Gerling Gerettet?

Die Deutsche Bank stellt sich hinter den Versicherer. Der Konzern wird nicht zerschlagen.

Köln - Der zum Verkauf stehende Versicherungskonzern Gerling soll nach Angaben von Vorstandschef Heinrich Focke nicht zerschlagen werden. Unabhängig von der Suche nach einem neuen Eigentümer suche Gerling nun auch einen kapitalstarken Partner für die Rückversicherung, kündigte Focke am Mittwochabend an.

Bei dieser Partnerschaft wolle Gerling über die unternehmerische Kontrolle verfügen, aber nicht unbedingt über die Kapitalmehrheit. Die geplante Partnerschaft im Rückversicherungsgeschäft solle noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Erst im Anschluss daran könne voraussichtlich die Aktionärsfrage geklärt werden.

Die Partnersuche für den Konzern erfolge ohne Zeitdruck, betonte Focke. Für die Rückversicherung brauche Gerling jedoch einen kapitalkräftigen Partner, um die Wachstumschancen bei anziehenden Prämien nutzen zu können. Die Rückversicherung gehöre aber weiterhin zum Kerngeschäft.

"Gerling wird einer Zerschlagung nicht zustimmen"

"Dr. Gerling wird einer Zerschlagung definitiv nicht zustimmen", sagte Focke bei der Bilanzvorlage in Köln. Darüber herrsche auch Übereinstimmung zwischen der Deutschen Bank, die mit 34,5 Prozent beteiligt ist und Rolf Gerling, der 65,5 Prozent der Anteile hält. Im April hatte Clemens Börsig, Finanzvorstand der Deutschen Bank, noch erklärt, möglicherweise sei der ein oder andere Bereich von Gerling besser bei einem anderen Partner aufgehoben als der Hauptteil. Börsig ist ebenso wie Focke Mitglied eines fünfköpfigen Ausschusses, den die Gerling-Eigner für den Verkauf der Gruppe eingerichtet haben.

Investorenpoker

Der gesuchte Partner könne auch 100 Prozent der Anteile an Gerling übernehmen, da Rolf Gerling sowohl bereit sei, eine Minderheitsposition zu halten als auch sich komplett zurückzuziehen. Focke bezeichnete es als "Idealfall", wenn der Partner für die Rückversicherung auch der neue Aktionär wäre, hielt diese Kombination jedoch für unwahrscheinlich.

Investorenpoker

Für das Rückversicherungsgeschäft gebe es bisher rund zehn Interessenten, sagte Vorstandsmitglied Björn Jansli. Von den Bewerbern sollen vier bis fünf zu einer ausführlichen Unternehmensprüfung (due-diligence-Verfahren) zugelassen werden, die voraussichtlich im Sommer beginne. Ebenfalls in den nächsten Monaten soll eine Liste mit potenziellen strategischen oder Finanzinvestoren für den Konzern erstellt werden, die dann von der Investmentabteilung der Deutschen Bank angesprochen werden.

Nach dem Ergebniseinbruch im vergangenen Jahr strebt Gerling im laufenden Jahr wieder einen deutlichen Gewinn an. Geplant sei, ein höheres Konzernergebnis als im Jahr 2000 zu erzielen, teilte Focke mit. Im vergangenen Jahr verbuchte Gerling wegen Verlusten im Rückversicherungsgeschäft in Höhe von 583 Millionen Euro einen Konzernverlust von 563 Millionen Euro. 2000 hatte Gerling noch einen Gewinn von 169 Millionen Euro ausgewiesen.

Besseres Standing als die Konkurrenz

Die Beitragseinnahmen sollen 2002 auf Vorjahreshöhe liegen. Gerling geht zwar von einem spürbaren Anstieg der Prämien sowohl im Erst- als auch im Rückversicherungsgeschäft aus, allerdings werde bei künftigen Geschäften weiterhin verstärkt auf die Ertragskomponente geachtet. 2001 Jahr stiegen die gebuchten Bruttobeiträge um 9,3 Prozent auf 10,365 Milliarden Euro.

Der Einbruch bei der Rückversicherung sei durch eine Fehlsteuerung der Rückversicherungsgruppe in den vergangenen Jahren sowie durch mehrere Großschäden begründet, sagte Jansli. Den Nettoverlust durch die Anschläge auf das World Trade Center bezifferte er auf 316 Millionen Euro. Hinzu kämen weitere Großschäden, ein zu starkes Wachstum bei nicht risikogerechten Prämien und ein Ergebniseinbruch im US-Geschäft.

Die Ergebnis- und Kapitalbelastung aus dem vergangenen Jahr sei durch zwei Kapitalerhöhungen von insgesamt 708 Millionen Euro sowie einen Zuschuss in Höhe von 102 Millionen Euro von Mehrheitsaktionär Rolf Gerling kompensiert und die Reserven aufgefüllt worden, betonte Focke. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet er im Erstversicherungsgeschäft eine zweistellige Eigenkapitalverzinsung und ein positives Ergebnis in der Rückversicherung. Im Industriegeschäft stehe Gerling durch die frühzeitig eingeleitete Sanierung besser da als die Konkurrenz.