Siemens Kehrtwende

Der Konzern räumt auf und verkauft die Internettochter Unisphere für 740 Millionen Dollar.

München - Der Siemens -Konzern räumt bei seinem Sorgenkind ICN weiter auf. Die angeschlagene Netzwerksparte verkauft ihre Internettochter Unisphere an den US-Konzern Juniper Networks, sagte ICN-Chef Thomas Ganswindt am Montag.

Für den Verkauf der Tochter erhält der Siemens-Konzern 375 Millionen Dollar in bar und eine rund zehnprozentige Beteiligung an Juniper Networks. Insgesamt bezifferte der Konzern das Volumen auf etwa 740 Millionen Dollar. Im Gegenzug gibt Siemens die Herstellung von Internet-Vermittlungsanlagen ab, den so genannten Routern. Wenn die US-Wettbewerbsbehörden und andere Gremien zustimmen, soll die Übernahme im dritten Quartal abgeschlossen werden.

Netzwerksparte von Telekomkrise hart getroffen

Die Krise bei den Telekommunikations-Betreibern hat auch ICN schwer erwischt. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2001/02 (30. September) erzielte der Bereich einen operativen Verlust von 158 Millionen Euro, im Quartal zuvor betrug das Minus 124 Millionen Euro. Ganswindt, der die Leitung des Bereichs im Herbst 2001 übernommen hatte, kündigte die Streichung von insgesamt 16.500 Arbeitsplätzen und die Konzentration auf profitable Bereiche an. Mit der Trennung von Unisphere und der strategischen Allianz mit Juniper vollzog er nun den nächsten radikalen Schnitt.

Vorzeigeprojekt jetzt eingestamppft

Unisphere galt als Vorzeigeprojekt bei Siemens. Um sich Zugang in den Zukunftsmarkt zu verschaffen, hatte der Konzern im Rahmen einer "Perlenketten"-Strategie drei kleinere US-Firmen gekauft und zu Unisphere zusammengeschlossen. Diese sollte mit einer Bewertung von etwa 2,2 Milliarden Dollar an die US-Börse gebracht werden. Auf diesem Weg wollte sich Siemens eine Währung für weitere Akquisitionen im Internetbereich schaffen und die Mitarbeiter am Erfolg beteiligen. Doch der Einbruch an den weltweiten Telekommunikationsmärkten machte die Pläne zunichte.

Die Siemens-Strategie war unter Experten nicht unstrittig. Der Konzern sei relativ spät in den Router-Bereich eingestiegen, und habe dann zu wenig Geld in die Hand genommen, um eine dominierende Rolle spielen zu können, meinten einige. Zumindest ersparte sich Siemens mit der zurückhaltenden Einkaufspolitik aber milliardenschwere Abschreibungen, die jetzt die Ergebnisse vieler US-Konzerne belasteten.

"Man kann nicht alles selber machen"

Dennoch ergab sich Handlungsbedarf. "Man kann nicht alles selber machen", sagte Ganswindt und setzt voll auf Focussierung. Die Siemens-Stärken sieht er vor allem bei der internetbasierten Konvergenz, also der Verschmelzung von Sprach- und Datentechnik. Mit Hilfe der Vereinbarung mit Juniper gebe Siemens zudem zwar die Router-Produktion aus der Hand, verabschiedet sich aber nicht aus dem Geschäft. Vielmehr wird Siemens künftig Juniper-Produkte beziehen und sich als Systemlieferant mit Komplettlösungen an die Telekommunikationsbetreiber wenden.

Auch wenn ein nächster Schritt getan ist, gilt die Sanierung von ICN nach wie vor konzernintern als extrem schwierige Aufgabe. "Die Restrukturierung kommt gut voran", sagte Ganswindt. Der Bereich spare erheblich Kosten ein. Auf der Nachfrageseite gebe es dagegen bei den Telekommunikationsbetreibern noch keinen Silberstreif am Horizont.

Sollte Ganswindt die Umstrukturierung gelingen, gilt er als einer der ersten Kandidaten für die Nachfolge von Siemens-Chef Heinrich von Pierer.

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