Electricité de France Vom Blitz getroffen

Forsch, finanzstark, fintenreich - der französische Staatskonzern hat einen zweifelhaften Ruf: Europas Reizfirma Nummer eins.

Wer die belebte Avenue de Wagram vom Arc de Triomphe hinunterhetzt, läuft glatt vorbei. Eine Baulücke tut sich plötzlich auf, Müllcontainer verengen die Zufahrt, Waren für ein angrenzendes Kaufhaus werden ausgeliefert. Etwa 50 Meter zurückgesetzt, recken sich unscheinbare neun Stockwerke in den Pariser Himmel, in Grau und Braun und Beige getüncht, von einem Flachdach gedeckelt - flüchtiger Eindruck: sozialer Wohnungsbau.

Wären da nicht die drei Buchstaben, in glasgrauen Versalien parterre gestellt: Die tristen Couleurs verbergen nicht weniger als die Hauptverwaltung des weltgrößten Stromversorgers, Electricité de France (EDF).

Ein Gigant macht sich klein.

Während andere mit blitzenden Palästen protzen, rechnet EDF lieber seinen Erfolg herunter. Offiziell verkaufen die Franzosen jedes Jahr rund 480 Milliarden Kilowattstunden; inklusive Mehrheitsbeteiligungen sind es deutlich über 500, etwa so viel wie die deutschen Multis Eon  und RWE  zusammen.

Das Understatement hat Methode. EDF wird von Konkurrenten, Regierungen und Kartellbehörden so argwöhnisch fixiert wie kaum ein zweites Unternehmen in Europa.

Die Staatsfirma trickst den Rest der (privaten) Stromwelt auf deren Terrain nach Watt und Volt aus; ihr Heimatmarkt bleibt Fremden dagegen noch weit gehend verschlossen. Das Zurschaustellen der eigenen Größe schadet da nur, macht Wettbewerber noch missgünstiger und Politiker noch misstrauischer.

Seit Öffnung des EU-Energiemarktes hat sich die EDF in fast jedem Winkel Europas eingekauft: mal mit eigenem Geld, mal mit Hilfe ihrer Tochterfirmen - und stets zum blutdrucktreibenden Ärger blamierter Mitbieter.

So erwarb sich der Konzern, im eigenen Land einer der beliebtesten Arbeitgeber, einen einzigartigen Ruf: Europas Reizfirma Nummer eins - forsch, finanzstark, fintenreich.

Ist EDF noch zu stoppen?

Die Regierungen Italiens und Spaniens versuchten, mit Stimmrechtsschranken den Einfluss von EDF bei ihren Stromunternehmen zu begrenzen; Bundeswirtschaftsminister Werner Müller drohte indirekt mit einem Importverbot für Franzosenstrom.

Der Widerstand war wenig wirksam. EDF, so viel scheint gewiss, kann wohl nur einer bremsen: EDF selbst.

Jahrelang blickten Europas Stromexperten eher amüsiert nach Frankreich. Den Moloch EDF lähmten parteipolitische Intrigen und interne Machtkämpfe; die Bastion der so bockbeinigen wie mächtigen Kommunistengewerkschaft CGT galt als unregierbar. Bis François Roussely (57) kam.

Eine turbulente Tour d'Europe

Eine turbulente Tour d'Europe

Der stille, blasse Beamte mit klassischer Managerlaufbahn (Eliteschule ENA, Ministerien, Staatsbetrieb) rüttelte den müden Monopolisten wach - für ein bescheidenes Jahresgehalt von rund 230.000 Euro. Sein Vater hatte einst als EDF-Distriktchef im südwestfranzösischen Périgord gedient; der Sohn verstand wenig vom Stromgeschäft. Doch eines wurde ihm rasch klar:

EDF musste im Ausland kraftvoll expandieren, bevor die Erträge daheim der von der EU erzwungenen Liberalisierung zum Opfer fallen würden.

Mit reichlich Kapital auf den Konten startete Roussely seine Tour d' Europe. Was er haben wollte, bekam er zumeist - er zahlte schließlich gut. Allein im abgelaufenen Jahr 2001

  • stieg EDF bei Italiens größtem privaten Stromkonzern, Montedison, ein, mit Bündnispartner Fiat;
  • ließ die EDF ihre deutsche Beteiligungsgesellschaft EnBW Anteile des spanischen Versorgers Hidrocantábrico kaufen;
  • ermunterte EDF ihre britische Tochter London Electricity zur Übernahme des Wettbewerbers Eastern;
  • erwarb EDF die Hälfte der polnischen Kraftwerksgesellschaft Rybnik, im Konsortium mit EnBW;
  • sicherte EDF sich ein Stück vom belgischen Stromerzeuger SPE, diesmal allein und auf eigene Rechnung.
Für jedes Hindernis hatte Roussely ein Manöver parat. Wuchs der nationale Protest gegen ein EDF-Engagement, suchte er Bundesgenossen; verbat sich ein Geschäft von vornherein, schickte er Töchter vor; und als es richtig brenzlig wurde, intervenierte Frankreichs Staatsregierung höchstselbst.

Fast wäre Roussely zum Jahresausklang auch noch der Coup in Tschechien geglückt. Für die staatliche Stromversorgung hatte EDF den höchsten Preis geboten. Doch dann konnten sich die Parteien nicht über das Gesamtpaket einigen - der Verkauf wurde vertagt; EDF bleibt aussichtsreichster Anwärter.

Elf Milliarden Euro hat Roussely seit Anfang 2001 für Firmenkäufe ausgelegt, weitere acht Milliarden sind bis Ende 2003 budgetiert.

Das erscheint auf den ersten Blick noch nicht einmal viel; die Energiemultis RWE und Eon gaben zuletzt deutlich mehr aus. Doch Rousselys Übernahmetaktik ist relativ kostengünstig, so hohe Zuschläge er im Einzelfall zahlt, um die Konkurrenz auszustechen: Er kauft oft nur Minderheitsanteile, sichert sich aber gleichzeitig per Vertrag möglichst den beherrschenden Einfluss. Auf diese Weise kann die EDF zum halben Tarif ihr Stromnetz über Europa spannen.

In Frankreich tut sich die EDF-Konkurrenz dagegen schwer. Der Markt steht Wettbewerbern erst zu rund einem Drittel offen, Stromfirmen gibt es kaum zu kaufen. Was bleibt? Ein Ringen um jeden einzelnen Kunden.

Zum Beispiel in der Rue Crémieux 33 - drei Minuten Fußweg vom Gare de Lyon, im Pariser Osten.

Eine ruhige, langweilige Seitenstraße, auffällig nur das Haus mit der blauen Eingangstür, den blauen Rollläden - den Farben der RWE.

Seit April 2001 sind die Essener mit einem eigenen Vertriebsbüro vor Ort. Es geht beengt zu auf vier schmalen Stockwerken mit jeweils nur einem Raum; Michelin-Karten an den Wänden weisen den Weg durch das ach so fremdartige Stromland.

"Eine Hand voll konnten wir gewinnen"

Rund 180 Betriebe sind EDF bislang untreu geworden, seitdem Großkunden den Anbieter wechseln dürfen. "Eine Hand voll konnten wir gewinnen", sagt Georg Narciß (38), Statthalter von RWE in Paris.

Alles in allem hat die EDF 3 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt - eine Petitesse. Der Konzern kontrolliert das Spiel. Superkunden wie Renault oder Michelin hält EDF um jeden Preis. Bei anderen zeigen sich die Franzosen generös. Sie wollen guten Liberalisierungswillen demonstrieren, aber vor allem die Fehler der Deutschen vermeiden: chaotische Marktöffnung, Preisrutsch, Ertragsverfall.

Wie das praktisch läuft, können die Franzosen seit knapp zwei Jahren aus nächster Nähe beobachten. Damals beteiligte sich der Konzern am drittgrößten deutschen Stromversorger, EnBW. Heute ist das Unternehmen die wohl wichtigste Auslandsgesellschaft für EDF, Experimentierfeld im Privatkundengeschäft und trojanisches Pferd für die weitere Expansion (siehe "EnBW: Wie Gerhard Goll die deutsche EDF-Beteiligung regiert").

Bei seinem Einstieg profitierte EDF von einer "Traumkonstellation", erinnert sich ein Wettbewerber. EnBW-Chef Gerhard Goll hatte seinen CDU-Parteifreund, Baden-Württembergs Landesvater Erwin Teufel, frühzeitig für die französische Liaison erwärmen können; und die deutschen Interessenten mussten am Ende passen, auch aus eigenem Interesse: Viag fusionierte mit Veba zu Eon, RWE griff nach VEW - ein zusätzlicher Schwaben-Deal wäre wohl an den Wettbewerbshütern gescheitert.

Der Weg war frei für die Franzosen. Jetzt konnte nur noch Brüssel das Geschäft verhindern.

Eon beauftragte den renommierten Kölner Wettbewerbsprofessor Carl Christian von Weizsäcker mit einem Gutachten. Der Wissenschaftler stellte die Strategie der Franzosen bloß: EDF erwerbe im Ausland "systematisch kontrollierende Beteiligungen". Durch diese Brückenköpfe, so argumentierte der Ökonom, könne EDF ein "Drohpotenzial" aufbauen: Unangenehme Vorstöße in seinen eigenen Heimatmarkt könnte der Konzern mit Niedrigpreisen im Land des Konkurrenten bestrafen.

So eingängig die Analyse war, sie überzeugte die EU-Kommission nicht. Zu gut hatte sich Roussely vorbereitet. Brüsseler Anwälte, auf EU-Wettbewerbsfälle spezialisiert, hatten ihm eine ausgeklügelte Strategie entworfen (Motto: Mitarbeit, Demut, Transparenz). Roussely selbst stellte sich den EU-Beamten. Auf Rat der Juristen schlug er, nach langem Zögern, sogar Auflagen vor - wie etwa die Versteigerung von EDF-Kraftwerkskapazität an die Konkurrenz.

Keine Frage, EDF beherrscht den Umgang mit der EU-Bürokratie, anders als andere Industriegiganten. Wettbewerbskommissar Mario Monti hält die "Asymmetrie" der europäischen Stromliberalisierung, das delikate Trödeln Frankreichs, zwar für "problematisch", schiebt die Verantwortung aber weiter: Die Regierungen müssten den Missstand beseitigen, doch sie schreckten davor zurück.

Gelegenheiten gab es genug. Auf dem Stockholmer EU-Gipfel im März vergangenen Jahres sollte ein Fahrplan für die weitere Öffnung des Strommarktes verabschiedet werden. Frankreichs Staatschef Jacques Chirac blockte, Gerhard Schröder blockte mit - ein gutes deutsch-französisches Verhältnis schien dem Bundeskanzler wichtiger.

Monti lässt derweil untersuchen, ob gegen EDF ein Prüfverfahren wegen verbotener Staatshilfen eröffnet werden muss. Der Beweis dürfte ihm schwer fallen, ein solcher Fauxpas passt nicht zur Professionalität der EDF-Manager.

Geschick bewiesen die Franzosen auch mit der Wahl ihrer Investmentbank. Bei den politisch sensiblen Deals griff EDF nicht auf nassforsche US-Institute zurück, sondern bediente sich des fein gesponnenen europäischen Netzwerks der Deutschen Bank.

Es brodelt im Inneren

Es brodelt im Inneren

Die Beziehung wird immer enger: Im Oktober wechselte der frühere M&A-Chef von EDF, Olivier Petros, zum Frankfurter Geldhaus; die Bank bereitet den Börsengang der EnBW vor und hofft auf das richtig große Geschäft - die Privatisierung von EDF.

Nun will Roussely erst einmal konsolidieren. Es gilt, die europäischen Beteiligungen zu einer schlagkräftigen Gruppe zusammenzuführen. Modell: eine Art Star Alliance.

Die Konkurrenten auf Rousselys Heimatmarkt, die stehen noch am Anfang - und suchen Anschluss.

Etwa in der Rue de Liège 47 - kurz bevor sie sich in den Place de l' Europe im Norden der Pariser City ergießt.

Seit Oktober sitzt die Eon Energie AG in einem renovierten Bürohaus aus der Gründerzeit, zweite Stiege links. Kamine plus Wandspiegel, viel Stuck an den Decken, "ein architektonisches Kleinod", findet Jochem Rinne (55), Eon-Repräsentant in Frankreich.

Nein, hier zieht man nicht sofort wieder aus, die Chose ist auf länger angelegt. Zwei Monate hat es gedauert, bis das Eon-Türschild hing - Aufbauphase eben, Gründerzeit.

Rinne verschafft sich gerade einen Überblick, wann bei welchen Großkunden Stromverträge auslaufen; er knüpft Kontakte in die Politik, baut ein Netzwerk auf. Dringend gesucht: ein französischer Vertriebsexperte.

"Wie schnell der Strommarkt weiter geöffnet wird, wissen wohl nicht einmal die Franzosen selbst", glaubt Rinne. Sicher ist nur: Es wird etwas passieren.

Tatsächlich, es brodelt schon gewaltig im Inneren von EDF. Das Verhältnis zum Aktionär ist neuerdings empfindlich gestört. Erst düpierte Roussely Finanzminister Laurent Fabius, weil er sein Vorgehen in der kniffligen Montedison-Sache nicht im Detail mit der französischen Regierung abgestimmt hatte. Ende Dezember revanchierte sich Fabius und blockierte die geplanten Strompreiserhöhungen für 2002.

Überkapazitäten in den Kraftwerken, viel zu viel Personal - Roussely droht nicht nur ein Machtkampf mit der Regierung, sondern auch mit den Gewerkschaften. Erst recht, wenn nach den Präsidentschaftswahlen im Mai die Privatisierung von EDF aufs Tableau kommen sollte.

Bis dahin will sich EDF ein wenig zurücknehmen. Na ja, vielleicht noch die eine oder andere kleinere Akquisition. Den Kauf der englischen Stromgesellschaft Seeboard zum Beispiel würden die Wettbewerbsbehörden wohl noch genehmigen.

Eon hätte die auch gern. Aber wenn EDF mitbietet ...

Weiter zu: EnBW - Wie Gerhard Goll die deutsche EDF-Beteiligung regiert


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