Mobilcom France Télécom erhöht den Druck

France Télécom hat den milliardenschweren Partnervertrag mit Büdelsdorf gekündigt. Mobilcom-Chef Schmid schreckt das wenig: Lediglich "eine bessere Position gegenüber den Banken" wollten die Franzosen mit dem Manöver erreichen. Die Kündigung akzeptiert Mobilcom nicht. Die Aktie stürzt trotzdem ab.

Büdelsdorf/Paris - Die France Télécom (FT)  hat ihre Zusammenarbeit mit Mobilcom  überraschend aufgekündigt. Ein Mobilcom-Sprecher hatte noch eine Stunde zuvor erklärt, das sei "rechtlich nicht möglich". Mit der Aktion erhöhte der französische Konzern den Druck auf das Partnerunternehmen immens. Die Trennung soll jetzt offenbar mit der Brechstange durchgesetzt werden. Ob das gelingt, ist unter Experten umstritten.

In einer Adhoc-Meldung erklärte Mobilcom, die seitens der FT erklärte Vertragsauflösung habe "keine Basis". Unter anderem seien in dem Partnerschaftsvertrag verschiedene "Eskalationsstufen" festgeschrieben, die vor einer kompletten Auflösung des Verhältnisses zwingend genutzt werden müssten. Dies sei nicht geschehen, außerdem sei seitens Mobilcom keine Vertragsverletzung erfolgt.

Ein Mobilcom-Sprecher erklärte am Abend, der Aufsichtsrat werde "in Kürze" zusammentreffen. Dabei sollen auch die rechtlichen Aspekte der Vertragskündigung zur Sprache kommen.

France Télécom bittet Banken zum Gespräch

Gleichzeitig heißt es aus Bankenkreisen, dass France Télécom am heutigen Mittwoch einen Conference Call mit den bei Mobilcom involvierten Banken durchführen will. Dabei sollen mögliche neue Konditionen für die Kredite und Beteiligungen an dem Büdelsdorfer Konzern die Hauptthemen sein.

Der TV-Sender n-tv zitiert Gerhard Schmid am Mittwochmorgen zu dem Eklat: "France Télécom will sich mit der Aktion lediglich eine bessere Ausgangsposition gegenüber den Banken verschaffen."

Nach Schmids Interpretation geht es den Franzosen demnach darum, ein Bankenkonsortium zur schnellen Übernahme der Mehrheit der Mobilcom-Aktien zu bewegen. Diese Aktien will France Télécom erst nach fünf Jahren selbst übernehmen, um den Schuldenberg von mehr als 60 Milliarden Euro nicht kurzfristig weiter zu erhöhen.

Ein zweiter Streitpunkt zwischen den Banken und France Télécom könnte die Verlängerung des 4,7-Milliarden-Kredits für die UMTS-Investitionen bei Mobilcom sein. Die Verlängerung dieser Kreditlinie steht zum Monatsende an. Möglich ist, dass France Télécom hier um günstige Konditionen feilscht. Das Druckmittel: Die Herbeiführung einer Insolvenz von Mobilcom.

Mobilcom-Aktie bricht massiv ein

Der Mobilcom-Börsenkurs sackte am Dienstag gegen 17 Uhr auf die Hälfte des Eröffnungskurses: In einer Xetra-Auktion, die bei extremen Kursveränderungen einsetzt, fiel der Kurs binnen Minuten von mehr als neun auf 7,29 Euro. Wenig später wurde die Aktie vom Handel ausgesetzt. In den Handel am Mittwoch startete Mobilcom demgegenüber mit einem Plus von fast zehn Prozent bei 7,90 Euro.

Noch will France Télécom eine Insolvenz verhindern

Den Auslöser des Kurssturzes, die Vertragskündigung, begründete FT mit "Verstößen" von Mobilcom-Chef Schmid und dem Mobilcom-Aufsichtsrat gegen den Partnervertrag.

Mit der einseitigen Kündigung des Abkommens sind nach Ansicht von France Télécom sämtliche Finanzierungsverpflichtungen gegenüber dem ehemaligen Partner erloschen. Entscheidend ist, ob der Partnervertrag vom 23. März 2000 (Corporation Framework Agreement, CFA), tatsächlich nicht mehr rechtsverbindlich ist.

Der Chief Financial Officer (CFO) von France Télécom, Jean-Louis Vincinguerra, sagte, sein Konzern werde Mobilcom noch finanzieren, solange die Gespräche mit den Gläubigerbanken laufen. "Sollte jedoch nicht schnell eine Lösung gefunden werden, so ist klar, dass Mobilcom insolvent wird", schränkte der CFO ein. Man sei aber bereit, mit "begrenzten Mitteln" eine Insolvenz des Büdelsdorfer Unternehmens zu vermeiden.

Was wird aus Schmids Ansprüchen?

Sind Schmids persönliche Ansprüche erloschen?

Nach Meinung von Vinciguerra ist auch eine Put-Option des Vorstandsvorsitzenden Schmid im Gegenwert von mehreren hundert Millionen Euro nach Aufkündigung des Vertrags "nichtig". In der Vereinbarung war Schmid die Option eingeräumt worden, seinen Mobilcom-Anteil von 40 Prozent France Télécom anzudienen.

Der CFO meinte, sollte Mobilcom die Kündigung des französischen Konzerns vor Gericht anzweifeln, so werde die deutsche Gesellschaft mit Sicherheit insolvent sein, bevor eine Entscheidung falle.

Verfahren würde drei bis fünf Jahre dauern

"Ein Gerichtsverfahren würde drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen", sagte Vincinguerra. "Bis dahin wäre Mobilcom längst bankrott." Nach Aussage des CFO hat France Télécom keine Mobilcom-Aktien veräußert. Derartige Gerüchte hatten in Finanzkreisen zirkuliert.

Laut FT hatte Schmid einige Aktiengesetze durch die Verbindung der Mobilcom mit der von Schmids Ehefrau kontrollierten Millenium GmbH gebrochen, hieß es. Außerdem war er einer Forderung des Aufsichtsrats nicht nachgekommen, 68,4 Millionen Euro für das angesprochene Geschäft zurückzuüberweisen. "Unsere Geduld ist damit zu Ende", kommentierte Vincinguerra.

Die Vorwürfe waren bereits auf der Aufsichtsratssitzung von Mobilcom vor wenigen Tagen laut geworden, hatten aber nicht - wie von France Télécom erhofft - zu einer Abwahl Schmids von seinem Vorstandsposten geführt.

Schmid hatte vor dem Bekanntwerden der verheerenden France-Télécom-Meldung gesagt, auf den französischen Partner kämen "gigantische Schadenersatzforderungen" zu, wenn er tatsächlich eine Insolvenz anstreben sollte.

Schmid hatte am Freitag seine von FT geforderte Abwahl vom Chefposten verhindern können, doch damit den Bogen offensichtlich überspannt. Die Zukunft von Mobilcom steht nach wie vor auf Messers Schneide.

Analyst: Unkomfortable Lage für France Télécom

Doch auch France Télécom hat sich durch das Kappen der Verträge nicht automatisch in die Sieger-Posititon versetzt, sagte Analyst Marcus Sander von Sal. Oppenheim gegenüber manager-magazin.de: "Der Konzern ist derzeit in einer ausgesprochen ungünstigen Situation. Wir gehen davon aus, dass Mobilcom juristische Schritte einleiten wird. Der Gerichtstand ist unseres Wissens nach in Deutschland."

Ob France Télécom unter diesen Rahmenbedingungen mit seinem Vorgehen Erfolg haben wird, sei fraglich. France Télécom versuche jetzt, Druck aufzubauen. Grundsätzlich sei diese Strategie nicht ungeschickt. Die Situation zwischen den beiden Unternehmen ähnelte seit Monaten einem Grabenkrieg. "France Télécom versucht, Bewegung in die Sache zu bringen", sagte Sander. Ob Mobilcom bald Insolvenzantrag stellen muss, sei offen.

Der Kurs fährt Achterbahn

Der Kurs fährt Achterbahn

Im Handelsverlauf am Dienstag sank der Aktienkurs zeitweise um mehr als ein Drittel. Dabei begann der stärkste Kurseinbruch gegen 13.30 Uhr, als das WM-Spiel Deutschland-Kamerun startete. "Während das Spiel lief, ging hier gar nichts mehr", sagte ein Händler in Frankfurt.

Nach dem Abpfiff des Länderspiels drehte der Mobilcom-Kurs wieder aufwärts. Nach einem Eröffnungskurs von 13,64 Euro sackte die Aktie bis 15 Uhr auf unter neun Euro, kletterte anschließend in Minutenschnelle elf Prozent empor, um dann abermals einzubrechen. Letzter Kurs vor der Aussetzung des Handels: 7,29 Euro. Selbst für die volatile Mobilcom-Aktie eine haarsträubende Kurs-Achterbahn - und das ohne fundamental neue Entwicklungen. Mal abgesehen von einem Schmid-Interview mit dem "Stern".

"Unwürdiges Verhalten", das Mitarbeiter verunsichere

In einem vorab veröffentlichten Interview mit dem "Stern" sagte Schmid, das Verhalten der France Télécom, die mit 28,5 Prozent an Mobilcom beteiligt ist, sei "eines großen Staatskonzerns nicht würdig". Derweil äußerte sich eine Regierungssprecherin gegenüber manager-magazin.de in Berlin zum Thema: "Wir verfolgen die Vorgänge bei Mobilcom aufmerksam." Details und mögliche Eingriffe in den Zwist zwischen Mobilcom und France Télécom nannte die Sprecherin nicht.

Der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Günter Neugebauer hatte in der vergangenen Woche eine Brief an den Bundeskanzler geschrieben. Gerhard Schröder solle in Dialog mit der französischen Regierung treten und sich für den Fortbestand von Mobilcom sowie eine schnelle Lösung einsetzen, hatte Neugebauer gefordert.

Die France Télécom spiele mit den Ängsten der Mitarbeiter, sagte Schmid. Die Drohung, Mobilcom in die Insolvenz zu treiben, sehe er "als Reaktion auf den gescheiterten Versuch der vergangenen Woche, mich aus dem Unternehmen zu drängen".

"Es geht zu wie früher bei 'Dallas'"

Schmid: "Es geht zu wie früher bei 'Dallas'"

Am Freitag hatte der Aufsichtsrat in einer außerordentlichen Sitzung darüber abgestimmt, ob Schmid entlassen werden sollte. Nach Medienberichten fehlte seinen Gegnern nur eine Stimme. Offenbar war es Schmid fast in letzter Minute gelungen, die Arbeitnehmervertreter auf seine Seite zu ziehen. France Télécom wirft Schmid vor, Aufsichtsrat und Vorstand nicht über ein umstrittenes Aktienoptionsprogramm informiert zu haben, in das die Millennium GmbH einbezogen war, die von Schmids Frau geführt wird.

Schmid war aufgefordert worden, die 68,4 Millionen Euro, mit denen dieses Geschäft finanziert worden war, an Mobilcom zurückzuzahlen. Eine Frist, die bis zum vergangenen Freitag lief, hatte Schmid verstreichen lassen. Auch mit diesem "Fehlverhalten" Schmids begründete FT die Kündigung des Partnervertrags.

Schmid und France Télécom streiten zudem seit Monaten über die Finanzierung eines Netzes für den neuen Mobilfunkstandard UMTS. "Verträge sollen verwässert, uminterpretiert und nicht erfüllt werden. Es geht zu wie früher bei 'Dallas'", sagte Schmid dem Hamburger Magazin.

Agentur meldet, dass France Télécom weiter zahlt

Zugleich geht es um die Frage, ob France Télécom den Aktienanteil von Schmid, der zusammen mit seiner Frau fast die Mehrheit am Unternehmen hält, übernimmt - und zu welchem Preis. Schmid hatte 22 Euro pro Stück für seine Aktien gefordert. France Télécom wird unterstellt, den Preis drücken zu wollen.

Während der Konflikt dies- und jenseits des Rheins eskaliert, hat France Télécom seine finanzielle Unterstützung bei Mobilcom noch nicht eingestellt. Nach den Worten eines Mobilcom-Sprechers überwiesen die Franzosen noch am Montag eine Summe von 30 Millionen Euro für die laufenden Verpflichtungen des Büdelsdorfer Unternehmens.

Warum Finanzchef Grenz nicht Schmids Nachfolger wurde Mobilcom-HV:85,89 Prozent gegen Gerhard Schmid


Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.