Bayer Angst vor Anthrax steigt

Neue Milzbrand-Fälle im US-Kongress. Die Nachfrage nach Ciprobay schnellt hoch. Die Verluste aus dem Lipobay-Desaster kann sie allerdings nicht ausgleichen.

New York/Leverkusen - Der erwartete Ergebnisbeitrag aus der erhöhten Produktion des Antibiotikums Ciprobay kann bei Bayer (Kurswerte anzeigen) nach Konzernangaben in diesem Jahr nicht die Ergebnisbelastung durch die Rücknahme des Medikaments Lipobay ausgleichen. 2001 gehe das sicher nicht, sagte Bayer-Sprecher Michael Diehl am Mittwoch. Am Nachmittag wurde der US-Kongress nach neuen Infektionsfällen vorläufig geschlossen: Bei 29 Mitarbeitern des demokratischen Mehrheitsführers im Senat, Tom Daschle, sind Spuren des Milzbranderregers Antrax nachgewiesen worden. Die Sporen wurden offenbar durch die Belüftungsanlage verbreitet.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl von Milzbrand-Infektionen in den USA hat die Bayer AG der US-Regierung zugesagt, innerhalb von drei Monaten 200 Millionen Tabletten des Antibiotikums Ciprobay verfügbar zu machen. Dazu werde die wöchentliche Produktion von fünf Millionen auf 15 Millionen Tabletten hochgefahren, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern verfügt in den USA bis Dezember 2003 über ein Patent auf Ciprobay. Zahlreiche US-Bürger kaufen bereits Nachahmer-Präparate in Mexiko.

Wie sich die Produktionserhöhung des einzigen in den USA zur Behandlung von Milzbrand zugelassenen Medikaments 2001 auf den Konzernumsatz auswirke, könne er noch nicht abschätzen, sagte Diehl. In den USA soll in den nächsten drei Monaten die Produktion von Cipro-Tabletten verdreifacht werden.

Bereits nach Bekanntwerden der ersten Fälle von Milzbrand in den USA hatte Bayer angekündigt, die in Deutschland angesiedelte Produktion des Ciprobay-Wirkstoffes Ciprofloxacin von November an um 25 Prozent zu erhöhen. Die US-Regierung und viele verunsicherte Bürger in den USA wollen einen Vorrat des Medikaments aufbauen. In den USA haben sich bislang US-Angaben zufolge 13 Menschen mit dem Milzbrand-Erreger infiziert, ein Mann starb Anfang des Monats an Milzbrand.

Umsatzstärkster Blockbuster

Ciprobay, das als so genanntes Breitband-Antibiotikum gegen verschiedene bakterielle Infekte eingesetzt werden kann, war im vergangenen Jahr mit 1,785 Milliarden Euro Umsatz der umsatzstärkste Blockbuster bei den Bayer-Medikamenten. Mit dem im August zurückgerufenen Cholesterinsenker Lipobay hatte Bayer im vergangenen Jahr 636 Millionen Euro Umsatz erzielt und in diesem Jahr einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erwartet. Durch den Rückruf von Lipobay muss Bayer in diesem Jahr einen Ergebnisausfall von bis zu 800 Millionen Euro verkraften.

In den USA sollen in den nächsten drei Monaten bis zu 200 Millionen Cipro-Tabletten hergestellt werden. Das seien ungefähr dreimal so viele wie sonst, sagte Diehl. "Möglicherweise fahren wir dann wieder zurück auf das normale Maß. Das ist abhängig von der Krisensituation."

In den USA gibt es kein Nachahmerprodukt

Ein zugelassenes Nachahmerprodukt (Generikum) gebe es für Ciprobay, das in den USA unter dem Namen Cipro verkauft wird, in den USA nicht, betonte Diehl. Der US-Senator Charles Schumer forderte die US-Regierung auf, den Patentschutz für Ciprobay zu lockern. Das US-Patent läuft Ende 2003 aus. Auf die Forderung Schumers, den Preis des Medikaments zu senken, ging Bayer nicht ein. Die Preise seien seit Monaten konstant. Die US- Regierung zahlt nach Angaben von Bayer für eine solche Tablette 1,83 Dollar, Großhändler 4,57 Dollar.

In Deutschland ist das Patent für Ciprobay laut Diehl in diesem Jahr ausgelaufen und es sind auch schon Nachahmerprodukte auf dem Markt. Diehl warnte vor der vorsorglichen Einnahme von Ciprobay. "Das ist ein hochwirksames Arzneimittel, damit soll man nicht rumspielen." Generell bestehe bei der unkontrollierten Einnahme von Antibiotika die Gefahr, dass sich eine Resistenz gegen den Wirkstoff bilde.