Flowtex Das dritte Geständnis

Wie simpel der Riesen-Betrug lief, schilderte die um Fassung ringende Ex-Sekretärin vor Gericht.

Mannheim - Die ehemalige Flowtex-Chefsekretärin Angelika Neumann sagte vor dem Mannheimer Landgericht, sie habe seit 1995 von "Luftgeschäften" mit nicht existierenden Bohrsystemen gewusst. Gemeinsam mit drei weiteren Angeklagten soll Neumann durch Scheingeschäfte einen Schaden von knapp 4 Milliarden Mark verursacht haben. Die mutmaßlichen Betrüger sollen über 100 Banken und Leasinggesellschaften geprellt haben.

Von der Sekretärin zur Geschäftsführerin

"Falsche Loyalität hat mein Handeln bestimmt", sagte Neumann, die während ihrer Aussage mehrfach den Tränen nahe war. Sie war 1975 als Sekretärin zum Flowtex-Geschäftsführer Manfred Schmider gekommen, hatte später Schmiders Farbenfirma Texcolor geleitet und 1991 auch die Leitung der zur Flowtex-Gruppe gehörenden Firma KSK übernommen.

KSK verkaufte nicht existente Bohrmaschinen an Leasingfirmen. Anschließend traten sofort andere Flowtex-Unternehmen als Kunden der Leasingfirmen auf und übernahmen die fiktiven Maschinen. Flowtex vertrieb Bohrsysteme, mit denen Rohre und Kabel unter der Erde verlegt werden können, ohne die Straßen aufreißen zu müssen. Vor einer Betriebsprüfung 1995/96, so Neumann, habe ihr eine detaillierte Aufstellung aller Bohrsysteme "das Ausmaß des Schadens" gezeigt, sagte Neumann. Danach hätten 300 verkauften Bohrsystemen nur 150 oder 180 fertige oder im Bau befindliche Maschinen gegenüber gestanden.

"Herr Schmider konnte schon ungehalten werden"

In wöchentlichen "Abstimmungsgesprächen" mit Schmider habe sie dem Chef vorgetragen, von welchen Leasingfirmen Gelder eingegangen seien, sagte Neumann. Diese Gespräche seien in "zunehmendem Maße" schwierig geworden. "Herr Schmider konnte schon ungehalten sein, wenn das Geld nicht reichte." Da Flowtex "viel Geld" für die Leasingraten gebraucht habe, sei der Druck gewachsen. "Ich wollte auch durch finanzielle Erfolge dazu beitragen, unsere Schulden zu minimieren. Die großen Sorgen von Herrn Schmider waren wie meine eigenen", sagte Neumann. "Ich fühlte mich verantwortlich,wenn das Geld nicht reichte."

Weil die Leasingfirmen die Maschinen nicht selbst einsetzten, bemerkten sie nicht, dass diese gar nicht existierten. Flowtex musste aber monatlich hohe Beträge für die Leasingraten aufbringen, die von den Einnahmen nicht gedeckt wurden. Nach Darstellung des Gerichts funktionierte der Schwindel nur, weil nicht bekannt war, dass KSK zu Flowtex gehörte.

1997 habe sie auf Initiative Schmiders hin rückdatierte Rechnungen über nicht existierende Bohrsysteme in die KSK-Buchhaltung geschmuggelt. Die Rechnungen hätten von einer spanischen Firma des deutsch-syrischen Geschäftsmannes Yassin Dogmoch gestammt. Dogmochs Firma war jedoch bereits seit Jahren in Konkurs.

Der Prozess wird am Donnerstag mit der Aussage des ehemaligen Flowtex-Finanzchefs Karl Schmitz fortgesetzt. Dieser bestreitet, von den Scheingeschäften gewusst zu haben. Sein Anwalt Maximilian Endler sagte jedoch, es könne zu einer "Änderung im Aussageverhalten" seines Mandanten kommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.