Live-Ticker Der Wind weht kalt für Heinrich von Pierer

Die Hauptversammlung am heutigen Donnerstag verspricht turbulent zu werden. Entlassungen im großen Stil und kräftige Gewinneinbußen haben Siemens in die Schlagzeilen gebracht. Die Aktionäre fordern Erklärungen. Für mm.de berichtet Ute Dorau vor Ort.

München - 8.30 Uhr: Die jüngsten Quartalszahlen geben wenig Anlass zur Heiterkeit. Der Siemens-Konzern ist mit operativen Gewinnrückgängen ins neue Geschäftsjahr gestartet. Die Ergebnisse der operativen Bereiche im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2001/02 (30. September) liegen in der Summe nach ersten Einschätzungen unter dem starken ersten Quartal des Vorjahres. Das sind alles keine Guten Nachrichten. Sie werden Heinrich von Pierer den Tag nicht leichter machen, wenn er in der Münchener Olympiahalle vor seinen Aktionären Rechenschaft für das Geschäftsjahr 2000/01 ablegt. Die Belegschaftsaktionäre haben bereits angekündigt, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern.

9.15 Uhr: Die Olympiahalle ist bereits gut mit Aktionären gefüllt. Im Pressezentrum brummt es. Von Pierer gibt sich bei einem Vorgespräch vor der Presse gelassen. Er sagt, er erwarte keine turbulente Hauptversammlung. Ich denke, er irrt.

9.20 Uhr: Im Geschäftsjahr 2000/01 hatte der Siemens-Konzern einen Gewinneinbruch erlitten. Das Ergebnis ging von 8,9 auf 2,1 Milliarden Euro zurück. Der Umsatz wuchs um 15 Prozent auf 82,3 Milliarden Euro. Mit dem Konzernumbau will das Unternehmen weltweit insgesamt 17.000 Stellen streichen. "Was den Personalabbau angeht, sind wir durch das Schlimmste durch", sagt Pierer.

9.35 Uhr: Das Vorgespräch ist zu Ende. In der großen Olympiahalle sichern sich die ersten Aktionäre die besten Plätze und lesen Zeitung. In der Arena werden auf einer riesigen Leinwand Siemens-Spots gezeigt. Die meisten Anleger ziehen der Werbung allerdings ein zweites Frühstück an den Bars auf den Fluren vor.

9.35 Uhr: Wie üblich bei Siemens werden Aktionäre und Presse strikt voneinander getrennt. Gespräche mit den Aktionären sind erst im Laufe der HV möglich, nicht vorher. Eine Stimme konnte ich jedoch auf der Fahrt hierher einfangen. Ein Loblied auf Siemens und seinen Vorstandschef sang der Taxifahrer: "Siemens ist der absolute Blue-Chip". Daran ändere auch das vergangene Jahr nichts. Er musste sich allerdings von seinen Aktien trennen, als sein Unternehmen im vergangenen Jahr pleite ging. "Leider."

9.45 Uhr: Menschen-Massen drängen sich inzwischen von der U-Bahn zur Olympia-Halle. Es ist ein Andrang wie bei einem Großkonzert. Die Sicherheitsvorkehrungen sind strikter als auf dem Flughafen. Die Aktionäre können sich auf Wartezeiten bis zu einer halben Stunde einstellen. 10.000 Menschen passen in die Halle und soviele werden auch erwartet.

10 Uhr: Kaffee entwickelt sich zur absoluten Mangelware.

10.03 Uhr: Soeben kommt die Durchsage, dass sich der Start um etwa fünf Minuten verschiebt. Dann soll es los gehen, auch wenn noch zahlreiche Aktionäre durch die Kontrollen gelotst werden müssen.

10.05 Uhr: Ein Aktionär aus Schwaben, der bereits seit vier Uhr morgens auf den Beinen ist, erzählt, dass für ihn die Siemens-Aktie unbedingt zu einem guten Aktien-Mix gehört. Die Einbrüche bei Siemens hält er für Konjunktur bedingt und lastet sie von Pierer nicht weiter an. "Die 17.000 Stellen, die gestrichen werden, sind zwar eine menschliche Tragödie, wirtschaftlich ist der Schritt aber sinnvoll", sagt er - sehr verständnisvolle Aktionäre.

10.05 Uhr: Eben in diesem Moment eröffnet Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann die Hauptversammlung.

10.20 Uhr: Die Formalien sind abgehakt. Der Aufsichtsrat trat im vergangenen Jahr fünf Mal zusammen, um vor allem über das Sorgenkind Telekommunikation und Information (IC-Bereich) aber auch über den Logistikbereich Siemens Dematic und den Automobilzulieferer VDO zu sprechen.

10.25 Uhr: Heinrich von Pierer ergreift das Wort.

10.25 Uhr: Das Netzwerkgeschäft ICN bleibt auch zukünftig das Sorgenkind des Konzerns. Mit den Worten, "das Marktumfeld hat sich in letzter Zeit nicht verbessert", gibt von Pierer auf diesem Gebiet wenig Hoffnung. Der Vorstandschef sieht in naher Zukunft keine Besserung der konjunkturellen Lage in Deutschland und den USA. Er könne sich aber eine Erholung in den USA in der zweiten Jahreshälfte vorstellen.

10.30 Uhr: Mit dem Programm "Operation 2003" will der Siemens-Chef die Strategie für das nächste Jahr festlegen und die Produktivität steigern. In der Sparte "Information and Communication Networks" (ICN) soll die Anzahl der Fertigungsstätten halbiert werden.

10.35 Uhr: Der Vorstandschef wendet sich den guten Zahlen zu. Er lobt das Wachstum bei Siemens, "trotz der angespannten Marktlage", von 17 Prozent. Infineon nicht mitgerechnet. Umsatzbringer Nummer eins seien Kraftwerke, Transport und Medical Services.

10.35 Uhr: Und weil ja "cash king ist", verweist er auf den Aktienkurs, der sich nach dem Jahrestief im September (35 Euro) bis Dezember verdoppelt hat.

10.45 Uhr: Die übliche Lobeshymne über Rekord-Investitionen in die Forschungs- und Entwicklungsarbeit und über Rekordzahlen bei der Anmeldung von Patenten klingt vom Podium.

10.50 Uhr: Die Beteiligung an Infineon von derzeit noch 41 Prozent soll auf marktschonende Weise weiter verringert werden.

10.57 Uhr: Der Saal ist nun brechend voll. Die Aktionäre sind konzentriert und halten sich mit Zwischenrufen zurück.

11.02 Uhr: Von Pierers Bemerkung "die Konzernzentrale will 2002 15 Prozent Kosten sparen", sorgt im Auditorium für spöttisches Gelächter.

11.10 Uhr: Der Vorstandschef, sprachlich immer mehr in Fahrt, lässt inzwischen auch Selbstkritik zu. "Die Erträge lassen noch zu wünschen übrig."

11.20 Uhr: Während sich von Pierer über die Aufbruchstimmung der Aktionäre freut, sind in der Arena bereits drei eingeschlafen.

11.25 Uhr: Die Rede ist beendet.

11.32 Uhr: Die Liste der Aktionäre und Aktionärsvertreter, die zu Wort kommen wollen, ist lang. "Wenn jeder die Sprechzeit von 15 Minuten voll ausschöpft, sitzen wir noch um 23 Uhr hier", warnt Aufsichtsratschef Baumann.

11.35 Uhr: Die Debatte wird von Daniela Berchthold von der Vereinigung Deutscher Wertpapierschützer eröffnet. Als "wirklich trostloses Feld" bezeichnet sie die Mobilfunksparte ICM. "Wann sind sie in diesem Bereich wieder wettbewerbsfähig?", fragt sie von Pierer. Allerdings besteht für sie kein Grund, Vorstand oder Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

11.35 Uhr: Ein Vertreter der DWS - Deutschlands größter Fonds-Gesellschaft - nutzt die Zeit für einen eigenen Marktbericht. Gelangweilt strömen die Anleger aus dem Saal, um erneut die Kaffee-Theken zu stürmen.

11.50 Uhr: Wie meistens bei derartigen Veranstaltungen haben zunächst die gemäßigten Aktionärsvertreter das Wort. Über die Hälfte der Anleger beschäftigt sich statt mit deren Reden lieber mit Kaffee, Eis und Brötchen.

12.30 Uhr: Ein Aktionär beklagt die kärgliche Rendite von 0,01 Prozent im US-Geschäft: "Ich konnte im Geschäftsbericht keine exzellenten Daten finden." Der Redner zweifelt an, "ob Herr Baumann da wirklich seine Aufsichtsratspflicht wahrgenommen hat".

mm-Mitarbeiterin Ute Dorau

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