Aldi Im Süden geht alles schneller

Nicht immer waren die Brüder derart auf Distanz. Begonnen hatte alles so harmonisch.

Nach dem Krieg standen Karl und Theo gemeinsam in dem von den Eltern übernommenen Lebensmittelgeschäft in Essen. Bis 1960 hatten die Brüder den Betrieb auf 300 Filialen ausgeweitet.

Ein Jahr später teilten die Albrechts ihr Reich auf. Seitdem führt Theo die Nordgruppe von Essen aus, Karl den Südbereich aus der Nachbarstadt Mülheim. Zwischen beiden Städten verläuft auch die Aldi-Grenze.

1962 eröffnete Theo Albrecht in Dortmund den ersten Al(brecht)-Di(scount)-Markt. Das Konzept, das der Süden übernahm, beruhte auf knapper Kalkulation, hoher Qualität, kleinem Sortiment und einfacher Ladenausstattung. Eine einzigartige Erfolgsstory begann.

In den ersten Jahren arbeiteten die Teilfirmen noch intensiv zusammen, schon weil es gesellschaftsrechtliche Verbindungen gab. Die sind inzwischen gekappt.

Die Koexistenz funktionierte auch in den 70er und 80er Jahren reibungslos. Erst in der jüngeren Vergangenheit reduzierte sich das Miteinander auf Koordinierungsgespräche über Lieferanten und Konditionen.

Tief gehend können diese Gespräche nicht mehr sein. Jeder Teil kauft heute selbstständig ein; entsprechend weichen die Warenangebote voneinander ab. Der Süden führt mit rund 600 Artikeln nach wie vor das straffere Sortiment; das bringt Vorteile beim Einkauf, bei der Lagerhaltung, bei der Verteilung der Ware und bei den Abläufen im Laden. Der Norden hingegen weichte das Prinzip des Harddiscounters auf; dort dehnte Aldi das Angebot auf rund 700 Artikel aus.

War früher der Norden Vorreiter bei der Einführung neuer Produktlinien, wie beispielsweise Tiefkühlkost, handelt jetzt meist der Süden schneller - auch was Technik und Organisation angeht. So wurden in der südlichen Aldi-Sphäre schon 1999 Scannerkassen installiert, während die Kassiererinnen im Norden noch immer sämtliche Artikelnummern auswendig wissen und per Hand eintippen mussten; erst jetzt zieht der Norden nach und modernisiert sein Kassensystem.

Südlich des Aldi-Äquators geht einfach alles schneller. Als die beiden Discounter 1999 gemeinschaftlich entschieden, Kellogg's Cornflakes auszulisten, fanden Karls Einkäufer mit dem Produzenten Devauge in Lüneburg rasch einen neuen Lieferanten.

Die Kollegen aus dem Norden hingegen konnten nicht so schnell auf den angestammten Markenlieferanten verzichten. Sie ließen ihre Eigenmarke "Gletscherkrone" zunächst von einer Kellogg-Tochter produzieren. Erst ein Jahr später hatte Devauge genügend Produktionskapazitäten aufgebaut, um auch die Nord-Märkte beliefern zu können.

Generell sind die Entscheidungswege bei Aldi Süd kürzer. Dort wird zentral über die Einführung von Innovationen entschieden. Im Norden hingegen wird ein neues Produkt zunächst monatelang in drei Niederlassungen getestet, bevor es flächendeckend angeboten wird. Zwangsläufige Folge: Der Norden kommt mit neuen Artikeln später auf den Markt.

Petra Schlitt

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