VW Goldgräberstimmung

Kleiner Wagen im großen China. Der Polo fährt den Mitstreitern schon mal voraus.

Peking/Shanghai/Frankfurt/Main - Kleines Auto für ein riesiges Reich: Der Verkaufsstart des neuen VW-Polo Anfang der Woche in China dürfte nach Einschätzung von Branchenexperten nicht nur dem Wolfsburger VW-Konzern ins Konzept passen. Vom Erfolg des Kleinwagens im Reich der Mitte erhofft sich die Branche einen kräftigen Wachstumsschub in ganz Asien.

Zwar ist der Markt für Pkw in China mit derzeit rund fünf Millionen Fahrzeugen - davon nur etwa 740.000 aus heimischer Produktion - verglichen mit anderen Regionen der Welt noch klein. Doch seit der Aufnahme des bevölkerungsreichsten Landes der Erde in die Welthandelsorganisation (WTO) im Dezember verbunden mit langsam sinkenden Importzöllen herrscht in der Branche fast so etwas wie eine Goldgräberstimmung.

Verschärfter Wettbewerb

Der chinesischen Markt - auf dem die Konzerne 2001 rund 770.000 Neuwagen verkaufen konnten - wird es langsam eng. Mittlerweile tobt im Reich der Mitte ein Preiskrieg. Die Neuwagenpreise in China sind nach Angaben des Forschungsinstituts Automotive Resources Asia seit dem WTO-Beitritt um bis zu 15 Prozent gefallen.

Mit der Einführung des neuen Polo verschärft Volkswagen  - mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent unangefochtener Branchenprimus in China - nun erneut den Wettbewerb. Und das, obwohl die Wolfsburger den Polo mit umgerechnet zwischen 18.000 und 20.500 Euro preislich am oberen Ende der Kompaktklasse positioniert haben.

Ehrgeiziges Ziel

Trotzdem haben chinesische Käufer laut VW bereits 7000 Polos bestellt. Das ehrgeizige Ziel, noch in diesem Jahr 30.000 zu verkaufen, erscheint daher realistisch. Branchenkenner sagen dem Kleinwagen in den kommenden Jahren in China sogar jährliche Verkaufszahlen von "50.000 und mehr" voraus.

Doch die Luft für VW wird dünner: Nach Einschätzung von Experten dürfte es dem Konzern in den kommenden Jahren auch bei einem Erfolg des Polo immer schwerer fallen, den Vorsprung zu halten. Kürzlich hat Fiat  den in Brasilien gebauten Kleinwagen Palio nach China gebracht - zu einem deutlich niedrigeren Preis als die Konkurrenz. US-Autoriese General Motors  verkauft bereits seit Mai 2001 mit dem Sail ein Auto für die chinesische Kleinfamilie. Toyota und Ford  werden noch in diesem Jahr mit eigenen Modellen nachziehen.

Dem Polo auf den Fersen

Ungeachtet wachsender Konkurrenz wollen die Strategen in der Wolfsburger Konzernzentrale bei einem erfolgreichen Start des Polo in China noch einen Gang höher schalten. "Wir denken über weitere Produkte nach", sagt VW-Vertriebschef Robert Büchelhofer. Bereits heute verkaufen die Wolfsburger erfolgreich die Limousinen Bora und Passat. Und seit drei Jahren gehört der Audi A6 der Ingolstädter VW-Tochter Audi zu den beliebtesten Luxusgefährten bei Behörden und der Regierung.

Mit dem Polo nimmt VW dagegen vor allem zahlungskräftige Privatkunden ins Visier. "Nennenswerte Verkaufszahlen wird es nur an der reichen Ostküste und in den Großstädten Peking, Shanghai und Hongkong geben", ist sich Autoexperte Patrick Juchemich vom Bankhaus Sal. Oppenheim sicher.

Neue reiche Mittelschicht

In den Szenarien der Autokonzerne nimmt nach den Erfahrungen von Marc-Rene Tonn von der Vereins- und Westbank eine "neue reiche Mittelschicht in den Städten" immer breiteren Raum ein. "Diese Leute können und wollen sich den Luxus leisten, einen für ihre Verhältnisse teuren Kleinwagen zu fahren. In China ist der Polo ganz im Gegensatz zu Deutschland ein Premiumprodukt."

Deshalb rechnet die überwiegende Mehrheit der Experten damit, dass immer mehr Chinesen bereit sein werden, immer tiefer für ein Auto in die Tasche zu greifen. Darauf hofft auch DaimlerChrysler  und sieht in China einem "hochinteressanten Markt".

Gleichfalls guter Dinge ist BMW -Vertriebschef Michael Ganal, wenn gleich für ihn eine Einführung des neuen Mini in China zusätzlich zu den Nobelkarossen der 5er- und 7er-Reihe derzeit noch nicht in Frage kommt: "Bei respektabler Nachfrage werden wir den Mini aber auch dorthin bringen. In Peking oder Hongkong gibt es schon heute einen ordentlichen Markt."

Andreas Framke, dpa-afx