Japan "Wir fallen noch tiefer"

Mag die Konjunktur in Deutschland und in den USA stocken - in Japan sieht es richtig schlimm aus. Kenichi Ohmae, Erfolgsautor und ehemals McKinsey-Berater, sieht sein Land im Abwärtssog versinken.

mm:

Die Krise in Japan spitzt sich zu, Experten ziehen bereits Parallelen zur großen Depression von 1929. Wie schlimm steht es tatsächlich um das Land?

Ohmae: Die Leute zeichnen Horrorszenarien. Wir befinden uns nicht im freien Fall. Was wir erleben, ist ein schleichender Niedergang - und das seit mehr als zehn Jahren.

mm: Kein Umschwung in Sicht?

Ohmae: Nein. Wir werden noch weiter absteigen, vielleicht solange ich lebe. Und ich sage Ihnen auch, warum: Niemand tut etwas, um aus der Misere herauszukommen.

mm: Ministerpräsident Junichiro Koizumi hat einen tief greifenden Strukturwandel angekündigt.

Ohmae: Hören Sie mir bloß mit Koizumi auf. Das ist der größte Schauspieler der Welt. Koizumi redet den Leuten nach dem Mund. Seit 30 Jahren gehört er der LDP an ...

mm: ... der Partei, die Japan seit 1955 mit einer kurzen Unterbrechung regiert ...

Ohmae: ... und seit 20 Jahren faselt Koizumi von Reformen. Was hat er in dieser Zeit getan? Gar nichts. Koizumi gibt vor, er würde gegen die Konservativen kämpfen. In Wahrheit ist er selbst ein Konservativer. Ein amerikanischer Professor hat eine passende Bezeichnung gefunden, er nannte Koizumi "Mister Nato".

mm: Was soll das heißen?

Ohmae: No action, talk only.

mm: Immerhin will Ministerpräsident Koizumi die Staatsverschuldung begrenzen und viele der hoch defizitären öffentlichen Gesellschaften privatisieren.

Ohmae: Das ist Geschwätz. Der Mann weiß nicht, wovon er redet. Zum Beispiel will Koizumi die Post privatisieren. Das ist schon deshalb unmöglich, weil zu diesem riesigen Unternehmen die Postbank gehört. Die Sparer haben dort 372 Billionen Yen eingezahlt ...

mm: ... ungefähr 3100 Milliarden Euro ...

Ohmae: ... und das ganze Geld wurde für Flughäfen, Brücken oder Industrieparks ausgegeben. Diese Projekte sind so lausig, dass Rating-Agenturen wie Moody's eine privatisierte Postbank auf dem untersten Rang der Kreditwürdigkeit einstufen würden. Die Folge wäre, dass die Bank 75 Prozent der Spareinlagen absichern müsste. Kein privates Unternehmen kann so viel Kapital aufbringen. Das meine ich, wenn ich sage, Koizumi hat nicht durchdacht, was Privatisierung bedeutet.

"Alles ist auf Pump gebaut"

mm: Die Regierung könnte die Reserven der Bank auffüllen.

Ohmae: Das hat Koizumi vor. Diese Kriminellen in der Regierung haben den Schuldenberg aufgehäuft, und wir Steuerzahler sollen ihn abtragen.

mm: Schon heute liegt die staatliche Schuldenrate pro Kopf der Bevölkerung so hoch wie in Italien.

Ohmae: Falsch. Kürzlich wurde aufgedeckt, dass öffentliche Unternehmen wie die Post oder die Autobahnbauer Verbindlichkeiten von mehr als 4500 Milliarden Euro haben. Zusammen mit den Staatsanleihen kommen wir auf eine Pro-Kopf-Verschuldung, die doppelt so hoch ist wie die in Italien. Kein anderes Land der Welt weist eine so gigantische Schuldenrate auf wie Japan.

mm: Bis vor zehn Jahren erwirtschaftete der Staat Überschüsse. Wie konnten sich die Verhältnisse so radikal ändern?

Ohmae: Seit unsere Wirtschaft zu Beginn der 90er Jahre in die Krise sackte, hat unsere Regierung versucht, sich bei jedermann beliebt zu machen - und das geht am besten mit Geldgeschenken, mit Steuersenkungen und Konjunkturpaketen.

mm: Ökonomen behaupten, ohne Konjunkturspritzen wäre die Wirtschaft längst zusammengebrochen.

Ohmae: Natürlich wäre es zu schmerzhaften Einschnitten gekommen. Aber genau die hätten die Wirtschaft von Wucherungen befreit. Die Ideen von Keynes, die zur Rechtfertigung der hohen Staatsausgaben herhalten müssen, bewirken exakt das Gegenteil. Sie lassen die alten Strukturen weiter bestehen und richten nur Schaden an.

mm: Von welchen Schäden sprechen Sie?

Ohmae: Fahren Sie mal übers Land und schauen Sie sich an, was uns die Infrastrukturprogramme beschert haben: überall Autobahnen, begradigte Küsten, aufgestaute Flüsse. Wir zerstören die Natur mit teuren Projekten, die kaum Nutzen bringen. Und wer übernimmt die Kosten?

mm: Die Steuerzahler vermutlich.

Ohmae: Aber nicht die von heute - es ist ja alles auf Pump gebaut -, sondern die von morgen. Es ist unverantwortlich, der nächsten Generation solche Schulden zu hinterlassen. Die heute 20-Jährigen werden ohnehin Schwierigkeiten bekommen, weil unsere Bevölkerung schrumpft und schneller altert als sonstwo in der Welt. 2020 ist ein Viertel der Japaner über 65. Dann muss jede dreiköpfige Familie einen Rentner ernähren.

"Tokios Verwöhnprogramm ein Narkotikum"

mm: Warum begehren die Menschen nicht auf?

Ohmae: Das liegt nicht zuletzt am Verwöhnprogramm der Regierung. Die Steuersenkungen und Konjunkturprogramme wirken auf die Menschen wie ein Narkotikum. Die Regierung verpulvert das Geld unserer Kinder - und die Menschen wähnen sich in Sicherheit.

mm: Nicht alle. Immer mehr Obdachlose hausen unter Zelten und Pappverschlägen in U-Bahnhöfen und an Flussufern.

Ohmae: Keine Angst, hier hungert keiner. Sie sehen doch, dass sich in Tokio ein Baukran an den anderen reiht. Oder denken Sie an die jungen Frauen, die zum Einkaufen nach Europa fliegen. Uns geht es gut. Japan ist mittlerweile einer der größte Importeure italienischen Weins. Nie zuvor hat Ferrari hier so viele Autos verkauft wie im vergangenen Jahr.

mm: Das heißt doch nur, dass die Polarisierung der Gesellschaft wächst.

Ohmae: Kein Land der Erde ist - gemessen an den Ersparnissen der privaten Haushalte - reicher als Japan. Insofern ist diese Nation kerngesund.

mm: Wie lange noch?

Ohmae: Ist es eine Katastrophe, wenn die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt negative Wachstumsraten von 2 Prozent aufweist? In den 70er und 80er Jahren litten wir unter der Inflation, die Deflation ist jetzt ein Muss. Endlich sinken die Preise auf ein normales Niveau.

mm: Na wunderbar. Und wie kommt das Land mit der zunehmenden Unterbeschäftigung zurecht? Die Arbeitslosigkeit liegt bei 5,4 Prozent - ein Nachkriegsrekord.

Ohmae: Das ist nur die offizielle Zahl. In Wahrheit haben wir fast doppelt so viele Arbeitslose. Die Regierung manipuliert die Statistik.

mm: Wie hoch ist die Unterbeschäftigung tatsächlich?

Ohmae: Etwa 10 Prozent. Ich schätze, dass sie auf mindestens 13 Prozent steigt. Aber selbst dann wird das Land nicht im Chaos versinken. Bei uns sorgt die Familie traditionell für drei Generationen, die füttert auch arbeitslose Angehörige durch.

"Der Nikkei-Index wird weiter sinken"

mm: Ihr Optimismus ist verblüffend.

Ohmae: Man darf die Dinge nicht schwarz-weiß sehen. Viele der einst starken Industriezweige werden sterben, noch mehr Banken, Bauunternehmen und Einzelhändler werden zusammenbrechen. Aber es entstehen auch neue Geschäftsmöglichkeiten. Ich betreibe zum Beispiel eine Schule für Entrepreneure, die boomt. Outsourcing-Firmen haben Hochkonjunktur, ebenso Outplacement-Agenturen, die arbeitslose Manager betreuen.

mm: Würden Sie empfehlen, jetzt japanische Aktien zu kaufen?

Ohmae: Nein, auf keinen Fall. Der Nikkei-Index wird weiter sinken.

mm: Das Bild, das Sie zeichnen, ist verwirrend, Herr Ohmae. Der Wirtschaft geht es schlecht, und die Menschen kompensieren den Niedergang mit italienischem Wein. Die Unternehmen verlieren international an Wettbewerbsfähigkeit, und Sie feiern den Boom der Outplacement-Gesellschaften. Wohin führt diese Entwicklung?

Ohmae: Japan hat seinen Höhepunkt überschritten. Das Japan der 70er und 80er Jahre, das ausländische Märkte erobert hat, gibt es nicht mehr. Mich erinnert die Situation an die Geschicke von Spanien und Portugal, die einst die führenden Nationen der Welt waren und dann jahrhundertelang abwärts trudelten.

mm: Was müsste geschehen, damit die Wirtschaft wieder ein solides Fundament erhält?

Ohmae: Seit 400 Jahren wird Japan zentral von Tokio aus gesteuert. Diese Grundstruktur wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert. Bis heute lenkt das Ministerium für Außenhandel die Wirtschaft mit seinen Fünf-Jahres-Plänen.

mm: In den Jahrzehnten des Aufbaus zweifellos ein erfolgreiches Konzept.

Ohmae: Diese Phase ist vorüber. Japan ist eine reife Nation mit Menschen, die differenziert denken. Und unsere Unternehmen müssen sich in einer globalisierten Welt bewähren. Daher brauchen wir eine dezentrale Struktur.

mm: Immerhin werden die Präfekturen von Tokio üppig mit Geld versorgt.

Ohmae: Aber das ist genau der Punkt: Tokio ist heute die einzige Stadt, die Überschüsse erzielt. Wir hängen alle am Tropf der Zentrale. Wir müssen das Land in autonome Republiken aufteilen, die ausländische Firmen, Technologie und Kapital hereinholen können. Doch Tokio lässt das nicht zu; unsere Politiker regieren das Land nach den alten Schnittmustern.

mm: Was heißt das für Japan?

Ohmae: Wir richten uns im Abschwung gemütlich ein. Wenn wir Glück haben, taucht am Horizont eine echte Führungsfigur auf, jemand wie Maggie Thatcher, und leitet die Wende ein. Bis dahin fällt Japan noch tiefer. Wir haben die Talsohle noch nicht erreicht.

Die Malik-Kolumne: Aus Japans Fehlern lernen


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