", dass ständig Namen für die Nachfolge Sommers genannt würden. "Hände weg von der Deutschen Telekom", fügte Merz hinzu.

Schröder verweist auf Eichel und Aufsichtsrat

Bundeskanzler Schröder sagte nach einem Vorabbericht des "Tagesspiegel" (Sonntagausgabe) zu seiner Rolle bei der Neubesetzung des Telekom-Vorstandes, er werde natürlich informiert. In der Bundesregierung sei aber Finanzminister Hans Eichel (SPD) zuständig.

Schröder verwies erneut auf das Aktienrecht, das auch für Unternehmen gelte, an denen der Bund beteiligt sei. Über Personal müsse demnach der Aufsichtsrat entscheiden: "Der muss Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden haben, und wenn er das nicht mehr hat, muss er Entscheidungen treffen", sagte Schröder. Ob der umstrittene Vorstandschef Ron Sommer sich etwas habe zu Schulden kommen lassen, könne er "nicht beurteilen".

Die Telekom-Aktie war wie die Aktien anderer Konzerne unter anderem wegen der hohen Schuldenlast drastisch gesunken. Das Papier hat seit ihrem Höchststand von knapp 105 Euro im Frühjahr 2000 rund 90 Prozent eingebüßt, was zahllose Kleinaktionäre gegen den Konzernchef aufgebracht hat.

Scharfe Kritik von der SdK

Aktionärsvertreter bezeichneten die sich abzeichnende Lösung als nicht ausreichend. Eine Ablösung von Sommer durch Tenzer werde das Vertrauen der Anleger nur ungenügend wiederherstellen können, erklärte die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

"Eine interne Lösung wäre nur ein halber Schritt", sagte Vorstandsmitglied Reinhild Keitel. Sommer sei nicht alleine verantwortlich für die ihm vorgehaltenen Entscheidungen, aber nach der Debatte um seine Person unhaltbar geworden.

"Völlig unprofessionelle Kandidatendiskussion"

Die Bundesregierung habe eine "völlig unprofessionelle Kandidatendiskussion" betrieben, sagte der Telekom-Experte der (SdK) am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. Statt hinter verschlossenen Türen Gespräche mit möglichen Nachfolgern zu führen, seien jeden Tag neue Namen ins Spiel gebracht worden. Dies schade dem Unternehmen und damit auch den Aktionären.

"Dass der Bund sich nun als der Schutzpatron der Kleinaktionäre aufspielt, wird wohl nicht verfangen", sagte Labryga. Schließlich trage die Regierung eine beträchtliche Mitverantwortung für den Absturz der T-Aktie. "Sommer kam nicht selbst auf die Idee, vor zwei Jahren eine dritte Tranche für über 66 Euro an der Börse zu platzieren."

"Weißer Ritter mit dreckigen Händen"

Der Börsengang im Juni 2000 habe Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) über 15 Milliarden Euro in die Kassen gebracht, durch die Neuausgabe sei der Kurs der Aktie dann aber massiv unter Druck geraten. Wenig später seien dann die UMTS-Mobilfunklizenzen vom Staat für Milliardenbeträge verkauft und damit der Schuldenstand der Telekom erhöht worden, sagte Labryga. Damit habe der Bund zu den heutigen Schwierigkeiten beigetragen.

Wenn nun kurz vor der Bundestagswahl Sommer aus dem Amt geworfen werde, stehe die Regierung bestenfalls als "als Weißer Ritter mit den dreckigen Händen" da, sagte der SdK-Vertreter. Zusätzliche Wählerstimmen werde die Koalition durch die Personalie kaum bekommen.

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