Linde/BMW Reitzles Wasserstoff-Fantasie

In der Autobranche ist das Netzwerk des designierten Linde-Chefs Wolfgang Reitzle Gold wert. Das könnte sich bezahlt machen, wenn der Konzern sein Engagement bei Wasserstoff-Motoren ausbaut. Vieles spricht dafür, dass Reitzle diese Vision bei Linde verwirklichen will.
Von Christian Buchholz

Wiesbaden - Was wird Auto-Experte Wolfgang Reitzle bei der Linde AG  verändern? Eine der schillerndsten Figuren der Automobil-Szene wird Vorstandschef der "Grauen Maus" im Dax, die Gabelstapler, Gase und Kühlmöbel herstellt. Wächst hier zusammen, was zusammengehört? In den ersten Interviews des ehemaligen Vizes bei BMW  nach Bekanntgabe seiner Berufung lässt der 53-Jährige die Katze im Sack.

Er freue sich, jetzt "mehr Zeit für Frau und Töchter" zu haben. Außerdem gefalle es ihm, "die Gesamtverantwortung bei einem Dax-30-Konzern" zu übernehmen und nicht mehr unter einem Vorstandschef agieren zu müssen. Schließlich, so Reitzle in der "Bild-Zeitung", "braucht Linde Phantasie und eine Vision für die Zukunft".

Der Name der neuen Sparte wird geheim gehalten

Welche Vision bringt der Autoexperte mit zum weltweiten Marktführer bei Lager- und Gabelstaplern, der Nummer vier bei Industriegasen und der Nummer zwei bei gewerblichen Kühlmöbeln? Möglicherweise ist Reitzle nur unter der Bedingung von Ford  zu Linde gewechselt, dass das Unternehmen sich stark verändert. "Reitzle wird ein neues Geschäftsfeld aufbauen", verkündet Linde-Aufsichtsratschef Hans Meinhardt.

"Leiser als alle Mitbewerber" (Werksangabe): Der neue Linde-Stapler 39x mit oben liegendem Neigezylinder

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Nur als Zusatzmotor fürs Bordnetz konstruiert: Solid Oxide Fuel Cell (SOFC), die BMW mit Renault und Delphi entwickelt

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Foto: BMW AG
Platz im Heck: Der Wasserstoff-Verwerter im BMW 750 hl

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Foto: BMW AG
80.000 Kilometer ohne Mucken: 750er BMW bei der Zieleinfahrt der Clean Energy World Tour

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Foto: BMW AG
Unscheinbares Hightech-Werk: Linde-Wasserstofftank mit Tieftemperatur-Kolbenpumpe und nachgeschaltetem Verdampfer zur Fahrzeug-Betankung

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Foto: BMW AG
Strom aus chemischer Reaktion: Funktionsweise einer Brennstoffzelle

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Foto: BMW AG


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Der ehemalige BMW-Vize Reitzle scheint prädestiniert, die Sparte "Wasserstoff-Motorenbau" bei Linde einzuführen. "Linde ist kein Motorenentwickler, wir haben allerdings starkes Know-how bezüglich des Transports und der Tank-Befüllung mit Wasserstoff", schildert Sprecher Klaus Schönfeld den Status quo bei Linde gegenüber manager-magazin.de.

Die Meinung der Analysten

Flüssiger Wasserstoff muss konstant auf mindestens minus 253 Grad Celsius gekühlt werden - diese Bedingung sicher und ökonomisch zu erfüllen, ist eine hohe technische Herausforderung. Linde hält als einer der weltweit größten - und ältesten - Wasserstoff-Anbieter hier einen Technik-Vorsprung.

"Wir haben uns auf diesem Feld bereits einige Patente gesichert - und sind gerade dabei, weitere zu erhalten", sagt Sprecher Schönfeld. Die Entwicklung von Motoren, die mit Wasserstoff betrieben werden oder mit Brennstoffzellen-Technik arbeiten, werde dagegen schon seit langem von den Autoherstellern selbst oder Unternehmen wie Ballard Power  oder Fuel Cell  betrieben.

Wenn Linde also aus eigener Kraft zu spät käme für die Entwicklung eines eigenen Brennstoffzellen-Motors, müssten die Wiesbadener auf Einkaufstour gehen und einen Motorenentwickler kaufen. "Pure Spekulation", so der Kommentar von Linde zu dem Szenario. Die Einführung einer eigenen Motorsparte "wäre schon eine positive Entwicklung", urteilt dagegen Analyst Thorsten Strauß von der Nord LB.

Enge Beziehungen zwischen Linde und BMW

Gegen die Brennstoffzellen-Variante spricht, dass die Motoren extrem teuer sind - und absehbar auch bleiben werden. So kostet ein Brennstoffzellen-Antrieb, zu dem immer ein Elektromotor gehört, mit 70 PS heute etwa 100.000 Mark. Ein Wasserstoff-Motor dagegen ist in etwa zu denselben Kosten zu produzieren wie ein Diesel-Aggregat und schlägt mit weniger als einem Zehntel der Summe zu Buche.

Während DaimlerChrysler , General Motors , Ford, VW , Toyota , Fiat , PSA  und Renault  an der Brennstoffzelle forschen, beschränkt sich BMW angesichts des Kostenarguments weitgehend auf die Wasserstoff-Variante. Auch auf diesem Feld gibt es allerdings weiterhin Entwicklungsbedarf.

Die Andeutungen des BMW-Chefentwicklers

Fakt ist, dass der Linde-Konzern bereits gemeinsam mit BMW an der Entwicklung von Wasserstofftechnik arbeitet. Im vergangenen Jahr richteten BMW, Linde und BP außerdem die Clean Energy World Tour aus: 15 Fahrzeuge der BMW-7er-Reihe mit Wasserstoff-Antrieb machten Station in Dubai, Brüssel, Mailand, Tokio und Los Angeles, wo BMW-Vorstand Joachim Milberg Autos und Konzept vor Politikern und Wirtschaftslenkern erläuterte. Die mobile Tankstelle, welche die Welttour begleitete, stammte von der Linde AG - dem weltweiten Marktführer als Wasserstoff-Lieferant.

Einen Hinweis darauf, dass die Zusammenarbeit zwischen BMW und Linde künftig noch intensiviert werden könnte, lieferte BMW-Entwicklungsvorstand Burkhard Göschel am Ende der Clean Energy Tour bereits im vergangenen November in Berlin: Es gelte nun, den Wasserstoffantrieb zusammen mit den Zulieferunternehmen zu industrialisieren, sagte Göschel im Beisein von Kanzler Gerhard Schröder.

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Foto: BMW AG
Strom aus chemischer Reaktion: Funktionsweise einer Brennstoffzelle

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Foto: BMW AG


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Dabei dürften die Linde AG und ihr neuer Vorstandslenker Reitzle eine wichtige Rolle spielen. Sollte der Golf-Freak und Aston-Martin-Fahrer bei seinem offiziellen Amtsantritt am 10. Mai eine neue Sparte "Motoren und alternative Energien" ankündigen, könnte das auch der Linde-Aktie einen passablen Vorwärtsschub geben.

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