Babcock Borsig Der Kampf ums Überleben - eine Chronik

Das 111 Jahre alte Traditionsunternehmen aus Oberhausen ist in die tiefste Krise seiner Geschichte geraten und musste Insolvenz beantragen.

Düsseldorf - Aus und vorbei. Am 8. Juli 2002 teilte NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement mit, dass die Rettung von Babcock-Borsig  als Konzern gescheitert ist. Einige Banken waren nicht länger bereit, die Kredite für den Oberhausener Anlagenbauer zu verlängern. Einige Tage zuvor hatte das Unternehmen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt.

Das über 100 Jahre alte Oberhausener Traditionsunternehmen war bereits 1996 nur durch zusätzliche Bankenkredite über 600 Millionen Mark und einem Lohnverzicht der Arbeitnehmer von insgesamt 100 Millionen Mark um eine Pleite herumgekommen.

Nach der Aufgabe zahlreicher Arbeitsgebiete und dem Verkauf von Firmen arbeitete der Konzern zuletzt insbesondere in den Bereichen Energietechnik und Schiffbau. Es stellt unter anderem Kombikraftwerke, Dampfturbinen, Industriekessel her und beschäftigt weltweit 22.000 Mitarbeiter.

Die Chronologie der Ereignisse

26. November 2001: Babcock Borsig  kündigt die vollständige Übernahme der Howaldtswerke Deutsche Werft AG (HDW) an.

8. Januar 2002: Der US-Investor Guy Wyser-Pratte steigt mit 5,1 Prozent bei Babcock ein.

31. Januar 2002: Babcock Borsig stellt ein schwieriges Geschäftsjahr 2001/02 mit einem bestenfalls operativ ausgeglichenen Ergebnis in Aussicht. Vorrang habe ein Ausbau des Marinegeschäfts, in dem eine Aufstockung der Beteiligung an der Kieler Howaldtswerke-Deutsche-Werft (HDW) auf 100 Prozent angestrebt wird.

28. Februar 2002: Babcock Borsig hat nach eigenen Angaben im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2001/2002 seinen Verlust auf 76 Millionen Euro ausgeweitet.

11. März 2002: Babcock-Vorstandschef Klaus Lederer vollzieht eine überraschende strategische Kehrtwende und teilt mit, 25 Prozent an der HDW an den US-Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) verkauft zu haben. Auch der Babcock-Großaktionär Preussag (heute Tui AG)  teilt mit, seine Direktbeteiligung von 30 Prozent ebenfalls an den US-Investor verkauft zu haben.

14. März 2002: Babcock-Großaktionär Guy Wyser-Pratte beantragt wegen des überraschenden Strategiewechsels die Verschiebung der für den 19. März anberaumten Hauptversammlung.

15. März 2002: Trotz heftiger Aktionärskritik wegen der strategischen Wende teilt Babcock mit, an der geplanten Hauptversammlung und ihrer Agenda unverändert festhalten zu wollen. Der Aktienkurs bricht teilweise um 30 Prozent ein.

19. März 2002: Die Babcock Borsig-Aktionäre machen auf einer turbulenten Hauptversammlung ihrem Ärger über die umstrittene Kehrwendung in der Unternehmensstrategie Luft und werfen Vorstandschef Lederer "Täuschung" und "Verrat" vor. Anträge auf Verschiebung der Hauptversammlung, auf Abstimmung über den Strategiewechsel und Ablösung des Aufsichtsratschef Friedel Neuber als Leiter der Versammlung finden aber keine Mehrheit.

25. März 2002: Der ThyssenKrupp-Konzern teilt mit, sich mit 15 Prozent an der HDW beteiligen zu wollen. Der Schritt sei aber abhängig vom vollständigen Rückzug der Babcock aus HDW.

16. April 2002: Der Kurs der Babcock Borsig-Aktie bricht zeitweilig über mehr als 24 Prozent ein, was Börsianer auf massive Verkäufe großer Banken wegen der unklaren Unternehmensstrategie zurückführten.

Strafanzeige gegen Lederer

25. April 2002: Babcock-Großaktionär Guy Wyser-Pratte stellt nach Angaben seiner Anwälte Strafanzeige gegen Babcock-Chef Lederer wegen falscher Angaben auf der Hauptversammlung über seine Beteiligung an einem Beratungsunternehmen gestellt.

25. April 2002: Der Chef des Kraftwerksbetreibers Steag, Jochen Melchior, soll nach dem Willen des Babcock-Aufsichtsrats Konzernchef Klaus Lederer ablösen.

29. Mai 2002: Babcock  stellt für das laufende Geschäftsjahr wegen Kosten für die Neuausrichtung einen Konzernverlust von mindestens 100 Millionen Euro in Aussicht.

29. Mai 2002: Der US-Finanzinvestor Wyser-Pratte teilt mit, das Duisburger Landgericht habe den von Babcock geplanten Verkauf von der Hälfte seiner HDW-Beteiligung an OEP auf dem Wege einer einstweiligen Verfügung gestoppt.

30. Mai 2002: Die Unternehmensberatungsfirma Roland Berger stellt ein Sanierungskonzept vor.

7. Juni 2002: Babcock erklärt, dass OEP nun rund 75 Prozent an HDW halte.

9. Juni 2002: Babcock teilt mit, für den Verkauf einer 25-prozentigen Beteiligung an der HDW an OEP rund 350 Millionen Euro erhalten zu haben. Eine Entscheidung über den Verkauf des verbleibenden Anteils von 25 Prozent plus eine Aktie an OEP soll noch im Sommer fallen.

14. Juni 2002: Das Unternehmen beruft entgegen früherer Absichten nun doch für den 14. und 15. August eine außerordentliche Hauptversammlung ein. Konzernchef Lederer legt seine Ämter im Konzern mit sofortiger Wirkung nieder.

21. Juni 2002: Ein Babcock-Sprecher erklärt, für das Unternehmen bestehe nach dem Anteilsverkauf an der Werft HDW keine Gefahr der Insolvenz. Nach Gesprächen mit ihren Kernbanken und einigen Anteilseignern benötige das Unternehmen aber kurzfristig Liquidität in Höhe von rund 200 Millionen Euro zur Fortführung der Geschäfte. Die Aktie von Babcock Borsig bricht daraufhin zeitweilig um mehr als 50 Prozent ein.

25. Juni 2002: Die Arbeitnehmervertreter verzichten auf Löhne in Höhe von rund 50 Millionen Euro und erfüllen damit eine Forderung der Gläubigerbanken. Die zähen Verhandlungen mit den Banken ziehen sich hin.

Insolvenzantrag und Ermittlungen

26. Juni 2002: Der Babcock-Großaktionär Preussag (jetzt Tui AG)  signalisiert seine Hilfe.

27. Juni 2002: Das Duisburger Landgericht bestätigt zwei einstweilige Verfügungen gegen Babcock , die dem Konzern den Verkauf seiner HDW-Beteiligung vorläufig untersagt. Neue finanzielle Risiken werden bekannt.

1. Juli 2002: Die Anzeichen für eine Insolvenz von Babcock verdichten sich. Die Banken einigen sich weiterhin nicht auf Rettungsmaßnahmen.

3. Juli 2002: Bei stundenlangen Verhandlungen unter Beteiligung von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) wird weiter keine Einigung über ein Sanierungskonzept gefunden. Die letzte Frist für eine Lösung wird um 24 Stunden verlängert auf Freitag, 00.00 Uhr.

4. Juli 2002: Eine neue Verhandlungsrunde bringt bis zum Abend zunächst keine Fortschritte. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) schaltet sich ein und trifft am Abend mit Babcock-Betriebsräten zusammen.

5. Juli 2002: Babcock teilt mit, den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens noch am 4. Juli gestellt zu haben. Die Verhandlungen um eine Rettung des Konzerns werden aber fortgesetzt.

6./7. Juli 2002: Das gesamte Wochenende wird weiterverhandelt. Langsam sickert durch, dass vor allem die Commerzbank den Sanierungsplan nicht mittragen möchte.

8. Juli 2002: NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement erklärt die Gespräche für gescheitert: "Wir haben keinen Erfolg gehabt." Die Commerzbank verteidigt ihre Position. "Das Unternehmen ist weder sanierungs- noch kreditwürdig", sagt ein Sprecher der Bank.

9. Juli 2002: Der neue Vorstandsvorsitzende bei Babcock steht fest. Der erfahrene Insolvenzanwalt Horst Piepenburg soll den angeschlagenen Konzern aus der Krise führen.

Die Duisburger Staatsanwaltschaft hat unterdessen nach der Insolvenz des Anlagenbauers erste Vorermittlungen gegen den früheren Vorstandschef Klaus Lederer eingeleitet. "Wir prüfen, ob ein Verfahren eingeleitet wird", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Gisela Gold-Pfuhl. Unter anderem werde geprüft, ob es bei Babcock eine Insolvenzverschleppung gegeben habe.

Das Insolvenzverfahren wird eröffnet

11. Juli 2002: Aktionärsschützer haben Strafanzeige gegen Klaus Lederer, erstattet. Hintergrund sei der von der Hauptversammlung nicht genehmigte Verkauf der Mehrheit an der Kieler Werft HDW, die unmittelbar zur Insolvenz geführt habe, teilt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertbesitz (DSW) in Düsseldorf mit. Die Anzeige stütze sich unter anderem auf die Vorwürfe der Untreue und der vorsätzlichen Insolvenzverschleppung.

1. September 2002: Das Amtsgericht Duisburg eröffnet das Insolvenzverfahren und ordnet nach dem neuen Insolvenzrecht Eigenverwaltung unter Kontrolle von Schmitz an.

1. Oktober 2002: Die Auffanggesellschaft Babcock Borsig Power Systems (BBPS) nimmt mit 2600 Mitarbeitern die Arbeit auf.

5. November 2002: Die italienische FISIA erwirbt als erster Investor fünf Prozent an der BBPS und erhält 60 Prozent an der FISIA Babcock Environment GmbH.

6. Februar 2003: Der japanische Konzern Babcock-Hitachi kauft die Energietechnik-Sparte und erhält 90 Prozent der Anteile an der BBPS.

26. Mai 2003: Die Gläubiger der insolventen Babcock Borsig AG haben bislang Forderungen in einem Gesamtvolumen von 5,5 Milliarden Euro geltend gemacht. Ein Sprecher des Unternehmens sagte dazu, diese Entwicklung sei zu erwarten gewesen. Realistisch sei allerdings, dass ein Forderungsvolumen von nur ein bis zwei Milliarden Euro auch tatsächlich anerkannt werde. Unter anderem hätten einige Gläubiger ihre Ansprüche doppelt geltend gemacht, weil sie nicht sicher gewesen seien, ob die Forderungen gegenüber der AG oder einer der Konzerntöchter gestellt werden müssten.

27. Mai 2003: Die in Insolvenz befindliche Borsig GmbH mit Sitz in Berlin wird vom Management und der Beteiligungsgesellschaft capiton AG übernommen. Dies geht aus der Einladung für eine kurzfristig einberufene Pressekonferenz zur Erläuterung der Sanierung des Unternehmens hervor. Der Aufsichtsrat der capiton AG habe dem Kauf bereits zugestimmt. Borsig beschäftige in Berlin und Gladbeck 263 Mitarbeiter.

6. Juni 2003: Ex-Babcock-Chef Klaus G. Lederer bestätigt eine Selbstanzeige wegen möglicher Steuerhinterziehung. Mit seiner früheren Tätigkeit bei Babcock und der Kieler Werft HDW habe dies aber weder direkt noch indirekt zu tun, ließ Lederer zu entsprechenden Pressemeldungen verlautbaren. Gegenstand der bereits im vergangenen November eingereichten Anzeige sei die Versteuerung von Aufsichtsrats-Vergütungen aus den USA. Grund für die Selbstanzeige sei eine Änderung des Doppelbesteuerungsabkommens mit den USA gewesen.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lederer und weitere ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte des Oberhausener Babcock-Konzerns unter anderem noch wegen möglicher Insolvenzverschleppung und Untreue.

4. Juli 2003: Ein Jahr nach dem Insolvenzantrag steht der Verkauf der Babcock-Servicesparte kurz vor dem Abschluss.

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