Aventis Grenzkonflikte

Dem Pharmamulti machen nationales Proporzdenken und Postengeschacher zu schaffen. Nun stört zusätzlich ein Todesfall die Machtbalance. Der deutsche Teil gerät ins Hintertreffen.
Von Heide Neukirchen

Horst Waesche

galt im Aventis-Konzern als unersetzlich. Der Mann, der am liebsten in diesem Jahr in Pension gegangen wäre, sollte am 14. Mai stellvertretender Vorstandschef des sechstgrößten Pharmaunternehmens der Welt werden.

Nur auf diese Weise wäre die Machtbalance zwischen Deutschen und Franzosen im Konzern gewahrt worden - das meinten jedenfalls die Strategen des Firmenbundes, der Ende 1999 aus der deutschen Hoechst AG und der französischen Rhône-Poulenc SA entstanden war.

Nun muss es doch ohne Waesche gehen. Eine Woche nachdem die Neuordnung der Aventis-Spitze bekannt gegeben worden war, starb der altgediente Hoechst-Manager im Alter von 62 Jahren. Er war zu einer Routineuntersuchung bei einem Kardiologen und erlitt in der Praxis einen Herzinfarkt.

Die Berufung Waesches war Teil eines fein austarierten Personalrevirements. Dem Vorstand vorsitzen soll nach dieser Planung künftig der Franzose Igor Landau (57) als Nachfolger von Jürgen Dormann (62). Der frühere Hoechst-Chef will ebenso wie sein Vize Jean-René Fourtou (62) in den Aufsichtsrat wechseln.

Weil Landau Franzose ist und als autoritär gilt, war ein Deutscher als ausgleichender zweiter Mann gesucht worden - eben ein Manager wie Waesche, der als uneitel und sach-bezogen galt. Einen vergleichbaren Kandidaten glaubte Dormann nicht zu finden. Deshalb bat er Waesche inständig, seinen Ruhestand zu verschieben. Der sagte schließlich zu.

Nun muss Dormann mit der Suche von vorn beginnen. Oder bleibt er länger Aventis-Chef, verschiebt den Wechsel in den Aufsichtsrat?

Die Besetzung der Konzerngremien stellt ein Politikum ersten Ranges dar - gerade derzeit. Die schönen ersten Jahre des grenzüberschreitenden Zusammenschlusses sind wohl vorbei. Der anfangs - auch von manager magazin - als nahezu perfekt gefeierte Firmenbund bekommt zunehmend Probleme mit nationalem Proporzdenken und Postengeschacher.

Nichts Neues: Wo immer französische und deutsche Manager zusammenarbeiten, machen sie einander das Leben schwer. Wieso sollte das bei Aventis, dem "europäischen Powerhouse" (Landau), anders sein?

Besonders emsig werden die Machtspielchen betrieben, wenn eine Umorganisation ansteht - so wie bei Aventis. Der Konzern ist inzwischen eine reine Pharmafirma. Die kartellrechtliche Genehmigung für den Verkauf der letzten pharmafremden Bereiche wird in Kürze erwartet.

Höchste Zeit, die juristische Struktur den Verhältnissen anzupassen. Drei Gesellschaften, eine Aventis Pharma AG, eine Aventis Holding und die Hoechst AG - das sind zu viele Organisationen für nur ein Kerngeschäft. Welche Gesellschaft verschwinden soll, müssen Juristen und Steuerexperten klären. Das kann dauern (siehe auch "Warum es Hoechst noch gibt").

Falscher Pass

So lange wollten die Aventis-Lenker nicht mit Personalverschiebungen warten. Vor allem Dormanns Vize Fourtou drängte auf Veränderung. Der in Frankreich hoch angesehene frühere CEO von Rhône-Poulenc will 2003 Präsident der Internationalen Handelskammer werden. Der Pariser Posten ist mit einem Vorstandsjob schlecht zu vereinbaren.

Der Rückzug Fourtous bedeutete auch das Aus für das eingespielte Duo Fourtou/Dormann. Dem gleichaltrigen Dormann schien es wenig attraktiv, mit einem anderen Franzosen im Executive Board weiterzumachen.

Hinzu kam Dormanns Langfristplanung. Wenn er jetzt nicht den Chefposten im Aufsichtsrat besetzt hätte, wäre der womöglich an Fourtou gefallen - und für Dormann nicht mehr erreichbar gewesen.

Überdies führt der Deutsche seit Dezember 2001 den Verwaltungsrat der ABB - angesichts der Probleme des Elektrokonzerns ein Job, der einigen Einsatz erfordert. Dormann erwog, sich bei Aventis ganz zurückzuziehen, entschied sich dann aber für den Einzug in das Kontrollgremium.

Doch wer sollte nach dem Rückzug der beiden Väter der Fusion neuer Aventis-Chef werden? Fourtou weigerte sich, einen anderen Kandidaten als Igor Landau in Erwägung zu ziehen. Nicht nur, weil Landau die künftig einzige Sparte, das Pharmageschäft, betreut. Auch nicht nur, weil er zu den langjährigen Mitstreitern Fourtous zählt. Sondern vor allem, weil Landau Franzose ist.

Dormann machte Vorbehalte gegen den früheren McKinsey-Berater geltend. Landau gilt zwar als tüchtig, denkt aber zentralistisch, macht- und elitebewusst, ist laut und dominant - keinesfalls eine Integrationsfigur.

Dormanns Favorit für den Chefposten war der pragmatische und nüchterne Richard J. Markham (51). Der Amerikaner ist seit Dezember 1999 Chief Executive Officer der Aventis Pharma in Frankfurt.

Dormann kam gegen das Doppel Fourtou/Landau nicht an. Die Gallier ließen durchblicken, die Besetzung des Chefpostens mit einem Amerikaner würde womöglich die Regierung in Paris verärgern. Und die könnte sich querlegen, wenn es um Rationalisierungen in Frankreich gehe.

Die Grande Nation bekommt, was sie von einem Unternehmen mit Sitz in Straßburg erwartet: Igor Landau wird Aventis-Chef. Eine herbe Niederlage für Dormann. Immerhin wird sein Kandidat Markham Chief Operating Officer und zieht in den erweiterten Holdingvorstand ein.

Unterschiedlichere Managertypen als Landau und Markham kann es kaum geben. Ein Arrangement wie eine Dynamitladung. Waesche sollte Landau in Schach halten oder bei Auseinandersetzungen zwischen Landau und Markham vermitteln.

Die Zahl der Aufsichtsratsmitglieder steigt nach dem Revirement von 16 auf 18. Kein Kontrolleur will zu Gunsten von Fourtou oder Dormann sein Mandat abgeben. Ein Verzicht wäre auch nicht willkommen. Der Proporz zwischen Deutschen und Franzosen und zwischen Kapital- und Arbeitnehmervertretern ist im Aufsichtsrat sorgfältig austariert.

Gleichgewicht ist auch im Vorstand gefragt. Nun ohne Horst Waesche.

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