Pharmaindustrie Gesetz mit Sollbruchstelle

Ab Juli tritt die Aut-idem-Regelung in Kraft. Die Branche fürchtet Umsatzeinbußen. Experten streiten.
Von Brigitte Lausberg

Hamburg – Die Neuregelungen beim Verkauf von patentfreien Medikamenten sorgen in der Pharmabrache für Unruhe. Mit dem Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz will die Bundesregierung die entsprechenden Ausgaben der Krankenkassen um hunderte Millionen Euro senken.

Nun streiten Experten über die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Pharmabranche. Die in Kürze in Kraft tretende Aut-Idem-Regelung könnte die Preise für patenfreie Medikamente ab diesem Sommer kräftig unter Druck setzten.

Aut-idem-Regelung wird zum Druckmittel

Die Aut-idem-Regelung (lat.: oder das Gleiche) erlaubt Apothekern, statt den vom Arzt verschriebenen meist teuren Medikamenten preiswertere Präparate mit dem gleichen Wirkstoff zu verkaufen.

Die Ausnahme: Fällt das verschriebene Produkt in das preiswerteste Drittel der Medikamentengruppe mit dem gewünschten Wirkstoff, muss der Apotheker das verschriebene Präparat verkaufen.

"Preisspirale mit verheerenden Folgen"

Durch die Neuregelung steigt der Druck auf die Pharmaindustrie, die Preise für ihre patentfreien Medikamente in dem Maße zu senken, dass sie im unteren Preisdrittel liegen. "Das gilt jedoch nur für Unternehmen, deren Produktanteil an patentfreien Medikamenten entsprechend hoch ist", sagte Anke Peters, Analystin der Vereins- und Westbank, gegenüber manager-magazin.de.

Kleinen Generikaanbietern dürfte die Aut-idem-Regelung zusetzten. "Diese Regelung setzt eine Preisspirale mit verheerenden Folgen in Bewegung", sagte Ursula-Anne Ochel, Sprecherin des Deutschen Generikaverbandes gegenüber manager-magazin.de.

Das untere Preisdrittel wird laut Gesetzt alle drei Monate neu definiert. "Um nach der neuen Regelung auf dem Markt für Generika wettbewerbfähig zu bleiben, müssten die Pharmakonzerne so weit senken, dass sie im unteren Preisdrittel liegen", sagt Ochel. "Doch wenn alle Anbieter dies tun, verschiebt sich das preiswertere Drittel immer weiter nach unten. Diesem Preisdruck dürften einige Unternehmen nicht standhalten", so Ochel. Eine neue Konsolidierungswelle könnte die Folge sein.

"Keine nennenswerten Auswirkungen"

Anders sieht es dagegen ein Pharmanalyst der Deutschen Bank. Er rechnet mit "keinen nennenswerten Auswirkungen" auf die Branche. Zurzeit gebe es genug Wege, um das Gesetz zu umgehen. "Wir rechnen erst mit Auswirkungen, wenn das Gesetz nachgebessert worden ist", sagte der Experte gegenüber manager-magazin.de.

Zudem scheint die Zahl der Präparate, auf die das neue Gesetz anzuwenden ist, sehr beschränkt. Der Bundesverband der Ärzte und Krankenkassen hat bisher erst rund 170 Medikamente genannt, auf die die Regelung anwendbar ist. "Die Medikamenten müssen in der gleichen Form und der gleichen Menge verabreicht werden können", sagte die Sprecherin des Deutschen Generikaverbandes. Soll ein Patient zum Beispiel nur eine halbe Tablette schlucken, müsste das Substitutionspräparat auch über eine Sollbruchstelle verfügen. Industrie und Verbände zeigen sich kritisch gegenüber den Plänen der Regierung.

Nicht strategisch – aber finanziell wichtig

Strategisch hat die Neuregelung für die Pharmaindustrie wenig Bedeutung. Doch das Geschäft mit den Generika bringt Geld. Im vergangenen Jahr entfielen laut Schätzungen des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller (Vfa) 7,6 Milliarden Euro des Gesamtumsatzes von 18 Milliarden Euro auf dem deutschen Pharmamarkt auf Generika.

Rund ein Drittel des Umsatzes entfalle hierbei auf die Originalhersteller der Generika, sagte Andreas Jäckel, Leiter des Bereichs Gesundheitspolitik beim Deutschen Generikaverband. Der Preisunterschied zwischen dem Originalmedikamenten und substituierbaren Medikamenten liege zwischen 10 bis 60 Prozent.

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